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Trotz Wachstumsprognose
Die Ernte der Lohnbezieher fällt zu niedrig aus
Die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute haben ihre
Wachstumsprognose um 0,6 Punkte auf 1,8 Prozent erhöht. Damit ein stabiler
Aufschwung daraus wird, müssten aber die Reallöhne steigen und ein Mindestlohn
eingeführt werden. Das schlägt die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik
in ihrem Memorandum 2006 vor.
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Keine Hochlohnjob
(ddp)
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Neben der verfehlten
Finanzpolitik, die seit langem in Deutschland für eine gespaltene Binnen- und
Außenwirtschaftskonjunktur gesorgt hat, liegt die Ursache für die anhaltende
Wachstumsschwäche in einer Umverteilung der Lohn- und Gehaltseinkommen zu den
Gewinn- und Vermögenseinkommen. Im langfristigen Trend ist die um den Anteil
der Selbstständigen bereinigte gesamtwirtschaftliche Brutto-Lohnquote, die im
Jahr 1974 seit Gründung der Bundesrepublik mit 75,2 Prozent ihren Höhepunkt
erreicht hatte, bis 2004 um 6,8 Prozentpunkte auf 68,4 Prozent zurückgegangen;
seit 1991 in Gesamtdeutschland von 71,0 auf 68,4 Prozent, d. h. um 2,6
Prozentpunkte (Bundesministerium 2004). Immer höhere Arbeitslosigkeit -
zwischen 1991 und 2005 gab es einen Anstieg um 87 Prozent von
jahresdurchschnittlich gut 2,6 auf fast 4,9 Millionen registrierte Arbeitslose
- sowie prekäre Beschäftigung, Niedriglohn-Jobs und ausbleibende
Reallohnsteigerungen prägen das gesamtwirtschaftliche Bild. So ist die Zahl der
sozialversicherungspflichtig Beschäftigten allein von 2000 bis 2005 um 1,7
Millionen Personen zurückgegangen, während die 400-Euro-Jobs im selben Zeitraum
um 670 000 zugelegt haben (IAB Arbeitsmarktbericht 9/2005, IAB Kurzbericht
14/2005).
Konnten die nominalen Nettolöhne und -gehälter zwischen 1991 und 2004
jahresdurchschnittlich noch um 1,7 Prozent steigen, so gingen die Reallöhne und
-gehälter um 0,3 Prozent zurück, obwohl das Volkseinkommen im selben Zeitraum
jahresdurchschnittlich um 2,6 Prozent zulegte. Die damit verbundene,
gesamtwirtschaftlich kontraproduktive Umverteilung zu den Gewinn- und
Vermögenseinkommen hat in einem Teufelskreislauf zu einer binnenwirtschaftlichen
Wachstums- und Beschäftigungsschwäche geführt. Das reale Bruttoinlandsprodukt
(BIP) stieg - trotz der hohen Außenwirtschaftsüberschüsse - von 1991 bis 2005
um 21 Prozent. Der Produktivitätsanstieg (BIP je Erwerbstätigenstunde) lag
dagegen bei 30 Prozent und damit wesentlich höher. Hierdurch ging das
Arbeitsvolumen weiter zurück. Gesamtwirtschaftlich konnte sich diese
disproportionale Entwicklung nur - ohne eine entsprechende
Arbeitszeitverkürzung - in eine zusätzliche Arbeitslosigkeit entladen.
