Rüttgersmahnt Städte: Macht eureKindersatt
VON
DETLEV HÜWEL
Düsseldorf Viel zu viele Jungen und Mädchen gingen ohne Frühstück zur Schule
oder bekämen kein warmes Mittagessen, schreibt Regierungschef Jürgen Rüttgers
(CDU) an alle 427 Oberbürgermeister, Bürgermeister und Landräte in NRW. In dem
Brandbrief, der unserer Zeitung vorliegt, heißt es weiter: „Um Kindern eine
möglichst unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen, brauchen wir alle diejenigen,
die sich vor Ort haupt- oder ehrenamtlich stark machen für dieses Kind-sein-können.“
Rüttgers will vor allem private Initiative fördern. Die Kommunen sollen ihm
ehrenamtliche Helfer und Hilfseinrichtungen benennen, mit denen
vernachlässigten Kindern zu ihrem elementarsten Recht verholfen werde: „einem
gesunden und regelmäßigen Essen“.
Nach dem jüngsten NRW-Armutsbericht, den Sozialminister Karl-Josef Laumann
(CDU) Anfang Mai vorgestellt hatte, gelten 825000 Kinder und Jugendliche in NRW
als arm. Nach Einschätzung der Freien Wohlfahrtspflege ist Armut in NRW „heute
ganz normal“. Immer mehr Menschen fielen durch das soziale Netz. Das mache sich
nicht nur in Suppenküchen und Sozialkaufhäusern bemerkbar, sondern auch in
scheinbar mittelständischen Kindertagesstätten und auf Schulhöfen.
Die Verbände prangern an, dass der Regelsatz der Sozialhilfe lediglich 2,55
Euro täglich für Lebensmittel vorsehe, während ein gesundes Essen für ein
zehnjähriges Kind mindestens 3,89 Euro koste.
Um hier entgegenzusteuern, sei der Staat auf die Unterstützung derjenigen
angewiesen, die über die Verhältnisse in den Familien am besten informiert sind
und die genau wüssten, wann, wo und wie am besten geholfen werden kann, so
Rüttgers. Als Anerkennung für private Initiativen und Ansporn zu weiterer
Hilfsbereitschaft will er diesen einen Großteil der ihm für ehrenamtliche
Tätigkeit zur Verfügung stehenden Mittel zuleiten. Insgesamt handelt es sich
dabei um 400000 Euro, wobei ausgewählte Initiativen mit einer einmaligen
Zuwendung zwischen 10000 und 40000 Euro rechnen können. Die Vorschläge müssen
bis Ende Juli bei der Düsseldorfer Staatskanzlei eingereicht sein.
Die Tatsache, dass Kinder ohne ausreichendes Essen in die Schule geschickt
werden, war bereits mehrfach Gegenstand von Debatten im Landtag.
Schulministerin Barbara Sommer (CDU) hat den Grünen, die hier besonders Druck
gemacht hatten, versichert, dass private Initiativen gestärkt würden.
LEITARTIKEL SEITE A2
STIMMEDESWESTENS SEITE A2
- /DETLEV HÜWEL
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.124
Datum: Donnerstag, den 31. Mai 2007
Seite: Nr.1
SCHWERPUNKT ARMUT IN NRW
Sorge ums
Schulbrot
Häufig
schicken arme Eltern ihre Kinder nicht auf die Ganztagsschule - wegen der
Kosten für das warme Mittagessen, haben die Verbände der Freien
Wohlfahrtspflege festgestellt.
VON
DETLEV HÜWEL
düsseldorf Für die Verbände der Freien
Wohlfahrtspflege (Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Paritätischer Wohlfahrtsverband,
Rotes Kreuz, Diakonie und Jüdische Kultusgemeinde) ist es ein Skandal, dass in
einem Land wie NRW überhaupt über Kinderarmut geredet werden muss. Doch
Tatsache ist, dass hier über 80000 junge Menschen in einem „einkommensarmen“
Haushalt“ leben, also als arm gelten. Fast jedes vierte Kind ist betroffen.
