Zukunftsaussicht
Armut
Jedes vierte Kind lebt in Deutschland auf oder unter dem
Niveau von Hartz IV
Christoph Butterwegge
Spätestens seit dem im Frühjahr 2005 vorgelegten zweiten
Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ist weiten Teilen der Öffentlichkeit
bewußt, daß sich
(Kinder-)Armut nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch hierzulande
ausbreitet. Dies gilt zumindest, wenn man darunter nicht nur absolutes Elend,
vielmehr auch ein relatives Maß an sozialer Ungleichheit versteht, wonach
Betroffene daran gehindert werden, sich ihrer persönlichen Fähigkeiten gemäß zu
entfalten, sich optimal zu entwickeln und selbstbestimmt
am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen. Während
früher hauptsächlich Rentnerinnen von Armut betroffen waren, bilden junge
Menschen seit Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre die am häufigsten
und am stärksten bedrohte Altersgruppe, weshalb man auch von einer »Infantilisierung der Armut« spricht.
Unterschiede in Ost und West
Kürzlich wurde die deutsche Öffentlichkeit von der
Mitteilung aufgeschreckt, daß die Kinderarmut im März
2007 einen traurigen Rekordstand erreicht hat – ausgerechnet auf dem
Gipfelpunkt eines Wirtschaftsaufschwungs, den Politiker der Koalitionsparteien
und Massenmedien als Wunderwaffe im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit feiern.
Wie das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe
errechnete und die Bundesagentur für Arbeit bestätigte, lebten im März 2007 von
den 11,44 Millionen Kindern unter 15 Jahren, die es in der Bundesrepublik gibt,
über 1,928 Millionen in Hartz-IV-Haushalten. Offenbar
geht die konjunkturelle Belebung auf dem Arbeitsmarkt vor allem an den
Alleinerziehenden, meist Frauen, vorbei. Weil – hauptsächlich im Westen –
öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen fehlen und die Unternehmer am
flexiblen Einsatz von Müttern zweifeln, scheinen sie bei der Einstellung neuer
Mitarbeiter eher auf andere Bewerber zurückzugreifen.
Auf etwa 2,8 bis drei Millionen arme Kinder kommt man, wenn
man die sogenannte Dunkelziffer – die Zahl der Kinder
jener eigentlich Anspruchsberechtigten, die aus Unwissenheit, Scham oder
anderen Gründen keinen Antrag auf Sozialhilfe bzw. Arbeitslosengeld II stellen
– berücksichtigt und weitere Betroffene hinzurechnet: Kinder in Sozialhilfehaushalten,
in Flüchtlingsfamilien, die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zirka ein
Drittel weniger als die Sozialhilfe erhalten, und von »Illegalen«, die
überhaupt keine Transferleistungen beantragen können, weil sie sonst
ausgewiesen und abgeschoben würden. (Kinder-)Armut ist jedoch mehr, als wenig
Geld zu haben, denn sie bedeutet für Betroffene auch, persönlicher Entfaltungs-
und Entwicklungsmöglichkeiten beraubt, sozial benachteiligt und – etwa im
Hinblick auf Bildung, Gesundheit und Wohnsituation – unterversorgt zu sein.
Wenn man sinnvollere, nämlich qualitative und nichtmonetäre Kriterien für das
Armsein anlegt, steigt die Zahl armer Kinder sogar auf drei bis 3,3 Millionen.
Zurück zu den »harten« Zahlen der Bundesagentur für Arbeit,
die in unserer statistikgläubigen Medienöffentlichkeit von besonderer Relevanz
sind: Während die Quote der in Hartz-IV-Haushalten
lebenden Kinder unter 15 Jahren für Gesamtdeutschland 16,9 Prozent beträgt,
liegt sie in den östlichen Bundesländern bei 31 Prozent und in den westlichen
bei 14,3 Prozent. Die ostdeutschen Städte Görlitz (44,1 Prozent), Schwerin
(42,5 Prozent) und Hoyerswerda (42,4 Prozent) haben die bundesweit höchsten,
die bayerischen Landkreise Ebersberg (2,9 Prozent), Eichstätt (3,3 Prozent) und
Starnberg (3,9 Prozent) die bundesweit niedrigsten Kinderarmutsquoten. Man kann
also von einer dreifachen Spaltung des Landes in oben und unten, Ost und West
sowie Stadt und Land sprechen, wobei sich die Armutsquoten der letzteren
zunehmend angleichen, was auf urbane Lebensformen im ländlichen Raum hindeutet
und deutlich macht, daß die dortigen sozialen
Auffangnetze nicht mehr so gut wie früher funktionieren. Die soziale
Polarisierung führt längst überall zu einer Spaltung der Kindheit, denn das
Leben junger Menschen wird von der Klassen- und Schichtzugehörigkeit ihrer
Eltern geprägt, genauer formuliert: von den Einkommensverhältnissen,
Haushaltstypen, Familienformen, Bildungsmilieus und Wohngebieten, in welchen
sie aufwachsen.
