*Gesund, aber arm*
OECD-Bericht: Jedes sechste Kind in Deutschland lebt in
wirtschaftlich prekären Verhältnissen
*Von Katja Irle *
*K*inder in Deutschland haben sehr
gute Chancen, gesund aufzuwachsen.
Gleichzeitig lebt aber fast jedes sechste Kind in relativer
Armut. Das
sind die ambivalenten Ergebnisse des Kinderberichts der
Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Er
bilanziert,
unter welchen Bedingungen Kinder und Jugendliche groß werden
- vom
Stillen der Babys über das Impfen beim Kinderarzt bis zum
Kampftrinken
der Jugendlichen.
Mit Blick auf die anderen 29 OECD-Staaten liegt die relativ
reiche
Bundesrepublik in den meisten untersuchten Kategorien mal
wieder im
Mittelfeld - Pisa lässt grüßen. Zwar ist - wenig
überraschend - die
Sterblichkeit der Null- bis 19-Jährigen sehr gering. Auch
werden
Kleinkinder in den ersten Lebensmonaten häufiger gestillt
und deutsche
Eltern impfen besonders eifrig - beides wertet die OECD als
positiv.
Allerdings haben mehr als 80 Prozent der 11- bis 15-Jährigen
keine
ausreichende Bewegung, was die OECD als Gesundheitsrisiko
einstuft.
Kleiner Trost: Deutlich mehr Couch Potatoes
gibt es in Irland und der
Slowakei.
Untersucht hat die OECD auch, wie sehr Jugendliche selbst
ihre
Gesundheit gefährden, zum Beispiel durch Rauchen. Hier sind
deutsche
Teenager recht risikobereit: 19 Prozent der 15-Jährigen
rauchen
mindestens einmal pro Woche, im Durchschnitt sind es nur 17
Prozent.
Insgesamt stellt die Kinderstudie Deutschland ein durchwachsenes Zeugnis
aus. Zwar geben Bund und Länder überdurchschnittlich viel
Geld für
Kinder aus (nämlich zehn bis 20 Prozent mehr als üblich),
erzielen aber
damit meistens nur unterdurchschnittliche Ergebnisse. Fazit:
Der
Finanztransfer für Kinder und Familien versandet; außerdem
ist das teure
deutsche Bildungssystem nicht effektiv genug.
Als besondere Risikogruppe stuft die OECD die
Alleinerziehenden ein,
weil der Übergang von staatlicher Hilfe in den Arbeitsmarkt
kaum
gelinge. Bisher lohne es sich für eine alleinerziehende
Mutter kaum,
einen Job anzunehmen, sagte Studienleiterin Monika Queisser.
fr 2.9.09
jw 02.09.2009 / Inland / Seite 5Inhalt
Armutszeugnis für BRD
OECD-Kinderbericht: Nachwuchs sozial Schwacher wird in
Deutschland massiv benachteiligt. Appell für mehr Chancengleichheit im Bildungssystem
Von Jana Frielinghaus
|
Hausaufgabenhilfe: Für Kinder in Deutschland abhängig vom
Geldbeutel der Eltern oder von Almosen der Charity-Gesellschaft Foto: AP |
Es ist nicht so, daß in der
Bundesrepublik der Haushaltsposten »Kinder« schlecht bestückt wäre – im
Gegenteil. Im Durchschnitt gibt der Staat bzw. die öffentliche Hand in der BRD
für jedes Kind bis zur Volljährigkeit umgerechnet 144500 US-Dollar aus. Dies
ist in einer Studie nachzulesen, die die Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in Berlin vorstellte. Mit
dieser Summe liegt Deutschland noch im oberen Drittel der 30
OECD-Mitgliedsstaaten. Spitzenreiter ist Luxemburg mit 380000 Dollar pro Kind,
es folgen Norwegen (204000 Dollar) und Schweden (176000 Dollar).
Doch gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind dem deutschen Staat Kinder
vergleichsweise wenig wert. Und es hapert massiv an einer gerechten Verteilung.
Die OECD moniert dies ebenso wie den vergleichsweise hohen Anteil an
Direktzahlungen an die Familien. Monika Queisser,
Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der Organisation, betonte, Deutschland
bleibe hinsichtlich der Verwirklichung äquivalenter Lebensverhältnisse und
Chancengleichheit hinter Ländern mit ähnlich hohen Gesamtausgaben zurück. Der
Bundesregierung empfahl sie, Transfers »stärker auf bedürftige Kinder und deren
Familien« zu konzentrieren. »Außerdem sollten Dienstleistungen wie
Kinderbetreuung und Ganztagsschulen weiter ausgebaut werden«. Durch letzteres
würde man insbesondere Alleinerziehenden – 40 Prozent von ihnen leben in
Deutschland in relativer Armut – die Aufnahme einer Berufstätigkeit und damit
ein Entkommen aus der Armutsfalle zu ermöglichen.
16,3 Prozent der Kinder leben laut OECD-Berechnungen in Deutschland in Armut,
d.h. ihre Familien haben weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens zur
Verfügung. Dieser Anteil dürfte inzwischen noch erheblich gestiegen sein, denn
die von der Organisation verwerteten Daten stammen aus dem Jahr 2005. Damals
waren die Hartz-Gesetze erst ein gutes Jahr in Kraft.
Mehrere Studien haben bereits nachgewiesen, daß durch
sie die Kinderarmut massiv zugenommen hat. Menschen mit geringem Einkommen und ALG-II-Bezieher sind auch beim Elterngeld – das in der
OECD-Studie noch nicht berücksichtigt wurde – benachteiligt. Ihre Bezüge wurden
mit seiner Einführung Anfang 2006 halbiert, da es nur ein und nicht wie das
alte Erziehungsgeld zwei Jahre lang gezahlt wird. Mit der von der OECD
gemessenen Kinderarmutsquote lag Deutschland bereits 2005 weit über dem
Durchschnitt der Mitgliedsländer von knapp zwölf Prozent. Schlechter standen
nur die USA (20,6 Prozent) da.
Trotz der verbreiteten relativen Armut berichtet nur einer von 200
Jugendlichen, daß ihm die notwendige Ausstattung für
den Schulbesuch fehlt. Das ist der zweitniedrigste Wert in der OECD. Einmal
mehr kritisiert die Organisation im aktuellen Bericht jedoch die fehlende
Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Der Erfolg der Kinder hänge wie
in kaum einem anderen Land maßgeblich von finanziellen Möglichkeiten und/oder
dem Engagement der Eltern ab.