Die Verbände haben aufgelistet, was das im Alltag für ein zehnjähriges Mädchen
bedeutet: 207 Euro im Monat für Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, anteilige
Strom- und Ansparkosten für Haushaltsgegenstände, Gesundheitspflege, Bildung,
Kultur und Freizeit. Folgt man dieser Rechnung, bleiben 2,55 Euro am Tag für
Lebensmittel und 3,65 im Monat für Kinderschuhe. Für die Freizeit (Zoo, Kino)
stehen dann noch 1,36 Euro zur Verfügung, für Schreibwaren und Zeichenmaterial
1,33 Euro
Bis zu 40 Prozent der Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule, hat die
SPD-Politikerin Marlies Stotz unlängst im Landtag zu Protokoll gegeben. Wenn
dafür Armut die Ursache ist - wie herauskommen aus diesem Teufelskreis, denn
Armut gebiert häufig neue Armut? Es gibt eine Fülle privater Initiativen, die
sich um ein ausreichendes Essensangebot für sozial benachteiligte Schüler
kümmern. NRW-Regierungschef Jürgen Rüttgers (CDU) will jetzt einige von ihnen
finanziell unterstützen und andere damit zum Nachahmen ermuntern. Es gibt zudem
weitere Angebote: Etliche Kommunen bieten Stadtpässe an, um Familien vor einem
Abdriften ins Abseits zu bewahren und ihnen Teilhabe am Geschehen in der
Gemeinde zu ermöglichen. Beispiel Dortmund: Mit dem Pass gibt es freien bzw.
reduzierten Eintritt für Zoo, Westfalenpark, Hallenbäder, Theater und
Bibliotheken. Ähnliches haben Wermelskirchen und Düsseldorf zu bieten.
Leichlingen finanziert sozial Schwachen die Mitgliedschaft im Turnverein, und
Bergisch-Gladbach übernimmt schulbezogene Leistungen bis 100 Euro.
Bildung hilft aus der Armutsmisere heraus - sagen Experten. Doch gerade in NRW
haben Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien schlechte
Fortkommenschancen. Diese ernüchternden Befunde der Pisa-Untersuchungen haben die
Sozialdemokraten, die fast 40 Jahre in NRW das Sagen hatten, schwer getroffen.
Nach Einschätzung der Freien Wohlfahrtspflege könnte der Besuch einer
Ganztagsschule für betroffene Kinder eine Chance sein, Benachteiligungen in der
Schule auszugleichen. Indes: Gerade sie blieben diesem Angebot häufig fern,
konstatiert Frank Johannes Hensel von der Freien
Wohlfahrtspflege NRW. Der Grund: Ihre Eltern könnten die Kosten von zwei bis
2,50 Euro für das tägliche Mittagessen nicht aufbringen. Deshalb, so die Verbände,
müsse es für arme Kinder ein bezahlbares Essen geben - „Kostenfreiheit wäre
natürlich noch besser“.
Die Grünen-Politikerin Sylvia Löhrmann hat die
schwarz-gelbe NRW-Regierung aufgefordert, dem Beispiel des Saarlandes zu folgen
und Kinder, deren Eltern von Hartz IV leben, von den
Mittagessen-Zuzahlungen zu befreien. Es sei ja schön, wenn Rüttgers jedem Kind
die Möglichkeit geben wolle, ein Instrument zu erlernen. Frei nach Brecht gelte
aber: „Erst kommt das Essen, dann die Musik.“
- /DETLEV HÜWEL
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.124
Datum: Donnerstag, den 31. Mai 2007
Seite: Nr.2
Blanke
Armut im reichen NRW
VON
DETLEV HÜWEL
Jürgen Rüttgers wird vorgehalten, in Sachen Sozialpolitik links zu blinken,
aber rechts abzubiegen. Soll heißen: Er redet anders, als er handelt. Beim
„Jahr des Kindes“ 2006 war das wohl ein berechtigter Vorwurf. Doch Rüttgers
lernt dazu. Er hat jetzt ein Problem aufgegriffen, das seit langem diskutiert
wird, bislang aber ohne erkennbare Reaktion „von oben“: Viele Kinder und
Jugendliche kommen in die Schule, ohne gefrühstückt zu haben. Andere müssen
sich das Pausenbrot verkneifen.
Das kann doch wohl nicht wahr sein, möchte man sich im reichen Land NRW
empören. Und doch gehört diese Beobachtung zum Schulalltag. Häufig mögen
Versäumnisse im Elternhaus die Ursache sein. Es geht aber nicht nur um
Wohlstandsverwahrlosung, sondern auch um Armut (selbst wenn diese im Vergleich
zur Dritten Welt durchaus relativ ist).
Rüttgers’ Idee, private Initiativen zu belohnen, ist löblich, doch im Grunde
wälzt er das Problem auf die Städte ab. Zudem ist das Grundproblem ein anderes:
Viele Erwachsene (und am besten gleich die Kinder auch) müssten den richtigen
Umgang mit Geld erlernen: vernünftiges Essen statt Zigaretten und Alkohol - das
wäre der richtige Weg. Wenn’s dann noch immer nicht reicht, müsste das Land es
den Kommunen ermöglichen, in Ganztagsschulen bedürftigen Jugendlichen eine
kostenfreie Mahlzeit zu servieren.
- /DETLEV HÜWEL
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.124
Datum: Donnerstag, den 31. Mai 2007
Seite: Nr.2