Zehn Millionen Deutsche gelten als arm

VON EVA QUADBECK

 

berlin In Deutschland sind 10,6 Millionen Menschen von Armut bedroht. Das entspricht 13Prozent der Bevölkerung. Diese Zahlen gab das Statistische Bundesamt gestern bekannt. Als von Armut bedroht gilt, wer als Single über weniger als 856Euro pro Monat verfügt. Für eine Familie mit zwei Kindern liegt die Armutsschwelle bei 1798Euro monatlich verfügbarem Einkommen. Der kritische Wert für eine Alleinerziehende mit zwei Kindern beträgt 1370Euro.

 

Das Statistische Bundesamt hat die Daten über Armut erstmals europaweit erhoben. Verglichen wurde, wie viele Menschen in einem Land über weniger als 60 Prozent des jeweiligen Durchschnittseinkommens verfügen. Deutschland liegt im Mittelfeld hinter den skandinavischen Ländern, Luxemburg und Österreich, wo das Armutsrisiko geringer ist. Schlechter als in Deutschland ist die Lage in den süd- und osteuropäischen Ländern. Zwischen West- und Ostdeutschland gibt es erhebliche Unterschiede: Während in den alten Ländern nur zwölf Prozent der Menschen unter die Armutsschwelle fallen, sind es im Osten 17 Prozent. Allerdings sind die über 65-Jährigen im Osten mit nur elf Prozent seltener von Armut bedroht als ihre Altersgenossen im Westen (16Prozent). Der Grund: Die älteren Frauen im Osten verfügen meist über eine eigene Rente.

 

- /EVA QUADBECK

 

Quelle:

Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH

Publikation: Rheinische Post Düsseldorf

Ausgabe: Nr.283

Datum: Mittwoch, den 06. Dezember 2006

Seite: Nr.1

 

Jeder achte Deutsche von Armut bedroht

Berlin · Jeder Achte in Deutschland lebt laut Statistischem Bundesamt in Armut oder ist von Armut bedroht. Das seien 10,6 Millionen Menschen, darunter 1,7 Millionen Kinder. „Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei der Armutsgefährdung etwa im Mittelfeld“, heißt es in der am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie.

Besonders problematisch sei die Situation für Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen ohne Schulabschluss sowie Ostdeutsche. Als armutsgefährdet gilt, wer im Monat weniger als 856 Euro hat. msv

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© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 284)

Datum: Mittwoch, den 06. Dezember 2006

Seite: 1

 

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Millionen Deutsche leben am Rand

Eine europäische Vergleichsstudie weist auf den engen Zusammenhang zwischen Bildung und Armutsrisiko hin

Von Markus Sievers

Der Sozialstaat lebt. Seine schützende Hand bewahrt rund neun Millionen Menschen in Deutschland davor, in die Gruppe der Armutsgefährdeten – der Armen oder von Armut Bedrohten – abzustürzen. Darauf weisen die Daten hin, die das Statistische Bundesamt in seiner Studie „Leben in Europa“ zusammengetragen hat. Demnach fiele fast jeder Vierte unter die kritische Schwelle, gäbe es nicht Sozialleistungen vom Arbeitslosengeld bis zum Wohnkostenzuschuss. Tatsächlich lebt fast jeder Achte in Armut oder ist davon bedroht – nämlich 13 Prozent oder 10,6 Millionen Menschen.

Damit befindet sich die Bundesrepublik innerhalb der Europäischen Union „etwa im Mittelfeld“, wie die Wiesbadener Statistiker festgestellt haben. Besser stehen die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten und das reiche Luxemburg da. Schlechter schneiden so unterschiedliche Länder wie Slowakei, Portugal, Irland und Griechenland ab.

„Leben in Europa“ – das ist ein ehrgeiziges Projekt, bei dem die EU-Staaten (plus Norwegen und Island) international vergleichbare Daten über die Erfolge der Armutsbekämpfung erstellen wollen. Allein hier zu Lande wurden dafür rund 25 000 Männer und Frauen nach ihren persönlichen Verhältnissen befragt. Weil die Ergebnisse aus den meisten anderen Staaten allerdings noch ausstehen, sind tiefere Erkenntnisse über die Besonderheiten in Deutschland derzeit kaum möglich.

