Wenn schon die Kindheit von Armut
               geprägt ist . . .

               In ihrem Sozialbericht 2000 untersucht die
               Arbeiterwohlfahrt die Zukunftschancen von
               Kindern und Jugendlichen

               Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) legte am Donnerstag in Berlin
               ihren Sozialbericht 2000 vor, der Armut bei Kindern und
               Jugendlichen untersucht. Der Bericht mit dem Titel "Gute
               Kindheit - schlechte Kindheit, Armut und Zukunftschancen von
               Kindern und Jugendlichen in Deutschland" wurde von der
               AWO in Auftrag gegeben und ist Ergebnis dreijähriger
               Forschung des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik
               (ISS) in Frankfurt a. M. Aus dem Bericht dokumentieren wir
               Auszüge aus der Zusammenfassung und das 4. Kapitel, das
               Armut bei Kindern unter sieben Jahren untersucht.

               Zusammenfassung

               Armut und Armutsfolgen bei Kindern und Jugendlichen

               Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt veröffentlicht unter dem
               Titel "Gute Kindheit - Schlechte Kindheit" den Abschlussbericht des
               Instituts für Sozialpädagogik e. V., Frankfurt am Main, zu einem von
               der AWO in Auftrag gegebenen Forschungsprojekt zum
               Themenschwerpunkt "Armut bei Kindern und Jugendlichen". Die Ziele
               und Inhalte dieser dreijährigen bundesweiten Studie (im Weiteren als
               AWO-ISS-Studie bezeichnet) sowie deren wichtigste Ergebnisse und
               einige allgemeine Schlussfolgerungen sind im Folgenden
               zusammengefasst.

               Hohe Armutsbetroffenheit von Kindern und Jugendlichen

               Anlass für die Untersuchung war, dass Armut bei Kindern und
               Jugendlichen in Deutschland kein marginales Phänomen mehr ist.
               Vielmehr weisen die unter 18-Jährigen im Vergleich zu anderen
               Altersgruppen die höchste Armutsbetroffenheit auf. Schon zu Beginn
               der neunziger Jahre wurde deshalb der Begriff der "Infantilisierung
               der Armut" geprägt.

               Im Jahr 1998 waren insgesamt etwa drei Millionen Personen auf
               Sozialhilfe angewiesen, darunter etwa eine Million Kinder und
               Jugendliche. Hinzu kommt eine etwa gleich große Gruppe, die mit
               ihrer Familie unterhalb der Sozialhilfegrenze lebt, aber aus
               verschiedenen Gründen ihren Sozialhilfeanspruch nicht
               realisiert.Neuere Analysen gelangen zu dem Ergebnis, dass im Jahr
               1998 etwa jedes siebte Kind respektive jeder siebte Jugendliche in
               einer Familie lebte, die mit weniger als der Hälfte des
               durchschnittlichen Einkommens auskommen muss und damit als
               "(einkommens-)arm" bezeichnet wird.

               Kinderarmut lässt sich nicht nach einfachen Denkschablonen
               bestimmten "Problemgruppen" zuordnen. Die Wirklichkeit ist
               komplizierter. Bezüglich der sozialräumlichen und sozialstrukturellen
               Verteilung der von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen gilt:
               - Arme Kinder und Jugendliche gibt es in allen Regionen, auch in
               ländlichen Gegenden. In größeren Städten ist jedoch eine deutliche
               Häufung festzustellen. Armut tritt also auch außerhalb von sozialen
               Brennpunkten und nicht nur räumlich begrenzt auf.
               - Arme Kinder und Jugendliche leben überwiegend in "vollständigen"
               Familien beziehungswiese mit beiden (leiblichen) Eltern. Es sind also
               - trotz höherer Armutsgefährdung - nicht nur Kinder aus
               Ein-Eltern-Familien von Armut betroffen.
               - Kinder aus kinderreichen Familien sind zwar deutlich
               armutsgefährdeter, aber auch viele Kinder und Jugendliche aus
               Kleinfamilien fallen unter die Armutsgrenze.
               - Auch in armen Familien sind die Väter mehrheitlich berufstätig. Ist
               der Vater in einer "vollständigen" Familie jedoch arbeitslos, steigt die
               Armutsgefährdung für die Kinder deutlich an.
               - Armutsgefährdet sind besonders Kinder und Jugendliche ohne
               deutschen Pass. Dennoch stellen deutsche Kinder die Mehrzahl der
               Armutsgruppe.
               - Ein unsicherer ausländerrechtlicher Aufenthaltsstatus führt extrem
               häufig zu Armut. Insgesamt spielt diese Gruppe unter den vielen
               armen Kindern und Jugendlichen aber eine zahlenmäßig geringere
               Rolle.

