junge welt 23.05.2006 / Inland /
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Drei Wochen vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft zeigt
Hamburg seinen Bettlern die rote Karte. Wie am Montag bekannt wurde, hat der
Stadtbezirk Altona am Wochenende mehrere Platzverweise gegen behinderte
bulgarische Bettler ausgesprochen, die zuvor durch den Ordnungsdienst von City-Bezirksamtschef
Markus Schreiber (SPD) aus der Innenstadt vertrieben worden waren. Dort hatte
das Bezirksamt den Bettlern sogar Gebührenbescheide über 130 Euro wegen einer
angeblich unerlaubten »Sondernutzung öffentlicher Wege« zugestellt. Doch so weit
wollte Altonas Stadtbezirksbürgermeister Hinnerk Fock
(FDP) noch nicht gehen, der seine Platzverweise zunächst mit den Fraktionschefs
von CDU, SPD und Grünen in der Bezirksversammlung abgesprochen hatte.
Gebührenbescheide will Fock erst ausstellen, wenn ein »organisiertes und
gewerbsmäßiges« Betteln nachgewiesen sei. Dieses hatte Amtskollege Schreiber
den bulgarischen Bettlern pauschal unterstellt.
Ein generelles Bettlerverbot für die Innenstadt hatte Innensenator Udo Nagel
(parteilos) zuletzt Ende letzten Jahres gefordert, nachdem verschiedene
City-Manager, darunter Schuhketten-König Ludwig Görtz und Karstadt-Hamburg-Chef
Werner von Appen über eine »unerträgliche
Belästigung« ihrer Kunden durch den Anblick »verkrüppelter Bettler aus
Bulgarien« geklagt hatten. C&A-Geschäftsführer Frank Middendorf
und Alsterhaus-Geschäftsführerin Claudia Leske
sprachen schließlich sogar von »kriminellen und organisierten Bettlerbanden aus
Osteuropa«, mit denen nun rechtzeitig vor der Fußball-WM aufgeräumt werden
müsse. Doch eine von Nagel geplante neue Stadtverordnung, die das Betteln in
bestimmten Straßen generell untersagen sollte, traf schließlich auf heftigen
Widerstand karitativer und kirchlicher Organisationen, weshalb sie im CDU-Senat
auch zunächst nicht durchsetzbar war.
Deshalb knüpfen die Bezirksamtsleiter nun an den Vorwurf eines »gewerbsmäßigen
und kriminellen Bettelns« an, wobei sie zugleich bestreiten, daß ihr Handeln mit der bevorstehenden Fußball-WM
zusammenhänge. Schreiber argumentierte sogar, daß es
ihm um die Menschenwürde gehe, weil er mit seinen Maßnahmen eine
Zurschaustellung behinderter Menschen verhindere, die von organisierten
»Hintermännern« ausgenutzt werden, was aber leider nicht nachweisbar sei.
Doch so stößt das Bettelverbot erneut auf heftige Kritik. Für den
Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer vom Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt ist die Vertreibung der bulgarischen Bettler
erst der Anfang, während das eigentliche Ziel in einer »bettlerfreien Stadt«
zur Fußball-WM bestehe. Heftige Kritik kommt auch von Bischöfin Maria Jepsen
und Erzbischof Werner Thissen, die für die
evangelische und katholische Kirche das Vorgehen gegen die Bettler erneut als
»inhuman« kritisierten und »mehr Großzügigkeit und Liberalität« im Umgang mit
armen und bettelnden Menschen einforderten.