Kinderarmut äußert sich in einem reichen Land wie der
Bundesrepublik weniger spektakulär als in Moçambique,
Bangladesch oder Burkina Faso, wo Menschen auf der Straße verhungern. Sie wirkt
eher subtil, aber nicht minder einschneidend und lange. Hierzulande ist es für
Kinder manchmal noch schwerer, arm zu sein, als in einer Gesellschaft, die fast
sämtlichen Mitgliedern nur das Allernötigste bietet. Konsumchancen, z. B. das
Tragen modischer Kleidung, der Besitz des »tollsten« Handys und modernster
Unterhaltungselektronik sowie teure Freizeitaktivitäten, bestimmen mit über die
Möglichkeiten, die ein Kind bei uns im Freundeskreis bzw. der Clique hat.
Jenseits von »Nike« und »Nokia« wird man gar nicht ernstgenommen,
was zu psychosozialen Belastungen führen kann und den Ausschluß
junger Menschen aus vielen Lebenszusammenhängen nach sich zieht.
Besonders für Kinder und Jugendliche, deren Lebenswelt viel
stärker als jene von Erwachsenen durch eine zunehmende Ökonomisierung und
Kommerzialisierung geprägt ist, bedeutet arm zu sein, in mehreren
Lebensbereichen (Einkommen, Beruf, Wohnen, Gesundheit, Bildung und Freizeit)
Defizite aufzuweisen. Bei einem Kind ist eine Unterversorgung beispielsweise im
Wohnbereich dann gegeben, wenn es kein eigenes Zimmer hat. Weil auch die
familiären Wohnverhältnisse beengt sind, wird der Kindergeburtstag nicht im
Kreis der Schulkameraden und Freunde zu Hause gefeiert, was zusammen mit
anderen Restriktionen eine Isolation der Betroffenen nach sich ziehen kann. In
vielen Familien reicht das Haushaltsgeld heute höchstens bis zur Monatsmitte;
von da an ist Schmalhans Küchenmeister. Da ein Kind im Hartz-IV-Haushalt
nur 208 Euro pro Monat insgesamt und weniger als 2,60 Euro pro Tag für
Nahrungsmittel bekommt, das Mittagessen in manchen Kitas
und Schulen diesen Betrag aber schon fast kostet, werden Kinder von den Eltern
abgemeldet. Wenn diese kein Geld für die Klassenfahrt ihres Sprößlings
haben, wird häufig ein Unwohlsein des Kindes vorgetäuscht.
Betroffen sind vor allem Alleinerziehende und kinderreiche
Familien, deren Haushaltseinkommen zu gering ist, um den Unterhalt von Kindern
zu bestreiten, was zu sozialer Unterversorgung und Ausgrenzung führt. Für die
Familien erwachsen daraus ökonomische, soziale und psychische Belastungen, ja,
sie geraten häufig in eine schwere Zerreißprobe. Familien fungieren nämlich als
»emotionaler Puffer«, wie es die Münchener Erziehungswissenschaftlerin Sabine Walper nennt, zwischen dem kapitalistischen
Wirtschaftssystem, das die sozioökonomische Deprivation hervorruft, und den
Kindern, die aufgrund solcher Restriktionen in ihrer kognitiven Entwicklung,
schulischen Leistungsfähigkeit, psychischen Stabilität und physischen
Konstitution gefährdet sind. Alleinerziehende und kinderreiche Familien (von Migrantinnen und Migranten)
tragen nicht nur ein deutlich größeres Risiko als Kinderlose, arm zu werden,
sondern bleiben auch länger in einer Notlage. Zwischen den prekären Lebenslagen
von Familien, den psychosozialen Folgen für die Kinder und
Sozialisationsdefiziten besteht ein Kausal- bzw. Wechselverhältnis, das in
einen »Teufelskreis der Armut« führen kann.