               Forschungsdefizite

               Die bisherige Armutsforschung weist erhebliche Defizite auf. Sie hat
               "Kinderarmut" beziehungsweise die Problemlagen von Kindern und
               Jugendlichen, die in armen Familien aufwachsen, nur am Rande
               gestreift. Kinder und Jugendliche wurden als "Armutsrisiko", als
               Mitbetroffene oder gar nicht thematisiert. Dass der Armut bei Kindern
               und Jugendlichen ein eigenes Gewicht zukommt, welches wesentlich
               geprägt ist von den Verteilungsstrukturen innerhalb der Familien, den
               individuellen Potenzialen der Eltern sowie den gesellschaftlichen und
               institutionellen Rahmenbedingungen, blieb ebenso unbeachtet.
               Gleiches gilt für die Fragen, wie Armut auf Kinder und Jugendliche
               wirkt, welche mittel- und langfristigen Perspektiven sich armen
               Minderjährigen eröffnen und welche Chancen der Bewältigung diese
               besitzen. Die AWO-ISS-Studie befasst sich genau mit diesen
               vernachlässigten Fragestellungen. (. . .)

               Frühe Folgen

               Die Fragestellung nach den frühen Folgen von Armut
               beziehungsweise das Thema Armut im Vorschulalter hat mehrere
               Wurzeln. Zuallererst kam mit der Recherche und dem Auswerten
               vorliegender Untersuchungen die Einsicht, dass Kenntnisse in Bezug
               auf die Bedeutung und die Folgen von Armut für die jüngste
               Altersgruppe, vor allem die Vorschulkinder, fehlen. Während Schüler-
               und Jugendlichenbefragungen auch Benachteiligung, Ausgrenzung
               und Armut zum Thema haben und wichtige Forschungserkenntnisse
               liefern, liegen für Deutschland bislang keine systematischen
               Erkenntnisse zu Armutsfolgen im frühen Kindesalter vor. Hinzu kam,
               dass ein großer Teil (über ein Drittel) der von der AWO betreuten
               Kinder und Jugendlichen in diesem Alter ist (. . .)

               Im Rahmen des Projektes wurde deshalb 1998/1999 eine
               zweigeteilte Erhebung zur Lebenssituation von Vorschulkindern
               durchgeführt. Im ersten Untersuchungsabschnitt wurde der
               Fragestellung qualitativ anhand von Fallbeispielen nachgegangen. Im
               zweiten Teil wurde über eine Klientendatenerhebung in 60
               Kindertagesstätten der AWO die Lebenssituation von etwa 900
               armen und nicht-armen sechsjährigen Kindern untersucht.
               Untersuchungsleitend war die Frage, wie sich Armut im Vorschulalter
               auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Hierbei sollten die
               Lebenslage und die Entwicklung der armen Kinder mit denen der
               ökonomisch bessergestellten Heranwachsenden verglichen werden.
               Ergänzend dazu wurden Daten zu den sozialstrukturellen
               Rahmenbedingungen der Kinder erhoben und ausgewertet.

               Um zu bestimmen, welche Kinder in einem "armen" und welche in
               einem "nicht-armen" Haushalt leben, wurde in der Erhebung auf die
               gängigen wissenschaftlichen (Einkommensarmuts-)Konzepte
               zurückgegriffen: Zum einen wurde auf die politische Armutsgrenze (=
               Sozialhilfegrenze) Bezug genommen, zum anderen auf die
               50-Prozent-Grenze relativer Einkommensarmut. Basierend auf diesen
               Definitionen beziehungsweise Grenzziehungen bestand die
               Untersuchungsgruppe dieser Studie zu 26 Prozent aus armen und zu
               74 Prozent aus nicht-armen Kindern. (. . .)

