Freier auf Steckbriefen

CHARLOTTENSTRASSE / Schon wieder 31 Verfahren mit Bußgeldern und 58

Platzverweise. Gewalt gegen Prostituierte.

Der Druck wird immer größer: Um Dealer, Freier und auch Prostituierte aus

ihren Räumen zu verdrängen, beschäftigen die Parkhäuser im Sperrgebiet auf

der Charlottenstraße rund um die Uhr einen privaten Sicherheitsdienst - und

der gibt sich mit den Mitarbeitern des städtischen Ordnungs- und

Servicedienstes (OSD) die Klinke in die Hand. Täglich, ganz verstärkt in

den Abendstunden, sind die Doppel-Streifen auf dem illegalen Straßenstrich

präsent.

Das müssen sie, denn entgegen den Erwartungen, dass sich mit der Änderung

der Düsseldorfer Straßenordnung und der Einbahnstraßen-Regelung vor über

drei Jahren die Zahl der Freier verringert, schnellen die Zahlen nach oben:

Waren es 2003 noch 96 Männer, gegen die Bußgelder von 250 und - im

Wiederholungsfall - 500 Euro verhängt wurden, waren es 2004 insgesamt 281

Freier, denen der OSD einen Platzverweis erteilte. Gegen 180 wurde ein

Verfahren mit dem Vorwurf der "Kontaktaufnahme zum Zwecke des

Geschlechtsverkehrs" eingeleitet. 177 mussten je 250 Euro zahlen, drei

"Unbelehrbare", wie sie Ordnungsamtschef Wolfgang Tolkmitt titelt, je 500 Euro.

Abschreckung? Fehlanzeige. Der Anhörungsbogen an die Privatadresse, der

ganz gezielt darauf absetzt, dass ihn auch die Ehefrauen zu lesen bekommen,

hält offensichtlich kaum einen Freier ab. Ganz im Gegenteil: Bereits in den

ersten fünf Monaten dieses "noch ungewöhnlich kalten Jahres", wie es

Tolkmitt formuliert, wurden bereits 58 Platzverweise erteilt und 31

Verfahren gegen Freier eingeleitet.

Die Frauen warnen einander

Mit einer Reaktion, die erschreckt: In einem eigenen Internetforum, in dem

sich die Männer, wie berichtet, gegenseitig vor den verschärften Kontrollen

warnen, kündigte vor drei Tagen das Pseudonym "Intimacy" Sanktionen gegen

die Kommune an. "Ich muss der Stadt einen Schaden zufügen, um für meine

Zahlung auch eine Gegenleistung zu bekommen", schreibt der Mann, der gerade

zu einer 250-Euro-Strafe verdonnert wurde. Strafbar sei das noch nicht,

sagt Polizeisprecher Andreas Czogalla und ergänzt, "er hat niemanden

konkret bedroht".

Doch nicht nur die Freier warnen sich untereinander, auch die Mädchen und

Frauen, deren Drogensucht sie auf die Charlottenstraße treibt, formulieren

von den Männern "Steckbriefe". In ihren Anlaufstellen Trebe-Cafe (Kölner

Straße) und "Knackpunkt" (Grupellostraße) beschreiben sie gefährliche

Freier, die sie vergewaltigen, verprügeln und ohne zu bezahlen aus dem Auto

werfen. Fast täglich komme es zu Übergriffen auf die 15- bis 40-jährigen

Prostituierten. Die verschärften Kontrollen, die abgeriegelten Parkhäuser

setzten sie so unter Druck, dass sie jedes Angebot annehmen müssten. Zudem

nutzen die Männer die Not der Frauen aus - sie müssen für ihren täglichen

Konsum 100 Euro verdienen - und drücken die Preise von ehemals 70 Mark

zurzeit sogar auf unter 20 Euro.

Gegen die Prostituierten werden im übrigen keine Bußgelder mehr verhängt -

wohl aber Platzverweise. Allein 545 im vergangenen Jahr.

03.06.2005 ANDREA KREBS