Aufschwung bremst die Armut nicht Anteil der Löhne am Volkseinkommen sinkt

 

 

        Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen ist trotz des

        Wirtschaftsaufschwungs weiter zurückgegangen. Das zeigt eine

        Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts

        (WSI) in der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung.

 

 

        Mit dem sinkenden Anteil der Löhne geht laut Studie eine größer

        werdende Gruppe von Menschen einher, die nach EU-Definition als

        arm gelten, weil sie weniger als 60 Prozent des mittleren

        Einkommens aller privaten Haushalte zur Verfügung hat. Von 1999

        bis 2005 ist die Zahl der als arm geltenden Haushalte von 12 auf

        17 Prozent gestiegen -- bezieht man die überschuldeten Personen

        mit ein, schätzt der Studienautor Claus Schäfer, dann müsse ein

        Fünftel der deutschen Bevölkerung als arm bezeichnet werden.

 

 

        Laut Schäfer trage die öffentliche Abgabenpolitik zur

        Einkommens-Ungleichheit bei, indem sie vor allem die

        Masseneinkommen belaste. "Die Verteilungs-Schieflage und vor

        allem die wachsende Einkommens-Armut sind eine schwerwiegende

        Hypothek für Wirtschaft und Gesellschaft."

 

 

        Die Wirtschaft hatte zuletzt zugelegt, aber den Schwund beim

        Kaufkraftpotenzial der Arbeitseinkommen hat der Aufschwung nicht

        gestoppt. Die Nettolohnquote, also der Anteil der Nettolöhne am

        Volkseinkommen, ist laut Studie erneut gesunken -- auf 40,5

        Prozent des privat verfügbaren Volkseinkommens im Jahr 2006 und

        38,8 Prozent im ersten Halbjahr 2007. Im Jahr 1991 lag die

        Nettolohnquote noch bei 48 Prozent, im Jahr 1960 sogar bei knapp

        56 Prozent.

 

 

        Ein weiterer Tiefstand: Die Kaufkraft der Arbeitseinkommen mache

        nur noch rund ein Viertel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage

        aus. Zahlen, die zeigten, wie zweifelhaft eine "nachhaltige

        Entwicklung der Binnennachfrage" sei -- und wie labil der vom

        Export getriebene Aufschwung bleibt, je mehr sich erkennbare

        weltwirtschaftliche Risiken verstärken", sagt Schäfer.

 

 

        Eine Verteilungs-Trendwende ist nach Schäfers Analyse nicht

        absehbar -- trotz des aktuellen Beschäftigungsaufbaus. Grund:

        Viele der neuen Stellen sind eher schlecht bezahlt, das

        verstärkt weiter wirkende "einkommensdämpfende Faktoren" wie

        beispielsweise die Ausweitung des Niedriglohnsektors. Dagegen

        legen die Einkommensanteile aus Gewinnen und Vermögen zu.

 

 

        2006 machten diese Einkommen, die meist einer kleinen

        Personengruppe zufließen, 33,8 Prozent des privat verfügbaren

        Volkseinkommens aus. Dazu tragen -- etwa über steigende Kurse --

        auch die recht hohen Gewinne vieler Unternehmen maßgeblich bei.

        mel / rtr

 

 

          MSCHWAB

 

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 279)

Datum: Freitag, den 30. November 2007

Seite: 18

 

30.11.2007 / Titel / Seite 1 jw

 

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  Arm trotz Aufschwung

 

Von Daniel Behruzi

 

Der Aufschwung kommt bei den Menschen an Diese Behauptung der

Kanzlerin während der Haushaltsdebatte im Bundestag ist schlicht eine

Lüge. Das belegt eine am Donnerstag vom Wirtschafts- und

Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der gewerkschaftsnahen

Hans-Böckler-Stiftung vorgestellte Studie. Demnach sinken die Reallöhne

trotz der ökonomischen Erholung, während die Armut -- insbesondere von

Kindern -- weiter wächst. »Der Aufschwung kommt bei vielen Arbeitnehmern

-- und insbesondere bei denen, die es am dringendsten nötig hätten, also

bei Niedriglohnbeziehern und Armen -- eben gerade nicht an«, so das

Fazit des WSI-Experten Claus Schäfer.

 

Den von dem Institut zusammengetragenen Zahlen zufolge geht der Anteil

der Beschäftigten am Volkseinkommen, die sogenannte Lohnquote, weiter

zurück. »Das ist für einen Aufschwung untypisch«, erklärte Schäfer.