Wie tief die Kluft zwischen Arm und Reich hierzulande
mittlerweile ist, zeigt die Tatsache, daß die beiden
reichsten Männer der Bundesrepublik, Karl und Theo Albrecht (Eigentümer der
Aldi-Ketten Nord und Süd), nach Angaben des US-Wirtschaftsmagazins Forbes ein
Privatvermögen von 37,5 Milliarden Euro haben. Das ist über 100 millionenmal mehr, als Arbeitslosengeld-II-Bezieher
mit 347 Euro im Monat erhalten. Von dieser Spaltung gehen akute Gefahren für
den inneren Frieden, die Humanität und die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft
aus, denn Drogenmißbrauch, (Gewalt-)Kriminalität und
wachsende Brutalität stehen damit in Zusammenhang.
Auslöser und Ursachen
In der öffentlichen Diskussion und in der Fachliteratur
werden die Auslöser von (Kinder-)Armut häufig mit deren Ursachen verwechselt.
Während strukturelle Zusammenhänge und gesellschaftliche Verhältnisse, unter
denen Menschen leben bzw. in denen Kinder aufwachsen, die Voraussetzungen für Pauperisierungsprozesse bilden, lösen bestimmte Ereignisse
im Lebensverlauf solche Entwicklungen nur aus oder lassen sie voll zur Wirkung
gelangen. Dadurch scheint es so, als sei beispielsweise der Tod des
(Familien-)Ernährers, die Scheidung bzw. Trennung vom (Ehe-)Partner oder eine Mehrlingsgeburt schuld am Entzug materieller Ressourcen,
den Kinder und Jugendliche anschließend erleiden. Tatsächlich waren sie, ihre
Eltern oder Mütter allerdings bereits vor dem betreffenden Schicksalsschlag
unzureichend gesichert.
Da die Kinderarmut als Form der Ausgrenzung und
struktureller Gewalt gegenüber den schwächsten Gesellschaftsmitgliedern
»postmoderne« Züge aufweist, liegt es nahe, ihre Entstehungsursachen in
jüngerer Zeit zu suchen. Macht man den als Globalisierung bezeichneten Prozeß einer neoliberalen Transformation der Bundesrepublik
zur Markt-, Hochleistungs- und Ellenbogengesellschaft für die Pauperisierung, soziale Polarisierung und
Entsolidarisierung verantwortlich, liegen die Wurzeln des stark vermehrten
Auftretens von (Kinder-)Armut auf drei Ebenen: 1. Im Produktionsprozeß
löst sich das »Normalarbeitsverhältnis«, von Wirtschaftslobbyisten und
Politikern unter den Stichworten »Liberalisierung«, »Deregulierung« und
»Flexibilisierung« vorangetrieben, tendenziell auf. Es wird durch eine
steigende Zahl atypischer, prekärer, befristeter, Leih- und
(Zwangs-)Teilzeitarbeitsverhältnisse, die den so oder überhaupt nicht (mehr)
Beschäftigten wie ihren Familienangehörigen weder ein ausreichendes Einkommen
noch den gerade im vielbeschworenen »Zeitalter der
Globalisierung« erforderlichen arbeits- und sozialrechtlichen Schutz bieten, in
seiner Bedeutung stark relativiert. 2. Im Reproduktionsbereich büßt die
»Normalfamilie« – die z.B. durch das Ehegattensplitting im Einkommensteuerrecht
staatlicherseits subventionierte traditionelle Hausfrauenehe
mit ein, zwei oder drei Kindern – in vergleichbarer Weise an gesellschaftlicher
Relevanz ein. Neben sie treten Lebens- und Liebesformen, die aufgrund fehlender
gesellschaftlicher Anerkennung und struktureller Benachteiligung im
Wohlfahrtsstaat weniger materielle Sicherheit für Kinder bieten
(Ein-Elternteil-Familien, Patchwork-Familien,
gleichgeschlechtliche Partnerschaften usw.). 3. Hinsichtlich der Entwicklung
des Wohlfahrtsstaates bedingt der forcierte Wettbewerb zwischen
Wirtschaftsstandorten einen Abbau von Sicherungselementen für »weniger
Leistungsfähige«, zu denen allemal Erwachsene gehören, die (mehrere) Kinder
haben. Kinder und Jugendliche sind nicht zuletzt deshalb stark von
Arbeitslosigkeit und/oder Armut betroffen, weil das neoliberale »Umbau«-Projekt
auf Kosten vieler Eltern geht.