               Nachfolgend werden die zentralen Ergebnisse und Erkenntnisse
               dargestellt.

               Armut und Sozialstruktur

               Die Armutsforschung hat wiederholt nachgewiesen, dass bestimmte
               soziale Gruppen (zum Beispiel Alleinerziehende, Arbeitslose) einem
               sehr hohen Armutsrisiko unterliegen. Ein weiterer wichtiger Befund ist
               die sozialräumliche Konzentration von Armut (. . .). Selten werden
               diese Daten zu Sozialstruktur und Sozialraum jedoch aus der
               Kinderperspektive aufbereitet. Dies soll im Folgenden mit Blick auf
               die untersuchten Vorschulkinder geschehen.

               Zunächst einmal gilt: Kinderarmut ist in allen Kommunen, die in die
               Studie einbezogen waren, vorzufinden. Die armen Kinder leben
               jedoch im Vergleich zu den nicht-armen signifikant häufiger in
               Großstädten und in "sozialen Brennpunkten". Je größer die
               Gemeinde ist, aus der die untersuchten Vorschulkinder kommen,
               desto höher ist der Armutsanteil: In Gemeinden mit einer
               Einwohnerzahl von weniger als 20 000 liegt die Armutsquote bei etwa
               18 Prozent, bei Kommunen mittlerer Größe (zwischen 20 000 und
               100 000 Einwohnern) liegt die Quote schon bei etwa 27 Prozent. In
               größeren Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern schließlich
               erreicht die Armutsbetroffenheit schon fast ein Drittel. Die Befunde
               zum Einfluss der sozialräumlichen Herkunft auf die
               Armutsbetroffenheit von Kindern im Vorschulalter decken sich mit den
               bisherigen allgemeinen Befunden höherer Armutsbetroffenheit in
               Großstädten und in "sozialen Brennpunkten".

               Arme Kinder stammen deutlich häufiger als nicht-arme Kinder aus
               Ein-Eltern-Familien sowie aus Familien mit drei und mehr Kindern.
               Die dominante Lebensform ist jedoch bei allen Kindern - ob arm oder
               nicht-arm - die traditionelle "vollständige" Familie: 80 Prozent der
               nicht-armen Kinder leben mit beiden leiblichen Eltern zusammen und
               immerhin noch fast 60 Prozent der armen Kinder. Von den anderen
               Lebensformen haben vor allem zwei eine größere Bedeutung: zum
               einen die Mutter-Kind(er)-Familie, zum anderen die
               Mutter-Kind(er)-Stiefvater-Familie. Erstere kommt bei den armen
               Kindern mit etwa einem Viertel (25 Prozent) am zweithäufigsten vor.
               Auch bei den nicht-armen Kindern steht sie von der Bedeutung her an
               zweiter Stelle, allerdings trifft diese Familienform nur auf rund ein
               Zehntel der Kinder (neun Prozent) zu. Die drittwichtigste Lebensform,
               das Zusammenleben mit der Mutter und deren Partner/einem
               Stiefvater, betrifft mehr als jedes zehnte arme Kind und etwa jedes
               zwanzigste nicht-arme Kind.

               Arbeitslosigkeit, aber auch Erwerbsunfähigkeit und das Fehlen einer
               Arbeitserlaubnis führen zu einem sehr hohen Armutsrisiko - diesen
               allgemeinen Befund bestätigen die Ergebnisse der Erhebung "Armut
               im Vorschulalter" sehr eindrücklich: Fast alle Väter (96 Prozent) der
               nicht-armen Vorschulkinder sind berufstätig, dagegen ist es unter den
               Vätern der armen Kinder nur gut die Hälfte (54 Prozent). Bei den
               Müttern der nicht-armen Kinder ist die Erwerbsquote mit gut 60
               Prozent ebenfalls sehr hoch im Vergleich zu den Müttern der armen
               Kinder, die nur zu rund einem Fünftel (23 Prozent) berufstätig sind.
               Insbesondere die Berufstätigkeit beider Eltern reduziert das
               Armutsrisiko erheblich: Die Armutsquote liegt, wenn beide Elternteile
               des Kindes arbeiten, nur bei sieben Prozent.

