Jw 16.11.2007 / Inland / Seite 2

 

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Kinderarmut hat Konjunktur

 

 

    Report 2007 attestiert Politik Totalversagen

 

Von Nora Schareika

 

Kinderarmut ist nach wie vor eines der größten gesellschaftlichen

Probleme in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt der Kinderreport

Deutschland 2007, den das Deutsche Kinderhilfswerk am Donnerstag in

Berlin präsentierte.

 

Seit Ende der 50er Jahre hat sich dem Report zufolge die Zahl der

so­zialhilfebedürftigen Kinder der BRD alle zehn Jahre verdoppelt -- und

das, obwohl es heute nur halb so viele Kinder gebe wie früher. Jedes

zweite Kind wachse derzeit im »armutsnahen Bereich« auf. Kinder aus

armen Familien und sogenannten »bildungsfernen Schichten« haben laut

Jürgen Borchert, Mitautor des Reports, kaum Zugang zu Kindergärten,

Vereinen, Kultur- oder Bildungseinrichtungen. Das behindere die

Entwicklung ihrer Sprachfähigkeit und führe bei jedem dritten

Erstkläßler zu Defiziten. Jedes vierte Schulkind verlasse die Schule

»ohne Beherrschung eines Mindestmaßes an Kulturtechnik« und tauge damit

nicht einmal als Hilfsarbeiter. Immer weniger Schüler schlössen die

Schule ab.

 

Die Kinderarmut sei in den vergangenen drei Jahren dramatisch gestiegen,

kritisierte der Präsident des Kinderhilfswerks, Thomas Krüger. Die

strukturellen Ursachen für Kinderarmut seien lange bekannt. Dazu zählten

fehlende Betreuungsstrukturen, mangelnde Förderung von Migrantenkindern,

ein überholtes Schulsystem und die steuerliche Benachteiligung von

Familien. Alles in allem handle es sich um ein Verteilungsproblem,

betonte Krüger. Borchert sagte dazu: »In Deutschland können

durchschnittlich verdienende Eltern schon ab zwei Kindern ihr Leben

nicht mehr aus selbst erwirtschafteten Mitteln finanzieren

 

Die Hartz-IV-Gesetze haben laut Borchert die Kinderarmut verschlimmert

-- die negativen Strukturen seien aber bereits seit Jahrzehnten

vorhanden. Nach Ansicht der Autoren des Reports hat die Politik bei der

Bekämpfung der Kinderarmut total versagt. Bei 75 Prozent kinderlosen

Haushalten überlegten sich die zuständigen Politiker zweimal, wem sie

das Geld aus der Tasche zögen, ohne dabei Wählerstimmen aufs Spiel zu

setzen. Eine wirklich moderne Familienpolitik lasse das gegenwärtige

Verteilungssystem nicht zu. Krügers Fazit: »Deutschland verwaltet lieber

seine Alten.«

 

Schalker Kinder sind arm dran

 

 

    Kinderhilfswerk fordert neue Familienpolitik

 

 

        Von Annika Joeres

 

 

        Über die Schullaufbahn entscheidet im Ruhrgebiet oft die

        Position zur Autobahn: Die A 40 teilt die ehemaligen Kohlestädte

        in reiche und arme Viertel. So haben Kinder nördlich der A 40

        geringere Chancen auf eine gute Bildung als in den grüneren und

        reicheren Gebieten im Süden. Dort sind die Schulen moderner, die

        Mehrheit der Schüler kann später eine Hochschule besuchen.

 

 

        Nachzulesen ist diese Vorbestimmung der Schüler auch im

        Kinderreport 2007 des Kinderhilfswerks. Das Fazit: 14 Prozent

        aller Kinder in Deutschland gelten als arm. Jedes sechste Kind

        unter sieben Jahren lebt von Sozialhilfe. Nur schwer können sie

        ihren Status verbessern. "Jedes vierte Schulkind hat die Schule

        ohne Beherrschung des Mindestmaßes an Kulturtechnik verlassen,

        die selbst für Hilfsarbeiten nötig sind", sagte Thomas Krüger

        vom Kinderhilfswerk. "Die Mehrzahl schlägt eine Armutskarriere ein."

 

 

        Und besonders häufig in NRW. Hier lebt jedes dritte ausländische

        Kind unter 15 von Hartz IV, in Gelsenkirchen oder Köln sogar

        jedes zweite. "Die Zahlen sind dramatisch", sagt Holger

        Wunderlich vom Zentrum für interdisziplinäre

        Ruhrgebietsforschung in Bochum der FR. "Kinder aus armen und

        ausländischen Familien leiden ein Leben lang unter den

        schlechteren Startchancen." Seine Studien haben ergeben: Nicht

        wegen ihrem Migrationshintergrund, haben Kinder geringere

        Chancen, sondern weil viele Migranten arm sind. "Der Stadtteil

        entscheidet über den Lebensweg."

