Deutschland - ein
Steuerparadies
Weil Finanzbeamte fehlen, entgehen dem Staat laut Verdi
jährlich 50 Milliarden Euro
Von Andreas Kraft
Es ist eine ganz besondere
Art der Wirtschaftsförderung: Seit langem tobt offensichtlich ein Wettbewerb
zwischen den Bundesländern um die nachlässigsten Steuerprüfungen. Deutlich
spricht kein Politiker die Einladung zur Steuerhinterziehung aus. Aber es ist
kein Geheimnis, in welchen Ländern die Steuerprüfer besonders selten
vorbeischauen, um etwa zu kontrollieren, ob die Mehrwertsteuer richtig
abgeführt wurde. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Quote der
Umsatzsteuer-Prüfung in den Bundesländern auf einem niedrigen Niveau
angeglichen: Bundesweit schauen Finanzbeamte dafür im Schnitt nur noch alle 50
Jahre bei einer Firma vorbei.
Der Skandal um die mit zweifelhaften Gutachten in den
Ruhestand geschickten hessischen Steuerfahnder ist wohl nur ein extremer
Auswuchs dieses Wettbewerbs. Als Christian Wulff (CDU) 2003 die Regierung in
Hannover übernahm, kündigte er als eine seiner ersten Amtshandlungen an, 600
Stellen in der niedersächsischen Finanzverwaltung zu streichen.
In Sachsen wurden jahrelang freie Stellen in den Finanzämtern
nicht besetzt. Auch in Bayern ist die Steuerfahndung unterbesetzt. Besonders
hart trifft es das Finanzamt München I. Die Beamten dort sind auch für die
Einkommensmillionäre am Starnberger See zuständig.
Während den Arbeitnehmern die Lohnsteuer direkt vom Gehalt
abgezogen wird, muss laut dem Bundesrechnungshof nur jeder siebte
Einkommensmillionär damit rechnen, dass Finanzbeamte tatsächlich kontrollieren,
ob er nicht mehr verdient. "Für mich ist das eine beispiellose
Katastrophe", sagt der Bundestagsabgeordnete Herbert Shui
(Linke) der FR. Er wollte dagegen vor dem Bundesverfassungsgericht klagen.
"Aber die Juristen haben darauf keinen rechten Zugriff. Es geht einfach
nicht."
Bereits 2004 stellte das Bundesfinanzministerium fest, die
Länder seien versucht, "die Intensität der Steuererhebung an zweifelhaften
steuerpolitischen Interessen auszurichten". Im Klartext: Indem die Länder
ihre Finanzverwaltungen schlecht ausstatten, locken sie Unternehmen an.
Drei Viertel der Steuereinnahmen teilen sich Bund und
Länder. Die Länder sammeln die Steuern über ihre Finanzämter ein und prüfen, ob
tatsächlich alle ihre Steuern zahlen.
In Bayern sind laut Verdi 30 Prozent der Stellen in der
Betriebsprüfung und der Steuerfahndung unbesetzt. Eine Firma, die nach eigenen
Angaben weniger als 80
000 Euro Umsatz im Jahr macht, werde dort im Schnitt alle
241 Jahre überprüft. In Baden-Württemberg kommen auf 1000 Einwohner 1,19
Steuerbeamte - so wenig wie in keinem anderen Bundesland.
Die Personalnot ist laut dem Bundesrechnungshof in den
Finanzämtern derart hoch, dass Steuererklärungen zuweilen einfach durchgewunken werden. Im Schnitt hat ein Beamter 17 Minuten
für eine Steuererklärung.
Ein Sprecher des Finanzministeriums in Bayern sagt: Man
könne nicht errechnen, wie viel Steuermehreinnahmen ein zusätzlicher Beamter
erwirtschafte. Solche Rechnungen gingen in der Regel nicht auf. Verdi sieht
dies anders: Bundesweit fehlen rund 6000 Finanzbeamte. Ein Betriebsprüfer
erwirtschafte rund eine Million Euro und ein Steuerfahnder sogar 1,6 Millionen
Euro jährlich. Wären die Finanzämter ordentlich besetzt, könnte der Staat laut
Verdi jährlich bis zu 50 Milliarden Euro mehr einnehmen.
Zum Vergleich: Der Verteidigungsetat, zweithöchster Posten
im Bundeshaushalt, beträgt 2009 knapp 32 Milliarden Euro .
Keine zusätzlichen Fahnder
Hessens Regierung findet Ausstattung ausreichend
Von Pitt von Bebenburg
Wiesbaden. Es hat schon Tradition in Hessen. Jahr für Jahr
fordert die Opposition zusätzliche Steuerprüfer, damit das Land großen
Steuerhinterziehern auf die Schliche kommen. Jedes Mal
weisen die Regierungsparteien das Ansinnen zurück. Sie sagen, es werde
ausreichend geprüft.
Als der Landtag kurz vor den Sommerferien den Haushalt 2009
beschloss, scheiterten SPD und Linke erneut mit ihrer Forderung. Die Sache ist
in Hessen besonders brisant, weil vier geschasste Steuerfahnder behaupten, ihre
erfolgreiche Arbeit sei den Vorgesetzten und womöglich auch den politisch
Verantwortlichen ein Dorn im Auge gewesen.
Seit Jahren setzt Hessen nach Angaben des Finanzministeriums
in Wiesbaden kontinuierlich gut 210 Beamte als Steuerfahnder ein. Dies
entspreche dem bundesweiten Schlüssel, teilte das Ministerium der FR am
Dienstag mit. Im gesamten Außendienst sei die Zahl der Dienststellen seit 2005
um 16 Prozent angestiegen.
Der Linken-Landtagsabgeordnete Hermann Schaus
spricht dennoch von einem "Zwei-Klassen-Steuervollzug, der Großunternehmen
und Reiche schont". Seine Fraktion fordert, hundert Steuerfahnder mehr
einzusetzen.
Das ist aber selbst nach Ansicht der anderen
Oppositionsparteien SPD und Grüne unmöglich, weil spezialisierte Fahnder
gründliche Ausbildung und lange Erfahrung benötigten. Die SPD fordert deshalb,
zunächst müssten mehr Steueranwärter ausgebildet werden. Für 2009 hat sie 350
000 Euro für 27 zusätzliche Plätze beantragt. Auch das wurde
abgelehnt.
Im schwarz-gelben Koalitionsvertrag ist verankert, dass
Hessen insgesamt keine zusätzlichen Stellen schafft, aber zugleich mehr Lehrer
und Polizisten einstellt. Die Grünen-Politikerin und gelernte Finanzbeamtin
Sigrid Erfurth fürchtet, das könnte auf Kosten der
Finanzverwaltung gehen.
Aus Sicht der FDP gibt es keinen Grund davon auszugehen,
dass Unternehmen unentdeckt Steuern hinterzögen. Diese Sicht sei "eine
Unverschämtheit" gegenüber Unternehmern, befand der hessische Freidemokrat
Leif Blum in einer Landtagsdebatte.
Daneben weist die FDP wie Finanzminister Karlheinz Weimar
(CDU) darauf hin, dass eventuelle zusätzliche Einnahmen großteils gar nicht
Hessen zustünden, sondern an andere Länder gingen. Dafür müsse eine Lösung
gefunden werden, sagt Weimars Sprecher. Doch die werde wohl erst möglich, wenn
der Länderfinanzausgleich überholt werde.
Fr 5.8.09