Besonders Hartz IV trägt durch das
Abdrängen der Langzeitarbeitslosen samt ihren Familienangehörigen in den
Fürsorgebereich dazu bei, daß Kinderarmut »normal«
geworden ist. Die finanzielle Lage der Familien von Arbeitslosenhilfeempfängern
hat sich durch den Übergang zum Arbeitslosengeld II verschlechtert, was
erhebliche materielle Einschränkungen für betroffene Kinder einschließt. Unter
dem Wegfall der meisten wiederkehrenden einmaligen Leistungen bzw.
Sonderbeihilfen, etwa für Kleidungsstücke, defekte Haushaltsgeräte oder
Schulmaterialien, sowie ihrer Umstellung auf den neuen, gegenüber dem
bisherigen nur leicht angehobenen Eckregelsatz leiden primär Familien mit
Kindern, deren Bedarf in dieser Hinsicht ausgesprochen hoch ist. Wie soll man
Kindern von weniger als zwei Euro pro Monat, die bei Bezug von Arbeitslosengeld
II dafür vorgesehen sind, Schulhefte, Mappen und Stifte kaufen, von
Schulbüchern und Taschenrechnern ganz zu schweigen? Daß
die Bundesregierung bei ihrer Klausurtagung auf Schloß
Meseberg in der letzten Woche bezüglich der vor allem
für Kinder viel zu niedrigen Regelsätze nur einen Prüfauftrag erteilt hat,
zeigt die geringe Bereitschaft der großen Koalition, die Not der Kleinsten
schnell zu lindern.
Arbeitsplätze schaffen
Wenn die (Kinder-)Armut primär eine Folge der neoliberalen
Modernisierung ist, kann sie nur durch die Beseitigung oder die Milderung der
Folgen dieses Prozesses bekämpft werden. Da die Ursachen der (Kinder-)Armut im
Bereich der materiellen Produktion (Aushöhlung des Normalarbeitsverhältnisses),
der privaten Reproduktion (Auflösung der Normalfamilie) und der sozialen
Intervention (Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaates) angesiedelt sind, müssen
auch die Gegenmaßnahmen hier ansetzen. Notwendig wäre es, die Arbeitsmarkt- und
Beschäftigungs-, Bildungs-, Gesundheits-, Wohnungs(bau)-
und Stadtentwicklungs-, Familien- und Sozialpolitik miteinander zu verzahnen.
Eine konsequente Beschäftigungspolitik würde nicht nur die
Massenarbeitslosigkeit verringern, sondern auch der Kinderarmut entgegenwirken.
Sie müßte von einer Umverteilung der Arbeit durch
Abbau von Überstunden und Verkürzung der Wochen- wie der Lebensarbeitszeit bis
zur Schaffung eines öffentlich geförderten Dienstleistungssektors sämtliche Möglichkeiten
wirtschaftspolitischen Staatsinterventionismus für
die Schaffung von mehr Stellen nutzen. Einen wichtigen Hebel zur Verringerung
der Erwerbslosigkeit bildet die Verkürzung der (Wochen- und
Lebens-)Arbeitszeit, besonders in Ostdeutschland, wo länger als in
Westdeutschland gearbeitet wird, ohne daß sich die
Löhne bereits angeglichen hätten. Hierbei müßte –
zumindest für die in den neuen Bundesländern ausgesprochen zahlreichen
Geringverdiener – voller Lohnausgleich das Ziel sein. Durch ein gesetzliches
Verbot bezahlter Überstunden könnte man erreichen, daß
Mehrarbeit nur noch per Freizeitausgleich abgegolten wird.
Da die Aushöhlung des Normalarbeitsverhältnisses maßgeblich
zur Verbreitung von (Kinder-) Armut beiträgt, ist die Bewahrung des Flächentarifvertrages,
der in Ostdeutschland kaum noch Breitenwirkung entfaltet, ein weiteres Element
ihrer wirkungsvollen und nachhaltigen Bekämpfung. Hinzutreten sollten
allgemeine Mindestlohnregelungen, wie sie in fast allen EU-Ländern bestehen.
Aus dem Umstand, daß die Armut nicht mehr nur
Erwerbslose trifft, sondern längst in Teilbereiche der Lohnarbeit vorgedrungen
ist, muß auch in der Bundesrepublik endlich die
Konsequenz eines gesetzlichen Mindestlohns gezogen werden.