Verschärft wurde diese marktbezogene Umverteilungspolitik zu Gunsten der
Gewinn- und Vermögenseinkommen noch durch die staatliche
Redistributionspolitik. Dies zeigt die Entwicklung der Netto-Lohnquote, die
aussagt, wie viel nach der staatlichen Intervention von den primären
Markteinkommen noch übrig bleibt. Seit 1991 ging diese Netto-Lohnquote bezogen
auf das Volkseinkommen um 4,1 Prozentpunkte von 40,3 auf 36,2 Prozent im Jahr
2004 zurück, während das Kaufkraftpotenzial der Netto-Gewinn- und
Vermögenseinkommen um 2,8 Prozentpunkte von 25,0 Prozent im Jahr 1991 auf 27,8
Prozent im Jahr 2004 anstieg. "Konjunktur- und wachstumspolitisch fatal
ist dabei, dass die Kaufkraftpotenziale der beiden Einkommensquoten
asymmetrisch wirksam werden. Die mikroökonomisch mit tendenziell hohen privaten
Einkommen verbundenen Gewinn- und Vermögenseinkommen weisen auch große, nicht
nachfragewirksame Sparneigungen auf; die hohe nachfragewirksame Konsumneigung,
die tendenziell mit Lohneinkommen verbunden ist, kann sich jedoch wegen mikroökonomisch
stagnierender, ja sinkender Einkommen nicht entfalten." (Schäfer 2005: S.
605f.) So zeigt sich dann auch die Umverteilung in einer hohen
gesamtwirtschaftlichen Sparquote. Die Sparquote, die zwischen 1991 und 2000
noch von 12,9 auf 9,2 Prozent zurückgegangen war, stieg seitdem wieder bis auf
10,6 Prozent im Jahr 2005 an.
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Die Autoren
Die "Arbeitsgruppe
Alternative Wirtschaftspolitik" (Memorandum-Gruppe)
besteht aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Universitäten,
Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen und Gewerkschaften. Sie veröffentlicht
seit 1977 jährlich in der Woche vor dem 1. Mai ein Memorandum für eine
alternative Wirtschaftspolitik.
Das Memorandum ist ein Gegenentwurf zum jährlichen Gutachten des
"Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung" ("Fünf Weise"). Im Unterschied zum Sachverständigenrat,
der aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird, finanziert sich die Memorandum-Gruppe ausschließlich durch Spenden sowie aus
den Einnahmen für die jeweiligen Veröffentlichungen.
Der dokumentierte Text ist ein Auszug aus dem diesjährigen Memorandum. Es
enthält zusätzlich zahlreiche Stellungnahmen zu aktuellen wirtschafts-, finanz-
und sozialpolitischen Fragen.
Auch der langfristige Trend zum
Massensteuer-Staat setzte sich fort. Vor allem die Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer finanzieren heute die öffentlichen Haushalte. Lag der Anteil der
Massensteuern - dazu zählen die Lohnsteuer und die indirekten Verbrauchsteuern
wie Umsatz-, Mineralöl- Tabak- und Versicherungsteuer - im Jahr 1950 noch bei
47,6 Prozent und der Anteil der Gewinnsteuern bei 23 Prozent, so stiegen die
Massensteuern bis 2004 auf einen Anteil von 77,4 Prozent an, und die
Gewinnsteuern gingen auf einen Anteil von nur noch 14,4 Prozent zurück.
Die zum 1. Januar 2007 geplante Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent
wird diese Steuerverteilungsschieflage noch weiter zu den Massensteuern
verschieben. Die Reallöhne werden damit weiter unter Druck geraten und die
Binnennachfrage weiter schwächen. Vom Wachstum und der Beschäftigung her
betrachtet, ist diese Maßnahme völlig kontraproduktiv. Außerdem belastet die
Mehrwertsteuererhöhung Haushalte mit niedrigem Einkommen besonders, weil sie
eine hohe Konsumquote haben, also ein Großteil ihres Einkommens
mehrwertsteuerpflichtig ausgeben müssen (Bach 2005). Dies sind zudem gerade
diejenigen Haushalte, die bereits in der Vergangenheit eine fortlaufende
Minderung ihrer Nettoeinkommen hinnehmen mussten. Statt auf eine
Mehrwertsteuererhöhung zu setzen, wäre es vor dem Hintergrund der aufgezeigten
Steuerlastverteilung angezeigt, den Spitzensteuersatz wieder deutlich von 42
auf 48 Prozent zu erhöhen. Damit läge man immer noch deutlich unter dem Niveau
der 1990er Jahre, in denen der Spitzensteuersatz noch 53 Prozent betrug.
