Millionen Deutsche sorgen sich vor sozialem Abstieg – „alarmierende“ Unterschiede
Stand: 18.02.2026, 06:37 Uhr
Von: Moritz Maier
Der Sozialverband hat gefragt, wie viele Menschen 2026 Abstiegsängste befürchten. Junge Menschen und Frauen sorgen sich besonders, Beamte kaum.
Berlin – Wirtschaftskrise, politische Zoffereien und eine dauernd eskalierende Weltlage rund um Putin und Trump: Ein großer Teil der Deutschen sorgt sich, 2026 sozial abzusteigen. Das ergibt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Sozialverbands Deutschland (SoVD), für die vom 29. bis zum 31. Januar 5000 Menschen befragt wurden. Die bitteren Ergebnisse liegen der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media exklusiv vor.
Millionen Deutsche haben Angst vor sozialem Abstieg im Jahr 2026. Wer besonders betroffen ist. © picture alliance/dpa | Fabian Sommer/ Datawrapper (Montage)
Insgesamt gaben 38,6 Prozent der Befragten an, für 2026 sehr große (20,6 %) oder eher große (18,0 %) Sorgen vor sozialem Abstieg, etwa durch finanzielle Einbußen, weniger soziale Teilhabe oder zunehmende Einsamkeit, zu haben. Rund 18 Prozent sind unentschieden, insgesamt 43,3 Prozent haben diesbezüglich kleine oder sehr kleine Sorgen.
Angst vor sozialem Abstieg: Frauen, Arbeiter und junge Menschen besonders pessimistisch
Für den Sozialverband sind die Ergebnisse schockierend: „Es ist alarmierend, dass insbesondere junge Menschen, Ostdeutsche, Frauen, Arbeiterinnen und Arbeiter, die unser Land tagtäglich am Laufen halten, sowie Haushalte mit Kindern, von denen die Zukunft Deutschlands abhängt, überdurchschnittlich häufig Abstiegsängste äußern“, sagt die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Die Zahlen unterstrichen Eindrücke, „die uns täglich von unseren Mitgliedern in den SoVD-Sozialberatungsstellen deutschlandweit geschildert werden, und verdeutlichen das Ausmaß sozialer Verunsicherung in unserem Land“, so Engelmeier.
Dabei gibt es laut diesen Daten klare Unterschiede zwischen Regionen, Alter und weiteren sozioökonomischen Kategorien. Am meisten sind große oder eher große Sorgen in Sachsen-Anhalt (48,7 %) verbreitet, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (48,2 %) und Thüringen (47,7 %). Das Bundesland mit der niedrigsten Quote an Menschen mit großen Abstiegssorgen ist Schleswig-Holstein (31,1 %). Hessen liegt mit 38,9 Prozent im Mittelfeld.
„Die Ungleichheit in Ost und West hat sich über die Jahre verfestigt, das befeuert zudem das Gefühl der Ungerechtigkeit“, kommentiert Engelmeier vom SoVD. „Die Löhne sind im Westen 15 bis 20 Prozent höher, die Vermögen sogar fast doppelt so hoch wie im Osten. Daher unsere klare Forderung: Die Politik muss endlich für gleichwertige Lebensverhältnisse sorgen.“ Nur in einer gleichen und gerechten Welt, sei der Zusammenhalt stark und man werde resilienter gegen „populistische Menschenfänger“, so Engelmeier.
Frauen leben der Umfrage zufolge mit 42,8 Prozent häufiger in großer oder eher großer Sorge als Männer mit 35,1 Prozent. Wer Kinder im Haushalt hat, sorgt sich mehr (46,7 %), als kinderlose Haushalte (35,9 %). Engelmeier beklagt, dass Frauen noch immer erheblich mehr unbezahlte Sorgearbeit leisten. „Diese massive Sorgelücke verstärkt die Lohnlücke und treibt Frauen in finanzielle Abhängigkeit und Altersarmut.“ Noch immer verdienen Frauen 16 Prozent weniger als Männer, so Engelmeiers Kritik. „Das bedeutet: 66 Tage im Jahr Arbeit umsonst. Trotz gesetzlicher Regelungen bleibt die Lohnlücke bestehen. Wir sagen darum: Frauen verdienen endlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit – der Gender Pay Gap muss weg.“
Unter Arbeitern sind die Ängste am größten: 55,8 Prozent der Befragten aus dieser Gruppe machen sich (eher) große Sorgen, 2026 sozial abzusteigen. Unter Angestellten liegt die Quote bei 40 Prozent, dagegen sorgen sich nur 26,9 Prozent der Beamten in großem Maß.
Bei jungen Menschen zwischen 16 und 29 Jahren sind die Sorgen deutlich größer (52,8 %) als bei Menschen über 65 Jahren (29,1 %). „Das ist ein absolutes Alarmzeichen“, warnt Engelmeier. „Jeder weiß, dass nur gute Bildung sozialen Aufstieg ermöglicht. Darum können wir nicht länger hinnehmen, dass der Bildungserfolg unserer Kinder so stark vom Geldbeutel ihrer Eltern abhängt – Bildungsgerechtigkeit darf kein Lippenbekenntnis bleiben.“ (Quellen: Eigene Recherche, SoVD)
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