Reich und arm – wer trägt die Last der Staatsfinanzen?
OECD sieht Einkommensschwache
benachteiligt / IW macht Gegenrechnung auf / Lohnspreizung verstärkt Gefälle
Von Roland Bunzenthal
Die Gesamtbelastung der
Arbeitseinkommen mit Steuern und Sozialbeiträgen ist in Deutschland 2007
gesunken. Allerdings sind die Erleichterungen ungleich verteilt. Zu diesem
Ergebnis kommt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD). Zu den Verlierern zählten besonders Gering- und Durchschnittsverdiener.
Ihre Belastung liege weiterhin auf hohem Niveau.
Ganz anders sehen das die Forscher vom
arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW): „Tatsächlich
finanzieren in Deutschland die höheren Einkommen den Sozialstaat“, heißt es dort.
So trage das oberste Drittel der Haushalte 62 Prozent der Finanzierungslast.
Umgekehrt erhalte das einkommensschwächste Drittel fast 60 Prozent der
Transferzahlungen und zahle nur fünf Prozent aller Steuern und Sozialabgaben.
Sicher ist: Zumindest auf einem Feld
dominieren die Wohlhabenden. Das Lohnsteueraufkommen ist 2007 um 7,5 Prozent
gestiegen. Dagegen erhält der Fiskus von den körperschaftsteuerlich
veranschlagten und Rekordgewinne verbuchenden Unternehmen 2007 gerade mal so
viel wie 2006. Stark gewachsen ist die veranschlagte Einkommensteuer. Hier
schlägt der Wegfall der Eigenheimzulage, sie kostete den Staat zuletzt nur noch
1,6 Milliarden Euro, zu Buche. Der Abstand von niedrigen zu hohen Löhnen, die
Lohnspreizung, hat aber zugenommen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung von
Johannes Giesecke vom Wissenschaftszentrum Berlin. Die Reallohnentwicklung von
1998 bis 2005 zeige nicht nur die wachsende Kluft zwischen Lohn-Einkommen und
Unternehmensgewinnen, auch in der Gruppe der Arbeitnehmer sei die Ungleichheit
der Löhne gestiegen.
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RBUNZENTHAL
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 62)
Datum: Donnerstag, den 13. März 2008
Seite: 18
Analyse
Biblisches Steuersystem
Von Markus Sievers
Denn wer da hat, dem wird gegeben
werden, heißt es im Matthäus-Evangelium. So gesehen kann die deutsche Politik
für sich in Anspruch nehmen, das Steuersystem nach biblischem Vorbild gestaltet
zu haben. Von den Steuer- und Abgabensenkungen seit 2000 ist bei den mit den
kleinen und mittleren Einkommen am wenigsten angekommen. Entlastet wurden vor
allem die, die ohnehin am meisten verdienen. Dies ist das beschämende Ergebnis
einer Studie der OECD, einem Verbund der wohlhabenden Nationen auf dieser Erde.
Für diese Umverteilung von unten nach
oben kann die übliche Ausrede, die Globalisierung, nicht herhalten. Andere
Nationen haben aus der selben Globalisierung ganz andere Konsequenzen gezogen.
Sie helfen in diesem Umbruch der Weltwirtschaft den Verlierern, nicht den
Gewinnern. Unter den 30 Mitgliedsländern der OECD sticht die Bundesrepublik als
negative Ausnahme heraus. Die meisten Staaten, beispielsweise Frankreich,
Belgien, Ungarn, Italien, Schweden, die Niederlande oder die Tschechische
Republik, haben die Entlastungen auf die unteren Einkommensgruppen
konzentriert.
Dieser internationaler Vergleich
liefert ein vernichtendes Urteil nicht nur für die Steuerpolitik im engeren
Sinne. Er bescheinigt der gesamten deutschen Politik: Sie gibt trotz vieler
guter Vorbilder im Ausland noch immer die falschen Antworten auf die
Globalisierung. Von dem Fall fast aller Grenzen auf den Weltmärkten profitiert
kaum ein Land wie unseres. Doch die Vorteile verteilen sich nicht gleichmäßig
auf alle Gruppen der Gesellschaften; bei einigen überwiegen sogar die
Nachteile. Seitdem mindestens zwei Milliarden Arbeitskräfte in Asien, Osteuropa
und anderen Regionen in den Weltmarkt eingetreten sind, stehen in den reichen
Staaten vor allem die Arbeitnehmer mit geringen beruflichen Qualifikationen
unter Druck. Ihre Löhne fallen, weil ihre Arbeitskraft leicht ersetzt werden
kann, wenn nicht durch Maschinen, dann durch Billigjobber aus dem Ausland.
Daher lassen sich die meisten Länder laut OECD-Studie von der Erkenntnis
leiten, „dass bei wachsendem Einkommensgefälle und der gesunkenen
Wettbewerbsfähigkeit gering qualifizierter Arbeitnehmer die Lasten anders
verteilt werden müssen“.