Die Not der Alleinerziehenden

Eine zweite Einschränkung ist wichtig für die Interpretation der Zahlen: Die Statistiker in Wiesbaden waren zwar schneller als die Kollegen in anderen EU-Staaten. Aber auch sie stützen sich auf Daten des Jahres 2004. Sie beschreiben die Situation vor Hartz IV. Die Folgen dieser grundlegenden Arbeitsmarktreform konnten sie noch nicht erfassen. Immerhin stimmen die Erkenntnisse überein mit zentralen Resultaten anderer Untersuchungen (wie dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung). Wieder werden die gleichen Personengruppen genannt, die einem besonderen Armutsrisiko unterliegen: Alleinerziehende, Ostdeutsche, Arbeitslose, alle ohne Schulabschluss oder Ausbildung.

Jede dritte Mutter, jeder dritte Vater ist armutsgefährdet, wenn sie oder er Kinder ohne Partner großzieht. Bei zwei Erwachsenen im Haushalt sinkt die Quote auf zehn Prozent (mit einem Kind) und auf sieben Prozent (zwei Kinder). Entwarnung kann deshalb nicht für die Familien gegeben werden: „Viele kinderreiche Familien gelten zwar nicht als armutsgefährdet, liegen aber nur knapp über der Armutsgefährdungsschwelle“, schreibt das Statistische Bundesamt.

Besonders schwer jedoch hat es, wer allein lebt – auch dies bestätigt die Untersuchung. Jeder zweite Singlehaushalt in der Altersgruppe zwischen 16 und 24 Jahren gehört zu den Armutsgefährdeten. Ein soziales Problem ist damit nur bedingt verbunden. Denn in diesem Kreis finden sich viele Studierende und Auszubildende, deren Kontostände nur vorübergehend niedrig sind. Einmal arm, immer arm – dieser Befund trifft auf die meisten von ihnen nicht zu.

Damit unterscheiden sie sich von jenen, deren Eltern keinen Schulabschluss vorweisen können. In diesen Fällen liegt das Armutsrisiko bei 27 Prozent – doppelt so hoch wie im Bevölkerungsschnitt. Dabei spielt eher eine untergeordnete Rolle, ob Papa oder Mama das Gymnasium, eine Real- oder Hauptschule besucht und erfolgreich beendet hat. Schon wenn ein „Elternteil“ überhaupt einen – egal welchen – Schulabschluss geschafft hat, sinkt das Armutsrisiko auf zehn Prozent.

Auf der Hand liegt, dass die jeweilige Beschäftigungssituation bei den meisten Leuten die soziale Stellung bestimmt. Besonders zu kämpfen hatten schon 2004 die Arbeitslosen. Immerhin aber verdienten bereits damals vier Prozent der Vollzeitbeschäftigten nicht genug, um dem Armutsrisiko zu entgehen. Inklusive der Teilzeitbeschäftigten mit dem gleichen Problem waren gut 1,6 Millionen Menschen in einem Job und trotzdem armutsgefährdet.

Auffällig sind die regionalen Unterschiede. In den neuen Ländern zählten 17 Prozent der Einwohner auf Grund ihrer niedrigen Einkommen zur Risikogruppe, im Westen zwölf Prozent. Die Abweichungen zeigen sich in allen Altersgruppen. Einzig die über 65-jährigen Männer in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt erreichen bessere Werte als die Rentner im Saarland, Nordrhein-Westfalen oder Bremen. Trübe stellt sich die Lage in den neuen Ländern vor allem für viele am Beginn oder am Ende des Erwerbslebens dar. Bei den 16- bis 24-Jährigen sowie bei den 50- bis 64-Jährigen ist rund ein Fünftel der Bevölkerung armutsgefährdet.

 

MKAPPUS

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 284)

Datum: Mittwoch, den 06. Dezember 2006

Seite: 2

 

Die Gesellschaft driftet auseinander

Armutsbekämpfung muss auf der politischen Agenda ganz nach oben. Leben immer mehr Menschen am Rand der Gesellschaft, ist die Demokratie in Gefahr, warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband.

Bild:dpwv

Barbara Stolterfoht ist Vorsitzende des

Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Er ist ein Verband sozialer Bewegungen.

