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DÜSSELDORF
"Viele schleppen sich krank zur Arbeit"
Noch nie gab es so wenige Krankmeldungen in Betrieben: Grund ist in erster Linie die Angst vor dem Jobverlust.
Für Nihat Öztürk, Vize-Chef der IG Metall für den Raum Düsseldorf, hat der Mann "das Phänomen der Angst, die unter Arbeitnehmern grassiert, gut beschrieben". Die Sorge um den Erhalt des Arbeitsplatzes hat inzwischen dazu geführt, dass der Krankenstand in deutschen Unternehmen auf einem historischen Tiefstand angekommen ist seit 1974 sank der prozentuale Anteil kranker Mitarbeiter von 5,55 auf 3,6 Prozent (Bundesministerium für Gesundheit). Für das Handwerk hat die IKK Nordrhein einen Rückgang von 5 Prozent (2002) auf 4,3 Prozent (2004) errechnet, wobei es im Bau- und Ausbausektor mit 5,1 Prozent (2004) noch immer einen recht hohen Krankenstand gibt. Mit 26,7 Prozent stehen die Muskel- und Skeletterkrankungen an erster Stelle. IKK-Sprecher Michael Lobscheid: "Es ist viel für den Arbeitsschutz getan worden, aber es gibt auch viele Leute, die sich krank zur Arbeit schleppen. Die haben schlicht Angst." Für die Unternehmen ist Krankheit ein Kostenfaktor, mit dem sie rechnen müssen. Laut Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände entstehen den Unternehmen jährlich Kosten in Höhe von 34,1 Milliarden Euro (Entgelt-Fortzahlung und anteiliges Krankengeld). Durchschnittlich ist jeder Pflichtversicherte 13,5 Tage krankgemeldet, im Jahr 2000 waren es noch 14,8 Tage. Natürlich haben die Förderung von Arbeits- und Gesundheitsschutz in den Firmen zum niedrigen Krankenstand beigetragen, das ist auch Nihat Öztürk klar. Aber, fügt er hinzu: "Wesentlich für diese Entwicklung ist die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, das weiß ich aus vielen Gesprächen. Die Leute trauen sich nicht, zu Hause zu bleiben, wenn sie krank sind." Eine skrupellose Konkurrenz habe sich entwickelt, auch innerhalb einer Firma: "Früher haben die Kollegen einem geholfen, der nicht so schnell war und vielleicht ein Handicap hatte. Das ist ja auch ein Zeichen der Humanität einer Gesellschaft. Nun nimmt der Druck auf Kollegen zu, die nicht mehr mitkommen." Es sei eine perverse Situation schon 40-Jährige würden auf diese Art im Betrieb "ängstlich und gefügig" gemacht. "Und draußen droht Hartz IV, da wächst die Angst noch einmal." Davon weiß auch Dr. Volker Siegert zu berichten, Werksarzt bei Henkel. "Wir hatten 1991 einen Krankenstand von 5,5 Prozent, jetzt liegt er Stand 2004 bei 3,5 Prozent. So ähnlich ist die Tendenz auch bei anderen Unternehmen." Die Gründe sind für ihn klar: "An erster Stelle steht die Angst um den Job. Viele Mitarbeiter kommen mit Bagatell-Krankheiten wie Infekten zur Arbeit." Zweitens sei aber auch die Gesundheitsförderung im Betrieb besser geworden. So habe sich die "Rückenschule", bei der sich Masseure und Krankengymnasten der verspannten Muskulatur der Mitarbeiter annähmen, sehr positiv ausgewirkt. Produktionsbedingte Krankheiten und Arbeitsunfälle hätten sich durch Arbeitsschutzmaßnahmen zurück entwickelt. Mit verschiedensten Maßnahmen versucht auch die Rheinbahn, ihren traditionell hohen Krankenstand zu drücken. Erste Erfolge lassen sich an der Statistik ablesen: 2002 waren im Schnitt 10,2 Prozent der Mitarbeiter krank, 2003 waren es 9,2 und im vergangenen Jahr "nur" noch 8,4 Prozent. "Immer noch ein hohes Niveau, aber für dieses Jahr gehen wir von einem Schnitt unter acht Prozent aus", sagt Rheinbahn-Sprecher Georg Schumacher. Dazu beigetragen hätten offene Gespräche mit Leuten, die zum Beispiel regelmäßig montags der Arbeit fernblieben. "Wir haben denen gesagt, dass wir das beobachten und es nicht hinnehmen, wir bieten jedoch auch Hilfestellung an." Dieses Prinzip des Forderns und Förderns habe sich schon erkennbar ausgewirkt. Finanziell übrigens auch: Jeder Prozentpunkt Krankenstand schlägt bei der Rheinbahn mit 1,2 Millionen Euro zu Buche. Dass im Fahrerlager (9,8 Prozent) mehr Kranke registriert werden als in der Technik (5,4), hat übrigens einen einfachen Grund: Sobald ein Straßenbahnoder Busfahrer ein Medikament nimmt, das die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen kann, darf er nicht mehr ans Steuer. Da reicht manchmal schon ein Schnupfenspray für den "gelben Schein". 26.07.05 |
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