Konkret heißt dies: Die Globalisierung
fordert mehr Sozialpolitik, nicht weniger. Andere Länder haben dies verstanden
und ihr Steuer- und Abgabensystem entsprechend umgebaut. In Deutschland wird
die Globalisierung dagegen missbraucht, um eine falsche Politik zu
rechtfertigen, die die Starken und Reichen aufpäppelt. Diese große Koalition
setzt diesen Weg, der gleichermaßen ein Irr– wie ein Sonderweg ist, fort. Sie
hat für alle gleichmäßig die Mehrwertsteuer kräftig erhöht. Sie hat die
Unternehmensteuern deutlich gestutzt. Sie will für Betriebsnachfolger und
andere Kinder reicher Eltern die Erbschaftsteuer spürbar senken. Und sie hat
die Abgeltungsteuer beschlossen, die vom nächsten Jahr an Kapitaleinkünfte mit
einem Einheitssteuersatz von 25 Prozent gegenüber allen anderen Einkünften
begünstigt.
„Wer aber nicht hat, von dem wird auch
genommen, was er hat“, lesen wir weiter bei Matthäus. Auch dieses Prinzip haben
die Bundesregierungen, erst die rot-grüne, nun die schwarz-rote, verinnerlicht.
SIEVERS
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 62)
Datum: Donnerstag, den 13. März 2008
Seite: 12
12.03.2008 / Inland / Seite 4
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BRD: Besonders wenig
Abgaben für Reiche
Gering- und Durchschnittsverdiener
laut OECD-Studie überproportional
belastet
Gutverdiener sind in Deutschland in den vergangenen Jahren
in hohem Maße
von Steuern und Sozialabgaben entlastet worden. Die
Belastungen für
Gering- und Normalverdiener nahmen dagegen seit 2001 kaum
ab, wie die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) am
Dienstag in
Berlin mitteilte. So habe die Steuerreform 2001 zunächst
zwei
Prozentpunkte Entlastung für alle Steuerzahler gebracht.
Diese seien bei
Gering- und Normalverdienern inzwischen aber aufgefressen
worden, bei
Gutverdienern nicht.
Schuld an der Entwicklung seien vor allem das deutsche
Steuersystem und
die Beitragsbemessungsgrenzen bei den Sozialabgaben: Steigen
die Löhne
von Gering- und Normalverdienern, so müssen sie mehr Steuern
zahlen,
weil der Steuersatz für Durchschnittseinkommen steil steigt.
Steigen die
Löhne von Gutverdienern, ist der Effekt weniger stark, weil
Steuersätze
bei höheren Verdiensten nicht mehr so steil ansteigen. Zudem
nehme in
der Bundesrepublik die Belastung durch Sozialabgaben bei
Menschen, die
sehr gut verdienen, wegen der Beitragsbemessungsgrenzen
wieder ab.
In den meisten anderen Ländern sei in den vergangenen Jahren
dagegen
versucht worden, vor allem Geringverdiener steuerlich zu
entlasten, weil
wegen der Konkurrenz aus dem Ausland vor allem die Löhne von
niedrig
qualifizierten Arbeitskräften sinken. Dies sollte
ausgeglichen werden.
So fallen laut OECD derzeit in Frankreich für Beschäftigte
mit halbem
Durchschnittslohn nur noch 30 Prozent der Arbeitskosten als
Steuern und
Sozialabgaben an, in Deutschland seien es 45 Prozent.
Besonders hoch ist im OECD-Vergleich in Deutschland die
Abgabenlast für
Alleinerziehende mit geringem Einkommen (bei zwei Kindern
und zwei
Dritteln des Durchschnittslohns). Für diesen Personenkreis
liegt die
Abgabenquote im OECD-Mittel um rund 80 Prozent unter
deutschem Niveau.
Hintergrund für diesen großen Unterschied ist, daß viele
OECD-Länder
diesem Personenkreis umfangreiche staatliche Transfers
gewähren. In
einigen Ländern führt das dazu, daß Beschäftigte netto sogar
mehr in der
Tasche haben, als die Unternehmen brutto zahlen.
Zwar ist die Gesamtbelastung der Arbeitseinkommen mit
Steuern und
Sozialbeiträgen in der BRD 2007 auch durch die geringeren
Beiträge zur
Arbeitslosenversicherung gesunken. Insgesamt hat Deutschland
aber nach
wie vor die dritthöchste Abgabenlast innerhalb der OECD.
Trotzdem sind
die Gesamteinnahmen des Staates aus Steuern und
Sozialversicherungsbeiträgen vergleichsweise gering. So lag
2006 der
Anteil der Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen bei 35,7
Prozent des
Bruttoinlandsprodukts und damit unter dem
OECD-Schnitt.(AFP/AP/jW)
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