               Neben dem Haushaltstypus und der Erwerbstätigkeit der Eltern ist die
               Nationalität ein weiterer Faktor, der das Armutsrisiko der Kinder und
               ihrer Familien beeinflusst. So ist die Armutsquote von Kindern ohne
               deutschen Pass mit 43 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei den
               deutschen Kindern (20 Prozent). Während die Armutsquoten der
               Vorschulkinder mit EU-Staatsbürgerschaft und die der türkischen
               Kinder nur leicht über dem Durchschnitt liegen, haben vor allem
               Kinder aus dem früheren Jugoslawien und Kinder aus anderen als
               den bisher genannten Herkunftsländern sehr hohe Armutsquoten. Das
               Armutsrisiko von Vorschulkindern ohne deutschen Pass hängt vor
               allem von der Sicherheit des jeweiligen Aufenthaltsstatus ihrer
               Familie ab.

               In einem weiteren Untersuchungsschritt wurde der Frage
               nachgegangen, welche Folgen die (sehr ungleich verteilte) familiäre
               Armut auf die Entwicklung und Lebenschancen der Kinder im
               Vorschulalter hat. Des Weiteren ist von Interesse, in welchen
               Lebensbereichen sich die familiäre Armut beim Kind äußert. Die
               Befunde zu diesen Fragestellungen werden im folgenden Kapitel
               dargestellt.

               Unterschiede zwischen armen und nichtarmen Kindern in einzelnen
               Lebensbereichen

               Anhand der vier zentralen (kindorientierten) Dimensionen der
               Lebenslage von Kindern wird im Folgenden analysiert, was bei den
               armen Kindern ankommt und welche Unterschiede zwischen armen
               und nicht-armen Kindern im Vorschulalter bestehen. In allen vier
               Lebenslagedimensionen sind bei armen Kindern im Vergleich zu
               nicht-armen deutlich häufiger Einschränkungen beziehungsweise
               Auffälligkeiten zu beobachten.

               Im Bereich Grundversorgung weisen 40 Prozent der armen
               gegenüber 15 Prozent der nicht-armen Kinder Mängel auf. Am
               deutlichsten äußerst sich familiäre Armut hier im verspäteten und
               unregelmäßigen Zahlen von Essensgeld und sonstigen Beiträgen für
               Kindertagesstättenaktivitäten. Häufig kommt es auch vor, dass arme
               Kinder hungrig in die Einrichtung kommen und dass dem Kind die
               körperliche Pflege fehlt. Relativ selten dagegen ist das Fehlen von
               notwendiger Kleidung.

               Mehr als doppelt so häufig wie nichtarme Kinder weisen arme Kinder
               Einschränkungen beziehungsweise Auffälligkeiten im kulturellen
               Bereich auf: 36 Prozent der armen Kinder sind mit Blick auf ihr
               Spielverhalten auffällig, 38 Prozent versus 16 Prozent bezüglich ihres
               Sprachverhaltens und schließlich 34 Prozent versus 18 Prozent mit
               Blick auf ihr Arbeitsverhalten.

