Obdachlose erhalten Winterspeisung
Städte machen in den kalten Monaten besondere Angebote /
180 Essen werden in der Katharinenkirche ausgeteilt
Wenn die Kälte Obdachlosen stark zusetzt, gibt es in
Städten wie Frankfurt, Kassel und Darmstadt besondere Hilfe. In Frankfurt ist
ein Kältebus unterwegs, um vor allem den 300 bis 350 Menschen, die nicht ins
Wohnheim wollen, eine Notunterkunft anzubieten. Wie am Main wird in Kassel und
Darmstadt warmes Essen bereit gehalten.
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Frankfurt / Kassel / Darmstadt · Es
ist viel los in der Frankfurter Katharinenkirche. An
den langen Tischen bleibt bei der Winterspeisung kaum ein Stuhl leer. Die
Helfer kommen kaum nach, die über 180 Essen zu verteilen. Bogdan aus Polen hat
die Nacht in der B-Ebene der Hauptwache verbracht. Es ist ihm nicht anzusehen.
Saubere Kleider, der Schnurrbart akkurat rasiert. Ob es kalt war? "Ein
bisschen", antwortet er und zeigt auf seine Tasche mit dem Schlafsack. Die
B-Ebene sei aber kein guter Platz zum Schlafen. Zu wenig Ruhe, die Anderen
würden immer babbeln, und man müsse früh aufstehen. Da sei es besser, draußen
in einem Hauseingang zu schlafen.
"Es gibt einige, die haben einen besonderen Freiheitsdrang", sagt
Bernhard Klinzing vom Leitungsteam, das die
Winterspeisung in Frankfurt organisiert. "Die wollen draußen leben."
Einige, die die ganze Nacht gelaufen seien, um nicht zu erfrieren, kämen tags
in die Kirche, um an einem warmen und sicheren Ort zu schlafen. Manche hätte
Angst, in den Unterkünften bestohlen zu werden.
1200 Menschen ohne eigene Wohnung haben 2005 - im monatlichen Durchschnitt - in
Heimen und Unterkünften gelebt, erklärte Thomas Mader vom Sozialamt. Die
Entwicklung sei rückläufig. Im Winter würden die Notunterkünfte um 100 auf 350
Plätze aufgestockt. Als Gründe für die rückläufige Entwicklung gab Mader an, dass
es mehr zwischengenutzten Wohnraum und weniger
Spätaussiedler und Asylbewerber gebe.
" Angebote reichen aus"
Seit November, als die Temperatur auf fünf Grad Celsius sank, macht laut
Sozialamt der Kältebus jede Nacht seine Runde in Frankfurt. Sozialarbeiter
fragen die Menschen, die in der geöffneten B-Ebene der Hauptwache, in
Hauseingängen oder über Lüftungsschächten übernachten, ob sie nicht ein warmes
Bett in einer Notunterkunft haben möchten. Wer draußen bleibe, bekomme warme
Getränke und einen Schlafsack.
Die Hilfsangebote reichen in Frankfurt laut Diakonischem Werk des Evangelischen
Regionalverbandes und der Caritas aus. Bei den Menschen, die diese Hilfen nicht
wollten, handelt es sich nach Ansicht von Experten vor allem um psychisch
gestörte Menschen. 48 von ihnen, so Mader, seien hochgradig gefährdet. Ihre
Namen stünden auf einer Liste. Diese Menschen werden regelmäßig aufgesucht und
medizinisch versorgt.
In Kassel bietet die vom Verein Soziale Hilfe getragenen Tagesaufenthaltsstätte
"Pana-ma" im Winter für Wohnungslose und
andere Bedürftige zusätzlich zum Standardprogramm Hilfe an. Finanziert wird die
Vereinsarbeit vor allem vom Landeswohlfahrtsverband, viele Aktivitäten seien
aber nur durch Spenden möglich. Im Winter sei die Einrichtung von Montag bis
Sonntag jeden Vormittag geöffnet, Spenden ermöglichten die Ausgabe von warmer
Suppe, so "Panama"-Leiter Walter
Scharenberg. Zudem werden in Zusammenarbeit mit der Stadt in den Wintermonaten
Schlafstellen für Wohnungslose in vier Containern und drei Apartments zur
Verfügung gestellt.
In Darmstadt können seit mehr als zehn Jahren Bedürftige in der
"Darmstädter Tafel" zu Mittag essen - nicht nur im Winter, sondern
das ganze Jahr über. Täglich nutzen bis zu 60 Menschen das Angebot des Vereins.
Die Zutaten für die warme Mahlzeit spenden Darmstädter Supermärkte, Bäcker und
anderen Geschäfte. Besonders viel Arbeit haben die 40 ehrenamtlichen Helfer und
ein Zivildienstleistender um Geschäftsführerin Ursula Summer beim
Freitagsverkauf. Dann kommen rund 150 Bedürftige, um im Tante-Emma-Laden zum
symbolischen Preis von einem Euro neben Lebensmitteln auch Seife,
Toilettenpapier oder Einmalrasierer zu kaufen. Auch diese Waren stammen aus
Spenden. aka/ft/rap/smw
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 11.01.2006 um 18:56:04 Uhr
Erscheinungsdatum 12.01.2006
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KOMMENTAR
Viel Geduld
VON FRIEDERIKE TINNAPPEL
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Der Mann, der da scheinbar so ganz nebenbei
einen scheuen Blick in den Abfalleimer wirft, ist gut gekleidet. Offenbar hat
er irgend etwas entdeckt, das sein Interesse weckt.
Schnell ist der Gegenstand im Mantel verschwunden. Ein solcher Blick in den
Mülleimer ist keine Seltenheit mehr. Offenbar gibt es immer mehr Menschen in
der Stadt, die das noch brauchen können, was andere wegwerfen.
Die Arbeitslosigkeit ist hoch und viele bemühen sich tapfer, mit dem Geld, das
ihnen bleibt, irgendwie über die Runden zu kommen. Da gehen nicht nur die
Obdachlosen zur Winterspeisung in die Katharinenkirche,
sondern auch welche, die ein eigenes Dach über dem Kopf haben. Die Unterschiede
zwischen "Obdachlosen" und einkommenschwachen
Bürgern und Bürgerinnen scheinen langsam zu verwischen.
Immerhin, die Zahl derjenigen, die in Wohnheimen und anderen Unterkünften leben
müssen, geht zurück. Nicht zuletzt, weil es mehr Wohnraum gibt - und sei es nur
für einen überschaubaren Zeitraum, als so genannte Zwischennutzung. Bei der
Grundversorgung, zu der eine eigene Wohnung gehört, gibt es Fortschritte.
Noch keine Lösung konnte für die 300 bis 350 Menschen gefunden werden, die
immer wieder oder auch auf Dauer draußen im Freien übernachten. Sie sind
suchtkrank, psychisch gestört, sie brauchen Hilfe, wollen sie aber nicht
annehmen. Und die Sozialarbeiter entwickeln bei ihnen oft wirklich eine
Engelsgeduld. Bringen warme Getränke und Schlafsäcke vorbei, versuchen sie zu
überreden, mit in eine Unterkunft zu kommen. Diese Arbeit ist oft vergeblich,
aber um so bewundernswerter.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 11.01.2006 um 18:56:18 Uhr
Erscheinungsdatum 12.01.2006
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