 

 

        Im strukturgewandelten Ruhrgebiet ist die Arbeitslosenquote

        immer noch einige Prozente höher als im bundesweiten

        Durchschnitt. In Gelsenkirchen, der Kommune mit der landesweit

        höchsten Arbeitslosenquote von 14 Prozent, strichen große Firmen

        wie Vaillant oder Rexam tausende Jobs. Entsprechend schlecht

        sind die Chancen. Im Norden der Stadt gibt es problembeladene

        Zonen wie das Viertel Schalke, in denen kein einziger

        Grundschüler mit Migrationshintergrund aufs Gymnasium wechselt.

        In der gesamten Stadt schaffen nur knapp zehn Prozent von ihnen

        das Abitur -- bei den deutschen Schülern sind es mehr als 30

        Prozent.

 

 

        Weniger Gespräche, mehr TV

 

 

        So haben die Familienberichte, eine NRW-Studie über

        Bildungskarrieren, klar gezeigt: In den armen Vierteln

        seienVorsorgeuntersuchungen und Impfungen seltener, derTV-Konsum

        höher, die Gespräche mit den Eltern kürzer.

 

 

        "Die Ergebnisse des Kinderreports zeigen: Wir brauchen einen

        Paradigmenwechsel in der Kinder- und Familienpolitik", sagte

        Thomas Krüger. Er forderte den Ausbau des Kindergeldes zu einer

        Kindergrundsicherung sowie flächendeckende qualifizierte

        Betreuung in der Vorschule. Der Paritätische Wohlfahrtsverband

        und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft schlossen

        sich den Forderungen an. Seite 11

 

 

          MHASS

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 267)

Datum: Freitag, den 16. November 2007

Seite: 14

 

 

  Die meisten Kinder sind glücklich

 

 

    Studie: Hausaufgaben und Armut drücken aufs Gemüt

 

 

        Die meisten Kinder in Deutschland bezeichnen sich als

        "glücklich". Das ist das Ergebnis einer Studie über das

        Kinderglück, deren Ergebnisse am Donnerstag bei einer

        ZDF-Fachtagung in Mainz präsentiert wurden. Unter dem Titel "Was

        macht Kinder glücklich und was können wir dafür tun?" hatten der

        Glücksforscher Anton Bucher von der Universität Salzburg und die

        ZDF-Medienforschung untersucht, wie und wann Kinder in

        Deutschland glücklich sind. Mehr als 80 Prozent der 1200

        Befragten im Alter zwischen sechs und 13 Jahren hatten

        angegeben, "total glücklich" oder "glücklich" zu sein.

 

 

        Auf die Stimmung drücken nach den Ergebnissen der Studie am

        ehesten die Hausaufgaben, aber auch ein sehr geringes Einkommen

        der Eltern. Wichtig für das Kinderglück seien vor allem genug

        Freizeit und Freunde. "Ein durch Liebe, Anerkennung und

        Unterstützung geprägtes familiäres Klima sowie gemeinsame

        Unternehmungen von Eltern und Kindern" machten Kinder glücklich,

        ergab die Studie. Mit zunehmendem Alter allerdings lasse diese

        Orientierung an der Familie nach. Auch das generelle

        Glücksempfinden sei bei älteren Kindern weniger stark. Während

        57 Prozent der befragten Sechsjährigen angaben, "total

        glücklich" zu sein, sank dieser Anteil bei den 13-Jährigen auf

        25 Prozent.

 

 

        Jungen und Mädchen sind der Studie zufolge gleichermaßen

        glücklich. Auch sei es für das Kinderglück unerheblich, ob die

        Sprösslinge in der Stadt oder auf dem Land, in Ost- oder

        Westdeutschland lebten. Die Befragung konnte ebenfalls das

        gängige Vorurteil, Einzelkinder seien unglücklicher als Kinder

        mit Geschwistern, widerlegen. "Zwar wünscht sich rund ein

        Drittel einen Bruder oder eine Schwester, im Glücksempfinden

        unterscheiden sich diese Kinder aber nicht von ihren

        Altersgenossen", heißt es.

 

 

        Glückskiller seien dagegen Armut, aber auch zu viele

        Hausaufgaben. "Hausaufgaben sind neben Zimmeraufräumen die

        häufigste Ursache für Konflikte mit den Eltern", sagte Bucher.

        Wer aktiv am Schulunterricht teilnehme und leicht lerne, der

        erlebe aber auch Schulunterricht als glückliche Zeit. Der

        Glücksforscher sieht vor allem solche Schulen, in denen

        "Kreatives und Soziales möglich sind", als förderlich für

        Kindheitsglück. dpa

 

 

          PDFGZEGARAC

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 267)

Datum: Freitag, den 16. November 2007

Seite: 46

 

Kein Frühstück, kein Pausenbrot

 

Düsseldorf

<http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/duesseldorf.html>,

25.11.2007, ANDREA KREBS nrz

 

SOZIALES. 70 Mädchen und Jungen bekommen von der Tafel ein warmes

Mittagessen. Prominente sammeln jetzt Spenden.