               Weist ein Kind in einem der drei oben genannten "kulturellen"
               Bereiche Einschränkungen auf, so macht dies den regulären Übertritt
               in die Regelschule deutlich unwahrscheinlicher. Arme Kinder, die
               ohnehin seltener den Übertritt in die Regelschule "regulär" mit sechs
               Jahren vollziehen (69 Prozent der armen Kinder versus 88 Prozent
               der nicht-armen Kinder),treten weniger häufig regulär in die
               Regelschule über, wenn sie in mehr als einem der Unterbereiche
               eingeschränkt beziehungsweise auffällig sind. Bei den nicht-armen
               Kindern nimmt die Wahrscheinlichkeit des Regelschulbesuchs mit der
               Anzahl der Auffälligkeiten beziehungsweise Einschränkungen stetig
               ab. Ist ein armes Kind in mindestens zwei der drei Bereiche
               eingeschränkt, so liegt die Wahrscheinlichkeit des regulären Eintritts
               in die Regelschule bei 38 Prozent. Die nicht-armen Kinder mit
               ähnlichen "kulturellen Auffälligkeiten" treten noch zu über der Hälfte
               (55 Prozent) regulär in die Regelschule über.

               Die Zahlen verdeutlichen: Arme Kinder werden nicht nur insgesamt
               häufiger als nicht-arme Kinder vom Schulbesuch zurückgestellt,
               sondern auch bei vergleichbarer Ausgangslage beziehungsweise
               dem gleichen Maß an "Auffälligkeiten" haben sie geringere Chancen
               für einen regulären Übertritt in die Regelschule als nicht-arme Kinder.

               Arme Kinder sind nicht nur im Bereich der Grundversorgung und im
               kulturellen Bereich, sondern auch im sozialen Bereich deutlich
               häufiger eingeschränkt beziehungsweise auffällig als nicht-arme
               Kinder (36 versus 18 Prozent). Arme Kinder suchen zum Beispiel
               weniger häufig den Kontakt zu anderen Kindern in der
               Kindertagesstätte, nehmen weniger aktiv am Gruppengeschehen teil,
               äußern seltener ihre Wünsche und sind weniger wissbegierig als
               nicht-arme Kinder. Zugleich ist eine beginnende Ausgrenzung zu
               beobachten: So werden arme Kinder häufiger als nicht-arme Kinder
               von den anderen Kindern in der Kindertagesstätte gemieden.

               Auch in Bezug auf ihre Gesundheit beziehungsweise körperliche
               Entwicklung weisen arme Kinder häufiger Einschränkungen
               beziehungsweise Auffälligkeiten als nicht-arme Kinder auf. Hier ist
               jedoch der Unterschied zwischen armen und nicht-armen Kindern von
               allen Bereichen am geringsten ausgeprägt.

               Arme Kinder haben häufiger als nicht-arme Kinder gesundheitliche
               Probleme beziehungsweise sind in ihrer körperlichen Entwicklung
               zurückgeblieben. Hinsichtlich chronischer Erkrankungen und
               motorischer Entwicklung gibt es keine signifikanten Unterschiede
               zwischen den beiden Gruppen.

               Welche Faktoren sind es, die die Lebenslage des Kindes in den
               untersuchten Bereichen beeinflussen? Dieser wichtigen Frage wurde
               auf Basis des Datenmaterials mit einem speziellen statistischen
               Verfahren ("CHAID-Analyse") nachgegangen. Der "stärkste" Faktor -
               und damit am bedeutsamsten für das Risiko des Kindes,
               "Auffälligkeiten" beziehungsweise Defizite zu entwickeln - ist gemäß
               dieser Analyse das Ausmaß der von der Familie gemeinsam
               durchgeführten Aktivitäten. Als zweitstärkster Faktor erweist sich die
               Armutssituation der Familie: Sowohl bei den armen Kindern mit
               gemeinsamen Aktivitäten am Wochenende als auch bei den Kindern
               ohne solche Aktivitäten gehen mit der Armutssituation eine höhere
               "Auffälligkeit" beziehungsweise vermehrte Einschränkungen einher.

               Die von der Familie gemeinsam durchgeführten Aktivitäten können
               als ein Indikator für die Kindzentriertheit oder Zuwendung zum Kind in
               der Familie betrachtet werden. Diese Zuwendung zum Kind scheint
               materiell defizitäre Familienbedingungen - insbesondere für Kinder
               im Vorschulalter - zum Teil zu kompensieren.

