DÜSSELDORF

Arme Menschen: Wer sie sehen will, kann sie an vielen Orten der Stadt beobachten. Foto: Dieter Alsleben

Armut: Die Schattenseite einer reichen Stadt

Aktionstag: In Düsseldorf leben mehr Arme als im Landesdurchschnitt.


Düsseldorf. Zusammengekauert in einem Schlafsack übernachtet ein Mann auf dem blanken Steinboden des Bürgersteigs. An einer anderen Ecke stapeln sich Müllberge die Wände hoch, wenig weiter bietet eine zerklüftete Wand nur eine notdürftige Unterkunft für eine Familie. Diese Bilder stammen nicht von weit weg, es sind Szenen aus Düsseldorf. Zu sehen waren sie am Samstag beim Aktionstag "Armes Düsseldorf Reiches Düsseldorf. Ein sozialer Ratschlag".

Das sozialpolitische Netzwerk, ein Zusammenschluss von so unterschiedlichen Organisationen wie den Kirchen, den Gewerkschaften und attac hat den Aktionstag organisiert.

"Man braucht ein breites Bündnis, um sich gegen die vorherrschende politische Meinung Gehör zu verschaffen", begründet Stadtsuperintendentin Cornelia Oßwald. "Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander", eröffnet sie den Aktionstag.

In verschiedenen Diskussionsforen soll geklärt werden, inwiefern das für Düsseldorf gilt. Das funktioniert nicht immer. Foren wie "Gutes Leben für alle Alterssicherung familiengerecht und solidarisch", "Agenda 2010, Hartz IV, Zuwanderung" oder "Überschuldung" bieten einen guten Überblick zum jeweiligen Thema, haben aber wenig mit der spezifischen Situation in der Stadt zu tun.

Wer ein glückliches Händchen hat und das richtige Forum wählt, bekommt dennoch einen Einblick, wie es um die Wohlstandsverteilung in der Landeshauptstadt steht. Tenor: Düsseldorf ist eine Stadt der Reichen. Aber genauso eine der Armen.

"In Düsseldorf ist die Wahrscheinlichkeit, in Armut zu leben, höher, als durchschnittlich im Rest von NRW", erklärt Thomas Köster von attac. "15 bis 17 Prozent der Düsseldorfer leben in Armut." Im NRW-Schnitt seien es 14 Prozent. Statistische Angaben, die sich mit Erfahrungen aus der Praxis decken.

Etwa jene, von denen Cornelia Richter berichtet. Sie ist Leiterin der Kindertagesstätte Papst Johannes in Unterrath. "Wir haben eine ganz brisante Mischung von Kindern", schildert Cornelia Richter. "Das geht vom Kind eines Obdachlosen bis zum Mittelstandskind aus dem Einfamilienhaus."

Das sorgt im Kita-Alltag zunehmend für Probleme. "Die Kinder gruppieren sich anhand ihres sozialen Status", hat die Erzieherin beobachtet. "Wer da materiell nicht mithalten kann, dem wird zugesetzt." Und die Zahl der Kinder in ihrer Einrichtung, die nicht mithalten können, steigt. "Ein Drittel der Kinder kommen aus sozial schwachen Verhältnissen."

Dabei sind das längst nicht alles Kinder von Arbeitslosen. Auch Eltern, die arbeiten, können ihren Kindern vermehrt kein Auskommen bieten. Und das, obwohl Hartz IV bei den richtigen Problemfällen noch nicht angekommen ist. Das befürchtet Christian Arnold, Projektleiter für Wohnungslose bei der Diakonie.

"Es gibt noch keine Fallmanager. Und so lange gibt es auch keine Sanktionen." Noch wurden keinem Arbeitslosen die Bezüge gestrichen. Das kommt erst noch. Dann, befürchtet Christian Arnold, wird sich die Situation für Düsseldorfs Arme weiter verschlechtern. Schon jetzt ist die Lage nicht rosig.

"Es gibt viel zu wenig preisgünstige Wohnungen", schildert der Experte. "Wenn demnächst auch Arbeitslosengeld-II-Empfänger auf billigen Wohnraum ausweichen, konkurrieren die mit den sozial noch schlechter gestellten Düsseldorfern und verdrängen die."

Solche Zustandsbeschreibungen und Warnungen gibt es oft in den Foren zu hören. Meist vor eher spärlich besetzten Stühlen. "Ich verstehe die Lethargie der Bevölkerung nicht", stöhnt Teilnehmerin Angelika Sierke. "Man muss doch etwas tun."

Nur was, das wird an diesem Aktionstag nicht ganz deutlich. Einig sind sich alle, dass die Einnahmen der öffentlichen Hand gestärkt werden müssten. Dabei räumt etwa attac-Mann Thomas Köster ein: "In Düsseldorf ist die Situation noch relativ entspannt." Dennoch warnen die attac-Mitglieder: "Wenn das so weitergeht, werden die sozial Schwachen auf der Strecke bleiben."

Da nennt attac das Beispiel Vodafone. Die Globalisierungskritiker haben eine Kampagne gestartet, um Druck auf den Düsseldorfer Mobilfunkanbieter auszuüben. Der möchte 20 Milliarden Euro von der Steuer abschreiben. "Das würde wegen der Gewerbesteuer auch Düsseldorf schaden", warnt Köster. Allerdings sieht er ein: "Viel mehr Möglichkeiten, als moralischen Druck auszuüben, haben wir nicht."

02.05.05
Von Sven Prange

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