Während im vergangenen Jahr 40,5 Prozent des privat verfügbaren

Volkseinkommens den abhängig Beschäftigten zugute kam, waren es im

ersten Halbjahr 2007 nur noch 38,8 Prozent. 1960 lag dieser Wert in

Westdeutschland bei knapp 56 Prozent. Gestiegen ist hingegen der Anteil

der Gewinne: Von 24,4 Prozent im Jahr 1960 auf 33,8 Prozent im

vergangenen Jahr und 36,6 Prozent im ersten Halbjahr 2007. »Die Schere

geht also immer weiter auseinander«, stellte Schäfer fest. Diesen Trend

konnten auch die in letzter Zeit etwas besser ausgefallenen

Tarifabschlüsse nicht umkehren. Laut WSI wird die 2007 erreichte

Erhöhung der Tariflöhne um 2,1 Prozent in Ost- und 2,3 Prozent in

Westdeutschland allein durch die Preissteigerung von etwa drei Prozent

mehr als aufgefressen. Zudem habe es in vielen Branchen, beispielsweise

im öffentlichen Dienst, überhaupt keine Lohnerhöhungen gegeben.

 

Eine weitere Ursache für den Rückgang der Lohnquote sehen die

Wissenschaftler darin, daß ein Großteil der im Aufschwung neu

geschaffenen Jobs prekären Charakter haben. Mehr als die Hälfte dieser

Beschäftigungsverhältnisse seien befristet, geringfügig oder in der

Leiharbeit entstanden -- zumeist mit geringen Einkommen. Die Folge ist

das millionenfache Phänomen der »arbeitenden Armen«: 1,2 Millionen

Beschäftigte, 500 000 von ihnen in Vollzeitarbeit, bekommen ergänzendes

Arbeitslosengeld II, weil ihr Einkommen nicht zum Leben reicht. Weitere

zwei Millionen nehmen diesen Anspruch nicht wahr. Besonders eklatant ist

die Situation von Kindern: So gelten drei Millionen Minderjährige als

einkommensarm.

 

Die fortgesetzte Umverteilung von unten nach oben sei nicht nur »sozial

problematisch«, sondern habe auch gravierende ökonomische Folgen,

betonte Schäfer. Er warnte davor, daß der sich allein auf den Export

stützende Aufschwung vor dem Hintergrund zunehmender Turbulenzen in der

Weltwirtschaft gefährdet sei. Schließlich mache die Binnennachfrage rund

zwei Drittel des gesamten Absatzes aus. Außerdem könne sich die

Lohnentwickung in Deutschland negativ auf die anderen Länder der

Europäischen Union auswirken, in die drei Viertel aller Exporte gehen.

»Wenn wir mit Lohnzurückhaltung und Lohndumping so weitermachen, setzt

das unsere europäischen Nachbarländer unter Druck, und es steigt die

Gefahr einer gemeinsamen Abwärtsspirale«, so Schäfer, der einen

politischen Kurswechsel anmahnte. Statt Masseneinkommen zum Beispiel

durch die Mehrwertsteuererhöhung zu belasten und Konzerne mit der

aktuellen »Unternehmenssteuerreform« besserzustellen, müßten ein

gesetzlicher Mindestlohn sowie eine bedarfsdeckende Grundsicherung

eingeführt werden.

 

 

  Ungleichheit wächst - nur scheinbar?

 

Politik <http://www.derwesten.de/nachrichten/nachrichten/politik.html>,

29.11.2007, PETER HAHNE

 

Gewerkschaftsforscher beklagen sinkende Kaufkraft der Arbeitnehmer.

Ökonomen halten Daten jedoch für wenig aussagekräftig.

 

<http://www.derwesten.de/nachrichten/politik/2007/11/29/news-7722764/detail.html>

 

BERLIN. Die Hans-Böckler-Stiftung schlägt Alarm: Nach dem aktuellen

Verteilungsbericht, den die gewerkschaftsnahen Tarifexperten gestern

vorgestellt haben, hat sich die Einkommensschere in Deutschland trotz

Aufschwung auch im ersten Halbjahr 2007 weiter geöffnet. Zum Beleg

führen die Forscher vor allem die gesunkene Nettolohnquote an. Sie

beziffert den Anteil der Löhne von Arbeitnehmern am Volkseinkommen -

nach Steuern und Sozialabgaben. Im ersten Halbjahr ist sie von 40,5

Prozent im Jahr 2006 auf nur noch 38,8 Prozent im ersten Halbjahr 2007

gesunken. Die Kaufkraft der Beschäftigten ist demnach also gesunken.