Von Barbara Stolterfoht

Armut ist mehr als die Betroffenheit derjenigen, die Monat für Monat mit zu wenig Geld für sich und ihre Familien auskommen müssen. Armut geht uns alle an. Sie droht, unsere Gesellschaft zu spalten und zu zerstören. Je weiter die Schere zwischen Armen und Reichen auseinander klafft, desto schwieriger wird es, ein Minimum an Solidarität und sozialem Frieden zu wahren.

Wirkungsvolle Armutsvermeidung und Armutsbekämpfung sind nötig aus Respekt vor den Betroffenen und zur Achtung ihrer Menschenwürde. Sie sind darüber hinaus unabdingbare Voraussetzungen, um Wohlstand und sozialen Frieden auch in Zukunft zu garantieren. Die Zahlen, die das Statistische Bundesamt gestern vorgelegt hat, machen eines ganz deutlich: wenn 13 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet gelten, in den neuen Bundesländern gar 17 Prozent, dann haben wir es in keiner Weise mehr mit dem Problem einer kleinen Randgruppe zu tun.

Kurzfristige Maßnahmen und Flickschusterei reichen nicht aus, um der steigenden Armut erfolgreich zu begegnen. Gefragt sind Ideen, die den betroffenen Menschen persönliche und längerfristige Perspektiven bieten. Wir brauchen zum einen eine Einkommenssicherung für Hartz-IV- und Sozialhilfeempfänger, die sich am Bedarf der Menschen orientiert und sie in die Lage versetzt, ein Leben mit gesellschaftlicher Teilhabe zu führen. Wir brauchen darüber hinaus aber auch eine aktive und aktivierende Beschäftigungspolitik sowie erfolgreiche Konzepte für gelungene Integration und Reintegration in Arbeit und Gesellschaft für Benachteiligte. Wir brauchen den zweiten und dritten Arbeitsmarkt, und der wird ohne öffentliche Gelder nicht funktionieren.

Die Politik hat zu lange dem Mythos der Vollbeschäftigung nachgehangen und dabei ignoriert, dass eine zu große Gruppe von Menschen keine Chancen auf armutsfeste Arbeitsverhältnisse auf dem ersten Arbeitsmarkt hat. Die Daten des Statistischen Bundesamtes belegen erneut, dass Arbeitslosigkeit einer der Hauptrisikofaktoren für Armut und Ausgrenzung ist. Wirksame Armutsbekämpfung bedeutet daher auch, für die Menschen, die dauerhaft vom ersten Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, öffentlich geförderte Arbeitsverhältnisse zu schaffen.

Problematisch ist aber nicht nur, dass sich die finanzielle Armut der Einzelnen weiter verschärft hat, sondern auch die öffentliche Armut. Gespart wird nicht nur bei den Menschen selbst, sondern auch in den Städten und Gemeinden.

Die soziale und öffentliche Infrastruktur, die gerade denen zugute kommt, die am Rande der Gesellschaft stehen, ist in den Ländern und Kommunen in den letzten Jahren massiv zurückgefahren worden. Frauenhäuser und Schuldnerberatungen sind den Sparzwängen genauso zum Opfer gefallen, wie Jugendclubs, Angebote der Familienbildung und offene Nachbarschaftstreffpunkte, Schwimmbäder und öffentliche Bibliotheken. Dabei erfüllen gerade diese Einrichtungen eine wichtige integrative Funktion. Sie schaffen Gemeinschaft und Aktivität und bieten Unterstützung, wo diese notwendig wird.

Pariser Zustände

In einer Zeit, in der traditionelle und familiäre Institutionen an Integrationskraft und an Bindungswirkung verlieren, ist die Politik gefordert, die öffentliche Infrastruktur aus- statt abzubauen. Ein friedliches Zusammenleben, gesellschaftliche Teilhabe und Demokratiekultur sind keine Selbstverständlichkeiten – das zeigt ein Blick in die Pariser Vororte genauso wie die Ergebnisse der jüngsten Wahlen. Wenn zu viele Menschen hoffnungslos werden, gerät die Demokratie in Gefahr.

 

GHARTZ

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 284)

Datum: Mittwoch, den 06. Dezember 2006

Seite: 2

 

Armutsaltag

Risikofaktoren

Armut in Europa