               Die ungünstigste Konstellation liegt entsprechend dann vor, wenn
               materielle Defizite mit geringer Kindzentriertheit beziehungsweise
               wenig gemeinsamen familiären Aktivitäten einhergehen. Die beiden
               Variablen "Kindzentriertheit" und "Armut" sind nach dieser Analyse
               die entscheidenden Einflussgrößen in Bezug auf die Anzahl der
               "Auffälligkeiten" beziehungsweise Einschränkungen eines Kindes. (. .
               .)

               Wohlergehen, Benachteiligung oder multiple Deprivation - der
               umfassende Blick auf die kindliche Lebenslage

               Während sich die obige Analyse auf einzelne Lebensbereiche und
               den Vergleich von armen mit nicht-armen Kindern konzentrierte, steht
               im Folgenden der umfassende Blick auf die kindliche Lebenssituation
               im Mittelpunkt. Dazu wurden die empirischen Befunde zu den vier
               Dimensionen der Lebenslage von Kindern im Vorschulalter zu einem
               Lebenslagenindex zusammengefasst, der folgende Lebenslagetypen
               enthält:

               Von "Wohlergehen"wird dann gesprochen, wenn in Bezug auf die
               zentralen (Lebenslage-)Dimensionen (siehe oben) aktuell keine
               Einschränkungen beziehungsweise "Auffälligkeiten" festzustellen
               sind, das Kindeswohl also gewährleistet ist.

               Eine "Benachteiligung" liegt dann vor, wenn in einigen wenigen
               Bereichen aktuell Einschränkungen beziehungsweise "Auffälligkeiten"
               festzustellen sind. Das betroffene Kind kann in Bezug auf seine
               weitere Entwicklung als eingeschränkt beziehungsweise benachteiligt
               betrachtet werden.

               Von "multipler Deprivation"schließlich wird dann ausgegangen, wenn
               das Kind in mehreren zentralen Lebens- und Entwicklungsbereichen
               eingeschränkt beziehungsweise "auffällig" ist. Das Kind entbehrt in
               mehreren wichtigen Bereichen die notwendigen Ressourcen, die eine
               positive Entwicklung wahrscheinlich machen.

               Die Verteilung der Lebenslagetypen wird im Folgenden für arme und
               nicht-arme Kinder untersucht. Dabei ist insbesondere von Interesse,
               welche Rahmenbedingungen vorhanden sein müssen, um das
               Wohlergehen eines Kindes zu gewährleisten.

               Von allen Kindern im Vorschulalter der Untersuchungsgruppe leben
               40 Prozent im Wohlergehen, bei 40 Prozent muss die
               Lebenssituation als benachteiligend und bei 20 Prozent als multipel
               deprivierend charakterisiert werden. Das heißt, dass bei mindestens
               20 Prozent aller Kinder aufgrund der umfassenden "Auffälligkeiten"
               beziehungsweise Einschränkungen von einer starken
               Beeinträchtigung der weiteren Entwicklung und der Zukunfts-chancen
               ausgegangen werden muss.

               Wird die Verteilung der Lebenslagetypen getrennt für arme und
               nicht-arme Kinder betrachtet, so wird deutlich, dass arme Kinder
               bereits im Vorschulalter "arm dran" sind: Während nur knapp ein
               Viertel (24 Prozent) der armen Kinder in keinem der vier zentralen
               Lebenslagebereiche benachteiligt ist (Wohlergehen), ist es unter den
               nicht-armen Kindern fast die Hälfte (46 Prozent). Benachteiligt, also in
               ein oder zwei der vier zentralen Lebenslagebereiche eingeschränkt
               beziehungsweise auffällig sind etwa 40 Prozent der armen und
               nicht-armen Kinder. Als mehrfach (multipel) depriviert sind - aufgrund
               einer Benachteiligung in mindestens drei der vier zentralen
               Lebensbereiche - gut ein Drittel der armen Kinder (36 Prozent) und
               etwa jedes siebte bis achte nicht-arme Kind (14 Prozent) zu
               bezeichnen.

