Wohlfahrtsverband beklagt Ausgrenzung von Armen
Vorsitzende Stolterfoht vermisst "Respekt vor den Menschen" und fordert Trendumkehr in der Sozialpolitik / Große Sorge um Kinder
Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht den sozialen Frieden in Deutschland gefährdet. Die Gesellschaft sei konfrontiert mit einem "Ausmaß an Armut, wie es in der jüngeren deutschen Geschichte beispiellos ist", sagte die Vorsitzende des Verbandes, Barbara Stolterfoht.
VON THOMAS MARON
Berlin · 5. Juli · Mit Sorge beobachte der Verband einen Mentalitätswandel, weil "der Respekt vor den Menschen" nicht mehr nur von Rechtsextremen oder religiösen Fanatikern in Frage gestellt werde, sagte Stolterfoht. Starke Tendenzen zur Ausgrenzung mittelloser Menschen prägten mittlerweile auch den politischen Mainstream. Den Armen in der Gesellschaft werde zu Unrecht vorgeworfen, länger andauernde Arbeitslosigkeit selbst zu verschulden. Zudem hätten die Betroffenen mit dem realitätsfernen Klischee zu kämpfen, übergewichtig, verwahrlost, dem Alkohol verfallen und Dauerkunden von Fast-Food-Restaurants zu sein. Solche Vorurteile würden "gezielt bedient", um die Ausgrenzung dieser Menschen und die Ausdünnung der sozialen Infrastruktur zu rechtfertigen. Soziale Einrichtungen, so die Vorsitzende, litten unter Kürzungen, "obwohl der Bedarf dramatisch zunimmt".
Katastrophal ist nach Ansicht des Wohlfahrtsverband die Situation der betroffenen Kinder. Jedes vierte Kind in Ostdeutschland sei von Armut betroffen, im Westen sei es jedes neunte, sagte Stolterfoht. Die Konsequenzen seien verheerend: "1,5 Millionen Kinder unterhalb ihrer Entwicklungsmöglichkeiten zu lassen, ist volkswirtschaftlich der reine Wahnsinn". Es sei zu befürchten, dass ein Großteil "nicht berufs- und ausbildungsfähig" sein werde, wenn ihnen durch Armut die Teilhabe an Bildung und Fördereinrichtungen verwehrt bleibe.
Von der nächsten Bundesregierung erwartet der Dachverband, dem 142 Organisationen angehören, eine Trendumkehr. So sei unter anderem das Kindergeld um 49 auf 203 Euro zu erhöhen. Neben dem lohnabhängig gezahlten Erziehungsgeld soll ein Jahr lang ein einkommensunabhängiges Elterngeld gezahlt werden. Gebühren für Kitas und Kindergärten müssten so gestaffelt werden, dass bedürftige Alleinerziehende und Familien nicht benachteiligt werden.
Die Kommunen müssen nach Ansicht der Verbandsvorsitzenden Stolterfoht vom Bund finanziell wieder in die Lage versetzt werden, ihren vielfältigen sozialen Verpflichtungen vor Ort nachzukommen.
Außerdem forderte sie, den Städten und Landkreisen die Verantwortung für die Betreuung von Langzeitarbeitslosen komplett zu übertragen und die Bundesagentur für Arbeit dabei außen vor zu lassen. Die Kommunen seien besser in der Lage, die örtlichen Gegebenheiten einzuschätzen und die Betroffenen ihren Möglichkeiten entsprechend zu fördern. Im Gesundheitsbereich forderte der Verband eine Befreiung von der Zuzahlung für Bedürftige.