Weiterhin wären die 1997 ausgesetzte Vermögensteuer wieder einzuführen und die
Erbschaftsteuer zu erhöhen.
Entgegen des marktradikalen neoliberalen Denkmusters hat die
Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik bereits 1975 in ihrem ersten
Memorandum davor gewarnt, durch gewinnfördernde
Maßnahmen die Aktivität der privaten Unternehmen anregen zu wollen. Die
neoklassische "G-I-B-Formel" - die Gewinne von heute sind die
Investitionen von morgen und die Beschäftigung von übermorgen - ist eine
ökonomische Mär. Das Credo ist nichts als eine blut- und inhaltsleere
Interessenpropaganda der Unternehmerverbände und ihrer Claqueure aus Politik,
Wissenschaft und Medien. Man könnte die "Formel" heute eher
dahingehend interpretieren, dass man sagt: "Die geplanten Gewinne von
morgen sind die Arbeitsplatzverluste von heute." Geradezu zynisch war die
von der großen Koalition Ende 2005 für fast drei Millionen Euro initiierte
Werbekampagne "Gemeinsam sind wir stärker". Hier wurde, wie von den
Vorgänger-Regierungen auch, weiter das Lied der "G-I-B-Formel"
gesungen. Die neue Bundesregierung habe damit begonnen, "ein neues Klima
(d. h. ein Gewinnklima, d. V.) für Unternehmen zu schaffen. Wir senken die
Lohnnebenkosten, damit endlich wieder mehr Menschen in Arbeit kommen."
Dabei wird bewusst verschleiert, dass auch die sogenannten
Lohnnebenkosten Teil des Arbeitnehmerentgeltes sind. "Lohnnebenkosten
senken" ist nicht anderes als eine verklausulierte Formel für "Löhne
senken".
Die in diesem Zusammenhang zum 1. Januar 2007 geplante Absenkung der Beiträge
zur Arbeitslosenversicherung von 6,5 auf 4,5 Prozent bei gleichzeitiger
Anhebung der gesetzlichen Rentenversicherung von 19,5 auf 19,9 Prozent ist
nicht nur im Ansatz paradox, sondern wird, anders als behauptet, nicht einen
zusätzlichen Arbeitsplatz schaffen. Bezogen auf die gesamte Kostenstruktur
eines Unternehmens bedeutet diese Absenkung um insgesamt 1,6 Prozentpunkte
nicht einmal eine Kostenentlastung von 0,3 Prozent. Dass dies die Unternehmen
zum Anlass nehmen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, kann niemand ernsthaft
glauben. Alle bisher von der rot-grünen Regierung vorgenommenen Senkungen der
so genannten Lohnnebenkosten haben weder mehr Wachstum noch mehr Beschäftigung
gebracht. Zudem sind sie - wie erwähnt - immanenter Bestandteil der
Arbeitskosten. Unter Berücksichtigung der Produktivität ergeben sich hieraus
die Lohnstückkosten. Und diese müssen den internationalen Vergleich nicht
scheuen - im Gegenteil (Flassbeck/Spieker 2005, S.
711). Genauso wie Senkungen beim direkten Arbeitsentgelt führen auch Kürzungen
der Lohnnebenkosten zu Nachfrageausfällen. Sozialbeiträge innerhalb der
Lohnnebenkosten verschwinden nicht in einem "schwarzen Loch", sondern
fließen vollständig nachfragewirksam als Sozialleistungen (z. B. als Rente,
Arbeitslosen- und Krankengeld) an die privaten Haushalte oder direkt von den
Sozialversicherungen (als Sachleistungen und Löhne sowie Gehälter im
Gesundheitssektor) wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück. Wer also
Lohnnebenkosten zu Gunsten von Unternehmen senken will - ob gesetzliche,
tarifliche oder betrieblich veranlasste Bestandteile -, muss wissen, dass er
damit gleichzeitig zu einer weiteren Schwächung der gesamtwirtschaftlichen
Nachfrage beiträgt und kontraproduktive Wirkungen bezogen auf Wachstum und Beschäftigung
auslöst.