               Auch an diesen Zahlen wird deutlich, dass Armut zwar ein wichtiger
               Faktor ist, der die Lebenslage des Kindes bestimmt, die
               Lebenssituation der Kinder aber auch von anderen Faktoren
               beeinflusst wird. Innerhalb der Gruppe wie in der Vergleichsgruppe
               der nicht-armen Kinder gibt es eine große Variationsbreite an
               Lebenslagen.

               Im Weiteren werden zwei Gruppen nach ihrer Zusammensetzung
               gesondert analysiert: die Gruppe der Kinder, deren Lebenslage als
               multipel deprivierend bezeichnet werden muss, und die Untergruppe
               der armen Kinder, die im Wohlergehen leben.

               Bei der Analyse der Gruppe der multipel deprivierten Kinder ist
               insbesondere von Interesse, aus welchen Familien diese Kinder
               kommen. Besonders deprivationsgefährdet sind:

               - Kinder aus nicht-deutschen Familien, darunter insbesondere Kinder
               aus Familien mit ungesichertem Aufenthaltsstatus und Kinder, deren
               Eltern kein Deutsch sprechen.

               - Kinder aus armen Familien

               - Kinder aus Familien, in denen die Väter arbeitslos sind

               - Kinder aus Familien mit drei und mehr Kindern

               - Kinder aus Ein-Eltern-Familien

               Die Merkmale der Kinder und ihrer Familien, die
               deprivationsgefährdet sind, sind vergleichbar mit den Merkmalen, die
               das Risiko erhöhen, arm zu sein.

               Bei der zweiten näher untersuchten Gruppe, der Untergruppe der
               Kinder, die trotz Armut im Wohlergehen leben, wird der Frage
               nachgegangen, welche Einflussfaktoren bei armen Kindern das
               Wohlergehen begünstigen. Folgende Voraussetzungen fördern das
               Wohlergehen der armen Kinder:

               - Deutschkenntnisse auf Seiten mindestens eines Elternteils

               - Keine Überschuldung der Familie

               - Keine beengten Wohnverhältnisse der Familie

               - Gutes Familienklima (keine regelmäßigen Streitigkeiten)

               - Regelmäßige gemeinsame Aktivitäten der Familie

               Auch mit Blick auf die gesamte Lebenslage des Kindes erweist sich
               also unter anderem das Ausmaß der gemeinsamen familiären
               Aktivitäten als ein wichtiger Faktor für die förderliche Entwicklung des
               Kindes im Vorschulalter. Dies gilt für arme, aber auch für nicht-arme
               Kinder.

               Benachteiligung und professionelle

               Unterstützung

               In welchem Umfang werden benachteiligte und multipel deprivierte
               sowie arme Kinder und ihre Familien professionell unterstützt?
               Insgesamt erhalten etwa ein Fünftel aller untersuchten Kinder
               beziehungsweise ihre Familien professionelle Unterstützung neben
               der Betreuung in der Kindertagesstätte. Rund 60 Prozent dieser
               professionellen Unterstützung erhalten die Kinder direkt, zum Beispiel
               durch Frühförderung. Die übrigen Unterstützungsmaßnahmen richten
               sich an die Famile insgesamt, wie beispielsweise
               sozialpädagogische Familienhilfe oder Schuldenberatung.

               Der Blick auf die Hilfen, differenziert nach den Lebenslagetypen,
               zeigt: 15 Prozent der Kinder, die im Wohlergehen leben, erhalten
               professionelle Unterstützung, 34 Prozent der benachteiligten Kinder
               und 57 Prozent der multipel deprivierten Kinder. Das bedeutet
               zunächst, dass diejenigen Kinder und ihre Familien, die aufgrund der
               kindlichen Lebenslage besonders unterstützungsbedürftig erscheinen,
               tatsächlich deutlich häufiger professionelle Unterstützung erhalten als
               Kinder in einer besseren Lage. Es ist jedoch auch zu konstatieren,
               dass ein großer Teil derjenigen, die Unterstützungsbedarf haben,
               keine Unterstützung erhält. Immerhin erhalten 43 Prozent der multipel
               deprivierten Kinder und deren Familien jenseits der Kindertagesstätte
               keine professionelle Unterstützung.