Kinderarmut läßt sich in der Regel
auf Frauen- bzw. Mütterarmut zurückführen, so daß ein
Hebel zu ihrer Verringerung in einer Erhöhung der weiblichen Erwerbsbeteiligung
liegt, was eine nachhaltige Verbesserung der Vereinbarkeit von Familienarbeit
und Berufstätigkeit durch Schaffung von mehr (Teilzeit-)Stellen einerseits
sowie mehr öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen, die beitragsfrei sein müßten, andererseits voraussetzt. Nötig wäre darüber hinaus
eine (gesetzlich zu regelnde) Rückbindung der Arbeit selbst wie der
Arbeitszeitregelungen in Betrieben und öffentlichen Verwaltungen an die
Lebensbedürfnisse der Beschäftigten und ihrer Familien. Dies würde eine völlige
Neujustierung des Normalarbeitsverhältnisses erfordern: Beschäftigte müßten im Laufe ihres Lebens zwischen Vollzeitarbeit, Teilzeitarbeit
und Arbeitsunterbrechung ohne Verluste an sozialer Sicherung und
Weiterbildungsmöglichkeiten wechseln können, Unternehmen sowohl in der
Arbeitszeitgestaltung wie auch beim Arbeitsvolumen auf die unterschiedlichen,
im Lebensverlauf wechselnden Interessen der Beschäftigten mehr Rücksicht
nehmen.
Obwohl nur »Doppelernährerfamilien« heute gegen Kinderarmut
noch halbwegs gefeit sind, ist eine ganztägige Betreuung der Kinder keineswegs
gewährleistet. Auch im Kindergartenbereich (Drei- bis Sechsjährige), wo ein
Rechtsanspruch besteht, existiert vornehmlich im ländlichen Raum keine völlige
Bedarfsdeckung. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) will die
Krippenversorgung auch der Kinder unter zwei Jahren verbessern, ohne den Eltern
jedoch vor dem Jahr 2013 einen Rechtsanspruch darauf einzuräumen. Fraglich
erscheint, ob das im Vergleich mit den westdeutschen Mangelverhältnissen
relativ umfassende Angebot mit Ganztagsplätzen in
Krippe, Kindergarten und Hort angesichts der Finanznot ostdeutscher Kommunen
künftig Bestand haben wird.
Ganztagsschulen, die Kindergarten-, Krippen- und Hortplätze
ergänzen sollten, haben einen doppelten Nutzeffekt: Einerseits können von Armut
betroffene oder bedrohte Kinder umfassender betreut und systematischer gefördert
werden, andererseits ihre Mütter leichter als sonst einer Vollzeitbeschäftigung
nachgehen, was sie finanzielle Probleme eher meistern läßt.
Durch die Ganztags- als Regelschule lassen sich soziale Handikaps kompensieren,
weil eine Versorgung der Kinder mit gesunder Nahrung (gemeinsames Mittagessen),
eine systematische Förderung von Schülern bei der Erledigung von Hausaufgaben
und eine sinnvollere Gestaltung des Nachmittags möglich sind. So wichtig mehr
Ganztagsbetreuung ist, so wenig reicht sie aus, um Bildung von der sozialen
Herkunft zu entkoppeln. Gleichwohl stößt die öffentliche Reformdebatte selten
bis zu den Wurzeln des Problems, der Mehrgliedrigkeit des Schulwesens in
Deutschland, vor. Armut ist nur zu beseitigen, indem man den Reichtum antastet,
d. h., die Reichen durch Wiedererhebung der
Vermögenssteuer und Verschärfung der Erbschaftssteuer zur Kasse bittet. Genauso
verhält es sich in der Bildungspolitik: Wer von der Gesamt- bzw.
Gemeinschaftsschule für Kinder aller Bevölkerungsschichten nicht sprechen will,
sollte auch von der Ganztagsschule schweigen. Diese war stets ein Ziel
reformpädagogischer Bemühungen, degeneriert aber zur Verwahranstalt, wenn sie
nicht in eine umfassende Strukturreform und ein Gesamtkonzept integriert wird,
das soziale Selektion verhindert.
Christoph Butterwegge lehrt
Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Seine letzten
Buchveröffentlichungen »Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland«, »Krise und
Zukunft des Sozialstaates« sowie »Kritik des Neoliberalismus« sind im VS Verlag
für Sozialwissenschaften erschienen.
Den Artikel finden Sie unter:
http://www.jungewelt.de/2007/08-30/001.php
(c) Junge Welt 2007