Um den Absatz der zusätzlich produzierten Waren und Dienstleistungen überhaupt
möglich zu machen, müssen die Reallöhne mit der Produktivität steigen.
Andernfalls kommt es wegen gesamtwirtschaftlicher Absatzprobleme zu einem
Preisverfall bzw. zur Deflation. "Die Veränderung der Produktivkraft
bestimmt das Tempo der Zunahme der Einkommen aller am Arbeitsleben beteiligter
Wirtschaftssubjekte. Folglich müssen die Reallöhne und die realen
Kapitaleinkommen im Durchschnitt einer Volkswirtschaft auf lange Sicht so
steigen wie die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Denn dann erhalten alle
Arbeitseinkommensbezieher und alle Eigentümer von Kapital zusammen so viel
reale Kaufkraft, wie sie Güter hergestellt haben." (Flassbeck/Spieker
2005, S. 708f.) Der darin angelegte verteilungsneutrale Spielraum wurde aber in
Deutschland seit der Wiedervereinigung nicht ausgeschöpft … Auch 2005 hat sich
keine Trendwende ergeben - im Gegenteil: Das Arbeitnehmerentgelt ist erstmals
in der Geschichte der Bundesrepublik nach Angaben des Statistischen Bundesamtes
um 0,5 Prozent gefallen (2004: +0,3 Prozent), während die Unternehmens- und
Vermögenseinkommen nach 11,7 Prozent im Jahr 2004 im folgenden Jahr weiter um
6,1 Prozent hochschnellten.
Die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik fordert daher eine radikal
veränderte Lohn- und Einkommenspolitik:
- produktivitätsorientierte Reallohnsteigerungen,
- die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns zur Bekämpfung eines ansonsten
weiter zunehmenden Niedriglohnsektors mit prekären Beschäftigungsverhältnissen
(siehe dazu das Kapitel "Mindestlohn") sowie
- die Einführung einer bedarfsorientierten Grundsicherung für nicht mehr
Arbeitsfähige auf Grund nicht schließbarer Qualifikationslücken,
gesundheitlicher Einschränkungen und Altersrestriktionen.
Mit produktivitätsorientierten Löhnen und Gehältern ist aber noch keine
expansive Lohnpolitik - die als alte gewerkschaftliche Forderung eine
Umverteilung von den Gewinnen zu den Löhnen vorsieht - erreicht. Diese
Umverteilung ist erst dann gegeben, wenn die Reallöhne oberhalb der
Produktivitätsrate liegen. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob diese
Umverteilung zu Lasten der unternehmerischen Gewinnposition geht oder ob die
Unternehmen an den Absatzmärkten über so viel Marktmacht verfügen, dass es bei
gleichen Gewinnmargen zu einer Abwälzung der steigenden Stückkosten über die
Preise und damit zu inflationären Entwicklungen kommt. Hochwahrscheinlich würde
hier die Europäische Zentralbank durch eine restriktive Geldpolitik intervenieren
und somit eine beschäftigungsmäßig negative Situation herbeiführen. Dem könnte
aber durch eine echte Gewinnbeteiligung als Möglichkeit einer Umverteilung zu
den Löhnen und Gehältern entgegengewirkt werden...
Das Buch
Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Memorandum 2006, Mehr
Beschäftigung braucht eine andere Verteilung, PapyRossa
Verlag Köln, ISBN 3-89438-343-7, Preis: 17,50 Euro.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 27.04.2006 um 16:20:06 Uhr
Erscheinungsdatum 28.04.2006
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