               Differenziert nach armen und nicht-armen Kindern zeigt sich, dass
               arme Kinder und ihre Familien deutlich häufiger (51 Prozent)
               professionelle Unterstützung erhalten als nicht-arme Kinder und ihre
               Familien (22 Prozent). Arme benachteiligte Kinder und ihre Familien
               erhalten doppelt so oft professionelle Unterstützung wie nicht-arme
               benachteiligte Kinder beziehungsweise ihre Familien (57 Prozent
               versus 27 Prozent). Weniger deutlich ist der Unterschied, wenn beim
               Kind eine multiple Deprivation vorliegt: Kommt das Kind aus einer
               armen Familie, so erhält es beziehungsweise seine Familie in zwei
               Drittel der Fälle (67 Prozent) Hilfe von außen. Multipel deprivierte
               Kinder aus nicht-armen Familien erhalten nur in etwa der Hälfte der
               Fälle professionelle Unterstützung (48 Prozent).

               Den Befunden ist zu entnehmen, dass die professionelle
               Unterstützung zwar tendenziell mit den Einschränkungen und
               "Auffälligkeiten" in der Lebenslage der Kinder korrespondiert. Dies
               gilt jedoch nicht für alle Kinder, bleiben doch viele - insbesondere
               nicht-arme deprivierte Kinder - ohne weitergehende
               Unterstützung/Förderung.

               Familien von benachteiligten Kindern, die ohne professionelle
               Unterstützung bleiben, weisen tendenziell etwas höhere Ressourcen
               auf als die Gruppe derjenigen mit Unterstützung.

               Dennoch ist die Frage zu stellen, ob wirklich in allen Fällen die
               Eigenressourcen der nicht unterstützten Familien ausreichen, um das
               Kind ausreichend zu fördern. Dies lässt sich jedoch auf Basis des
               vorliegenden Materials nicht beantworten. Eine vertiefende
               (qualitative) Untersuchung wäre hier sinnvoll, um die familiären
               Ressourcen deutlicher zu ermitteln.

               Aus den hier zusammenfassend vorgestellten empirischen
               Ergebnissen der Erhebung "Armut im Vorschulalter" lässt sich
               folgern, dass

               - bei einem nicht unerheblichen Anteil von Kindern im Vorschulalter
               die Armut der Familie gravierende Folgen für die kindliche
               Entwicklung und kindliche Lebenslage hat,

               - die Armut der Familie jedoch nicht automatisch zur Benachteiligung
               oder gar multiplen Deprivation des Kindes führt,

               - nicht vorhandene materielle Sicherheit einer Familie nicht die
               Grundversorgung, die Förderung kultureller und sozialer
               Kompetenzen sowie die gesundheitliche Entwicklung des Kindes
               automatisch ausschließt oder umgekehrt die materielle Sicherheit
               einer Familie nicht immer kulturelle und soziale Ressourcen sowie die
               Gesundheit eines Kindes einschließt.

               Neben einer ausreichenden materiellen Sicherheit der Familien
               erweisen sich insbesondere ein gutes Familienklima und
               regelmäßige gemeinsame familiäre Akivitäten als bedeutsam für das
               Wohlergehen und für die Zukunftschancen eines Kindes. Diese
               "Leistung" der Eltern, denen es trotz schwieriger materieller
               Bedingungen gelingt, ihren Kindern förderliche
               Entwicklungsbedingungen zu bieten, ist besonders "hervorzuheben".
               Umgekehrt muss mangelnde familiäre Interaktion - neben Armut - als
               besonderes Entwicklungsrisiko für das Kind begriffen werden.

               Sozialpolitische und sozialarbeiterische Handlungsansätze können
               sich nicht mehr nur in der Verbesserung der materiellen Lebenslage
               von Familien und davon abgeleitet von Kindern erschöpfen. Vielmehr
               ist eine Vielzahl von "Investitionen" in das materielle, soziale und
               kulturelle Kapital eines Kindes zwingend erforderlich. (. . .)

 

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               Dokument erstellt am 25.10.2000 um 21:07:13 Uhr
               Erscheinungsdatum 26.10.2000