 

Spiegelbildlich seien die Einkommen aus Vermögen und

Unternehmensgewinnen erneut kräftig gestiegen. "Die Kaufkraft der

Arbeitseinkommen macht nur noch rund ein Viertel der

gesamtwirtschaftlichen Nachfrage aus", bemängelt Böckler-Experte Claus

Schäfer. Zudem kritisieren die Verteilungsforscher, dass der Staat die

Ungleichheit sogar noch forciere- durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer

auf der einen und das Senken der Unternehmenssteuer auf der anderen Seite.

 

An dem grundsätzlichen Befund der Böckler-Forscher besteht kein Zweifel:

Während der Anteil der Kapitaleinkünfte am Volkseinkommen stetig wächst,

ging der Anteil der Einkommen, die aus abhängiger Beschäftigung in die

Taschen der Arbeitnehmer fließen, in den vergangenen Jahrzehnten mehr

oder weniger stetig zurück. Doch die Deutung dieser Zusammenhänge ist

komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

 

Viele Arbeitnehmer sind längst kleine Kapitalisten

 

Viele Arbeitnehmer und einfache Bürger sind inzwischen längst kleine

Kapitalisten. Wer Aktien, Anleihen, Spareinlagen oder auch nur eine

Versicherungspolice besitzt, profitiert auch von den wachsenden

Kapitaleinkommen. Die meisten abhängig Beschäftigten erzielen Einkommen

nicht allein für ihre Arbeitsleistungen - sondern sind zum Beispiel auch

durch Gewinnbeteiligungen beim Arbeitgeber, Zinsen auf Spareinlagen,

Aktienfonds oder auch Mieteinkünfte an der kapitalistischen Wirtschaft

beteiligt.

 

Auf ein weiteres Problem weist Hagen Lesch hin, Tarifexperte beim

arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Lesch meint,

dass sich die teils kräftig gestiegenen Tariflöhne etwa in der Metall-

und Elektroindustrie oder in der Chemiebranche noch gar nicht in der

Nettolohnquote für das erste Halbjahr 2007 ablesen lassen. Darum sei es

verfrüht, schon jetzt anhand der Nettolohnquote eine Bilanz zu ziehen.

Weil auch im kommenden Jahr mit neuen Jobs und weiter steigenden Löhnen

zu rechnen sei, rechnet der IW-Tarifexperte sogar mit einer steigenden

Lohnquote in der nächsten Zeit.

 

In der beobachteten Entwicklung spiegle sich das typische Verlaufsmuster

eines Aufschwungs wider, erklärt Lesch. Zuerst steigen die Gewinne und

die Investitionen der Unternehmen - und in einem nächsten Schritt erst

stellen die Firmen neue Mitarbeiter ein, und die Löhne steigen. Dann

erst steigen aber auch die Einkommen der Arbeitnehmer und die

Konsumausgaben.

 

Wie andere Wirtschaftsforscher ist Lesch darum überzeugt, dass die

Konsumnachfrage - welche im dritten Quartal dieses Jahres erstmals

kräftig zugelegt hat - auch im nächsten Jahr weiter spürbar wachsen

wird. Dass es dieses Mal länger dauert als sonst, kann vor allem mit der

satten Anhebung der Mehrwertsteuer erklärt werden, die die

Konsumausgaben im ersten Halbjahr 2007 regelrecht hat einbrechen lassen.

 

Die verzögert anziehende Konsumnachfrage dürfte auch Einfluss auf die

Tarifabschlüsse in jenen Branchen haben, die traditionell erst in der

zweiten Phase eines Aufschwungs wegen der höheren Ausgaben der

Verbraucher profitieren - also etwa im Einzelhandel und in der

Gastronomie. Und die hohe Inflation, die Sorge vor sinkenden Reallöhnen?

Ist nach Einschätzung etwa der Wirtschaftsweisen weit geringer als

befürchtet. 2007 und 2008 soll sich die Preissteigerung bei rund 1,9

respektive 1,7 Prozent einpendeln. Bei einem erwarteten Anstieg der

Effektivlöhne von 2,3 Prozent bliebe für die Arbeitnehmer unterm Strich

immer noch eine - kleine - Reallohnerhöhung übrig. Positiv bemerkbar

machen dürfte sich auch, dass 2008 die Beiträge zur

Arbeitslosenversicherung deutlich sinken.

 

Die Lohnquote ist heftig umstritten

 

Man sieht: Die Zusammenhänge sind komplexer, als es auf den ersten Blick

scheint. Die Lohnquote als Messzahl für die Vermögensverteilung und als

Kompass für die Tarifverhandlungen ist deswegen auch heftig umstritten.

(NRZ)