Die Zahl jugendlicher Obdachloser steigt stetig. Auch in Düsseldorf. Immer wieder melden sich verzweifelte Eltern in den Hilfseinrichtungen.
Düsseldorf. Im Winter vor zwei Jahren fiel es Thomas Wagner zum ersten Mal auf. Im Buscafé am Rheinufer, das wohnungslosen Menschen einen warmen Aufenthaltsort bot, bemühte sich eine Gruppe von 14bis 21-Jährigen um Kontakt. "Die hatten den Sommer über immer brav auf der Freitreppe gesessen und sich von anderen Jugendlichen nicht weiter unterschieden", sagt Wagner. Er hatte sie den "Spaßpunks" zugeordnet, die sich während der warmen Zeit am Rheinufer und in der Altstadt amüsieren, später aber wieder in ihr bürgerliches Leben zurückkehren.
Bei genauem Hinsehen erwies sich jedoch die Situation der jugendlichen Bus-Gäste als problematisch. "Da kam vieles zusammen", sagt Wagner. "Schulabbruch, Stress zu Hause und Schulden wegen zu hoher Handyoder PC-Rechnungen." Die jungen Leute übernachteten bereits seit Wochen bei Freunden oder Bekannten. Kontakt zu den Eltern hatte kaum noch einer. Wagner, der als Streetworker die Obdachlosenszene in der Altstadt und ihrer Umgebung gut kennt, hatte es von jetzt auf gleich mit einer neuen Klientel zu tun: den jugendlichen Obdachlosen.
Wagners Beobachtung deckt sich mit den Erkenntnissen, die die Bundesarbeitsgemeinschaft
Wohnungslosenhilfe (BAGW) im Rahmen ihrer Recherchen in sozialen Einrichtungen
gemacht hat: Der Anteil der unter 30-Jährigen unter den Wohnungslosen
ist von 1992 bis 2002 deutlich gestiegen von 17,5 auf 26,4 Prozent.
Die Prognose von Helmut Schröder, Fachreferent bei der BAGW, ist
düster. Er geht davon aus, "dass insbesondere die jungen Erwachsenen
bis 24 Jahre stärker als die älteren Altersgruppen (ab 50 Jahre)
anwachsen". Es sei naiv, anzunehmen, Kinderarmut und wachsende Jugendarbeitslosigkeit
hinterließen keine Opfer.
"Es gibt 13-jährige Mädchen auf der Straße, zu denen man nur sehr schwer Kontakt bekommt", berichtet Hubert Ostendorf, Chefredakteur des Straßenmagazins fiftyfifty. "Sie wollen weder in die Schutzambulanz für minderjährige Ausreißer noch nach Hause. Deshalb tauchen sie unter, so gut es geht."
Oder aber sie fassen ganz langsam Vertrauen zu den Mitarbeiterinnen von Trebecafé und Knackpunkt. Die beiden Einrichtungen sind ausschließlich Mädchen und jungen Frauen vorbehalten. Sie können hier ausspannen, etwas essen, sich frisch machen und ihre Kleidung waschen. Und sie können sich trotz ihrer Minderjährigkeit auf etwas verlassen, das für einen Augenblick Ruhe in ihr hastiges Leben bringt: die Diskretion der Mitarbeiter.
90 Prozent aller Klientinnen sind drogenabhängig, viele wurden sexuell missbraucht. "Manche wollen der Armut zu Hause entgehen und meinen, auf der Straße könnte es besser klappen", sagt Edith Schmitz, die den Knackpunkt leitet. Das Durchschnittsalter ihrer Klientinnen beträgt 23 Jahre.
Aber: "Wir haben auch 13bis 14-Jährige", sagt Dorothee Kaiser vom Trebecafé. "Die Mädchen verstecken sich vor der Polizei oder den Sozialarbeitern." Vielen sehe man die Obdachlosigkeit nicht an. "Sie sind ganz frisch abgehauen und organisieren sich Schlafplätze", erklärt Kaiser. "Notfalls jeden Tag einen neuen." Und notfalls auch bei irgendeinem Freier.
Im Knackpunkt gibt es Notschlafstellen. Wegen des starken Zulaufs hat man die Bettenzahl gerade erst von 21 auf 26 erhöht. Doch nach wie vor sind in jeder Nacht fast alle Plätze belegt. Unter einer Brücke zu schlafen, käme für Mädchen nur im äußersten Notfall in Frage. "Jungen sehen das lockerer."
Die Kontakte, die gerade die jungen Mädchen zu ihrem Elternhaus
pflegen, sind spärlich. Immer wieder melden sich Eltern in den Hilfseinrichtungen.
Meist sind es die Mütter, die ihr Kind suchen. "Wir sagen erstmal,
dass wir nichts wissen, reden dann aber mit den Mädchen", sagt Schmitz.
Manche könne man sogar dazu bewegen, ein Lebenszeichen zu geben. "Aber
das kommt sehr darauf an, welche Geschichte sie erleiden mussten."
14.08.04
Von Sema Kouschkerian