Zahl der psychisch Kranken wächst
Ärztetag warnt vor Folgen und beklagt weit verbreitete
Diskriminierung der
Betroffenen
Immer mehr Kinder und Jugendliche sind psychisch krank. Die
Ärzteschaft
fordert mehr Geld für Behandlung. Auch müssten
Diskriminierung und
Stigmatisierung ein
Ende haben, weil sie häufig eine Erfolg
versprechende Behandlung
verhinderten.
Magdeburg · Fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in
Deutschland seien
behandlungsbedürftig, sagte der Marburger Kinder- und
Jugendpsychiater
Helmut Remschmid am Mittwoch auf
dem Deutschen Ärztetag in Magdeburg.
Weitere zehn bis 13 Prozent seien verhaltensauffällig.
Aggressionen,
Alkoholismus und Drogensucht, Depression, suizidales
Verhalten und
Essstörungen seien auf dem Vormarsch. Weniger als 50 Prozent
der kranken
Kinder und Jugendlichen würden behandelt. Darunter litten
nicht nur die
Betroffenen, sondern es werde auch zum volkswirtschaftlichen
Problem. Die
Folgen der verschleppten Versorgung zeigten sich in
Jahrzehnten. Schon
jetzt sind psychische Krankheiten eine häufige Ursache für
Arbeitsunfähigkeit und Frührente. Der Bundesärztekammer zufolge
hat sich
die Zahl der Menschen, die wegen einer solchen Erkrankung
vorübergehend
krank geschrieben wurden, seit 1994 um 80 Prozent erhöht.
Bei Männern und
Frauen seien psychische Erkrankungen die Ursache Nummer eins
für das
vorzeitige Ausscheiden aus dem
Berufsleben. Der Ärztetag forderte Kassen
und Kassenärztliche Vereinigung auf, mehr Geld zur Verfügung
zustellen, um
psychisch Kranke zu versorgen.
Zudem beklagte das Ärzteparlament die verbreitete
Diskriminierung der
Kranken. Viele ließen sich aus Angst davor, als Verrückte
abgestempelt zu
werden, nicht behandeln, obwohl es gute Chancen auf Heilung
gebe, hieß es.
Norman Sartorius von der World Psychiatric
Association (WPA) warnte
angesichts der weltweiten Zunahme psychischer Erkrankungen
vor den
dramatische Folgen. Die Menschen verlören ihr
Selbstwertgefühl, zögen sich
in die soziale Isolation zurück und ihr Zustand
verschlechtere sich.
Angehörige leiden mit
Da viele Betroffene nicht zum Arzt gingen, werde auch der
Behandlungsbedarf
unterschätzt. Die Stigmatisierung treffe meist nicht nur die
Kranken
selbst, sondern auch Angehörige, denen oft Mitschuld an der
Krankheit
gegeben werde. Dies sei vor allem für Eltern belastend. Auch
Ärzte und
Therapeuten sowie die Behandlungsmethoden würden missachtet.
Dies schrecke
auch die Kranken ab. Wolfgang Wagner
WAGNER
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 121)
Datum: Freitag, den 26. Mai 2006
Seite: 4