 

Der Neunjährige friert. Viel zu dünn ist der Stoff seiner Sommerjacke.

Wintereinbruch mitten im Monat, das enge Budget seiner Eltern ist längst

erschöpft. Doch der Junge ist geduldig, zieht den Kragen höher und:

wartet. Jeden Tag. Jedesmal um 13.30 Uhr. 90 Minuten bevor die "Offene

Kindertafel" im Anne-Frank-Haus in Garath ihm und bis zu 25 weiteren

Sechs- bis 16-Jährigen ein warmes Mittagessen auftischt. Wie in der

Armenküche am Burgplatz auch für eine eher symbolische Spende von 50 Cent.

 

Jedes fünfte Kind in Düsseldorf lebt in Armut. "Kein Frühstück, kein

Pausenbrot und am Abend vorher hat es meist auch nichts gegeben", weiß

Peter Zerfaß, Leiter der Alfred-Herrhausen-Förderschule. Zehn seiner

Schülerinnen und Schüler profitieren seit dem 7. August von der ersten

Düsseldorfer Kindertafel. Seit mehr als drei Monaten wird dort 45

Mädchen und Jungen aus drei Schulen von 13 bis 15 Uhr aufgetischt, was

ihnen ihre Eltern mit 345 Euro Grundsicherung nicht anbieten können.

Dabei wird so viel gekocht, um eine Stunde lang (15-16 Uhr) die 25

Kinder zu versorgen, deren Eltern auch mit Zuschüssen die

Mittagsbetreuung nicht stemmen können.

 

Großzügigkeit summierte sich auf über 400 000 Euro

 

Eine fünfstellige Summe, gesponsert von einem Handelsunternehmen der

Stadt, machte die Anschubfinanzierung möglich. Wie es weiter geht?

"Steht in den Sternen, wir brauchen Geld", mahnt Heike Vongehr, 1.

Vorsitzende der Düsseldorfer Tafel und setzt ihre Hoffnungen auf den

kommenden Mittwoch. Dem Vorabend der Bambi-Verleihung, wenn die

Prominenz im Namen der Wohltätigkeit beim "Tribute to Bambi" spendet.

2006 summierte sich die Großzügigkeit auf über 400 000 Euro.

 

Neben dem Duisburger Projekt "Immersatt" und der Kinder- und

Jugendarbeit "Die Arche" (2008 soll ein Haus in Düsseldorf eröffnet

werden) geht das Geld auch an die "Kindertafel" in Garath. Eine Summe

steht frühestens am Donnerstag fest. Doch Heike Vongher ist jeder Segen

recht. "Damit es weiter geht."

 

Denn inzwischen lebt jeder neunte Düsseldorfer von Hartz IV. Besonders

hart trifft es die Kinder und Jugendlichen: Waren es 1999 noch 11,3

Prozent der unter 25-Jährigen, die vom Existenzminimum leben mussten,

stieg ihre Zahl von 2006 bis heute auf 16 887 (21,8 %).

 

Deutlich sichtbar wird das auch in Garath. "Mindestens die Hälfte unsere

214 Schüler lebt von Hartz IV. Der Rest der Eltern verdient so wenig,

dass sie gerade so über dem Existenzminimum liegen", beobachtet Peter

Zerfaß. Wie sich das zeigt? Zwei Drittel der Kinder haben keine

Turnschuhe, Erstklässler kommen ohne Ranzen. Alle 35 Lehrer, aber nur

ein Elternpaar ist Mitglied im Fördervein. Er springt ein, wenn es am

Nötigsten fehlt. Interessenlosigkeit? "Nein", sagt Zerfaß, signalisiert

mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger: 32 Euro Jahresbeitrag, die sind in

vielen Familien nicht übrig.

 

Seine Einrichtung und die Gemeinschaftsgrundschulen (GGS) Neustrelitzer-

und Adam-Stegerwald-Straße helfen mit der Tafel Eltern bei der

Mittagsbetreuung (im Schnitt 50 Euro pro Monat und Kind). 1,50 Euro

steuern sie pro Tag dazu. So, "dass für die Eltern 21 Euro pro Monat

bleiben. Damit werden sie entlastet, aber nicht ganz aus der

Verantwortung genommen", rechnet Astrid Suard von der GGS

Adam-Stegerwald-Straße vor. Sie, ihre Kolleginnen und Kollegen stellen

keine Fragen. "Die Kinder, die wir für das Programm auswählen sind schon

benachteiligt genug. Für sie ist es wichtig, dass sie das Gefühl haben,

das bleibt unter uns."

 

Auch der Neunjährige muss keine Fragen beantworten. Er wartet. Still.

Frierend. Armut macht auch geduldig . . .