Weltweiter Job-Alarm
Die
Arbeitslosigkeit in Industriestaaten ist auf ein Rekordniveau gestiegen.
Und es könnte noch schlimmer kommen. Um mehr Armut zu
verhindern, sollen die OECD-Länder schnell und entschlossen handeln.
Von Eva Roth
In
den 30 Industrieländern, die zur Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehören, ist die Arbeitslosenquote im
Juli auf 8,5 Prozent gestiegen - und damit auf den höchsten Stand in der
Nachkriegsgeschichte. In europäischen OECD-Staaten ist die Lage noch
dramatischer: Dort stieg die Rate auf 9,3 Prozent, berichtet die Organisation
in ihrem Beschäftigungsausblick.
Wenn der Aufschwung nicht an Fahrt
gewinne, könne die Arbeitslosenrate in den Industrieländern auf zehn Prozent
steigen. Dann hätten 57 Millionen Menschen keinen Job. In Deutschland drohe ein
Anstieg von 7,7 auf fast zwölf Prozent. Die Regierungen müssten nun schnell und
entschlossen handeln, um eine lang andauernde Jobkrise zu verhindern, fordert
OECD-Generalsekretär Angel Gurria. Die Sozial- und Arbeitsmarktpolititk müsse überprüft und angepasst werden,
um insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit und die Ausbreitung von Armut zu
verhindern.
Zu einer umfassenden Anti-Krisen-Strategie
gehörten Hilfen für junge Menschen: Sie müssten davor bewahrt werden, dass sie
über Jahre keinen Job finden und als "verlorene Generation" in die
Geschichte eingehen. Die sozialen Netze müssten gestärkt werden, damit nicht
Millionen Arbeitslose in Armut abrutschen.
Und die Staaten sollten die Mittel
für die aktive Arbeitsmarktpolitik aufstocken. Dabei müssten sie auch ihre
Strategie ändern: Bisher hat die Vermittlung von Arbeitslosen in einen Job
oberste Priorität. Nun, wo der Arbeitsmarkt schwach sei, müsse die
Weiterbildung eine viel größere Rolle spielen. Für den Arbeitsmarktexperten
Gerhard Bosch ist diese Forderung ein "sensationeller"
Paradigmenwechsel.
In Deutschland hält sich der
Anstieg der Arbeitslosigkeit im internationalen Vergleich in Grenzen.
Hauptgrund ist die Kurzarbeit. Dieses Instrument sei aber auf Dauer keine
Lösung, meint die OECD.
Der DGB fürchtet, dass die Bundesagentur für Arbeit (BA) in den nächsten Jahren mit ihren Mitteln nicht zurechtkommt. Wenn nichts geschehe, werde die BA bis 2013 einen Schuldenberg von 50 Milliarden Euro auftürmen, heißt es in einer Studie, die der FR vorliegt.
Fr 17.9.09
Weltbank warnt vor wachsender
Armut
Die Weltbank schlägt Alarm: Sie
erwartet, dass als Folge der Wirtschaftskrise weitere 89 Millionen Menschen in
armen Ländern in extreme Armut abgleiten werden. Das bedeute, dass sie weniger
als 1,25 Dollar pro Tag zum Leben hätten, heißt es in einem Papier, das die
Weltbank im Vorfeld des G20-Gipfels in Pittsburgh veröffentlichte. Darin ruft
sie die Teilnehmer zu verstärkten Hilfen auf. Dem Papier zufolge werden 43 der
ärmsten Entwicklungsländer längerfristig unter den Folgen der Wirtschaftskrise
leiden. dpa
Arbeitsmarktpolitik auf Pump
Der DGB befürchtet schon bald eine
Überschuldung der Nürnberger Bundesagentur / Berlin soll einspringen
Von Roland Bunzenthal
Der
Deutsche Gewerkschafts-
bund
befürchtet schon bald eine Überschuldung der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit
der Folge tiefer Einschnitte in ihrer Förderung. Wenn nichts geschehe
"wird sich bis 2013 ein Schuldenberg bei der BA von 50 Milliarden Euro
auftürmen", heißt es in einer DGB-Studie, die der FR vorliegt.
Die Nürnberger Behörde musste
bereits zum zweiten Mal für dieses Jahr ihren Haushalt nachbessern. Hatte sie
ursprünglich noch mit einem Defizit von 5,9 Milliarden Euro kalkuliert, ist
nunmehr ein Minus von gut 16 Milliarden für 2009 eingeplant. Die Einnahmen
lagen Ende August um knapp 17 Prozent unter dem Vorjahresniveau und die
Ausgaben um gut zwölf Prozent darüber. Von den fünf Milliarden Förderung für
Kurzarbeit waren bereits 2,7 Milliarden verbraucht.
"Unter Status-quo-Bedingungen
wird die Arbeitslosenversicherung finanziell auf Grund laufen," erklärt
der DGB-Arbeitsmarktkexperte Wilhelm Adamy im Gespräch mit der FR. Als Folge werde sie
"einen Großteil ihrer Leistungen - sofern die nicht drastisch gekappt
werden - nur noch auf Pump finanzieren können."
So hat denn auch der Bund bereits
allein für 2010 einen Betrag von 20 Milliarden Euro für ein kurzfristiges
Darlehen an die Arbeitslosenversicherung in seinen eigenen Haushalt eingeplant.
Wenn jedoch zusätzliche Einnahmequellen verschlossen würden, befürchtet Adamy, "wird der finanzielle Druck sehr schnell auf
Arbeitslose weitergegeben. Eine prozyklische Politik
und steigende Armut wären die Folge.
Die Parteien müssten dringend
aufzeigen, wie die durch die Banken verursachten und durch überzogene
Beitragssenkungen vergrößerten Haushaltslöcher geschlossen werden sollen. Der Schuldenberg
in Folge der Krise müsse jetzt auf solidarische Weise abgetragen werden - was
für Adamy bedeutet, dass der Bund einspringen soll.
So müsste als erstes der "Eingliederungsbeitrag" der BA abgeschafft
werden, über den der Bund in Nürnberg alljährlich fünf Milliarden abkassiert.Dies sei auch ein Gebot der
Verteilungsgerechtigkeit. "Denn die neuen Schulden der BA seien
Sonderlasten der Krise und gingen weit über die originären Aufgaben der
Arbeitslosenversicherung hinaus.
"Der Sozialstaat wird finanziell
überfordert, wenn er mit den Folgelasten allein gelassen wird", lautet die
Schlussfolgerung. Deutlich werde dies am sinkenden Anteil der
Arbeitslosensversicherung am Bruttoinlandsprodukt: Von 2,4 Prozent im J ahr 2000 auf derzeit 1,7 Prozent. Kommentar
Kommentar
Leere Worte
Von Roland Bunzenthal
Manche
Wahlkampfsprüche passen immer und überall. Zum Beispiel: "Wir müssen
wieder eine Kultur der Langfristigkeit und Nachhaltigkeit etablieren", so
Originalton Frank-Walter Steinmeier (SPD). Heißt das, dass Unternehmen auf
langfristige Ziele und nicht nur auf kurzfristige Profitmaximierung
eingeschworen werden? Oder, dass die Beschäftigungspolitik nicht mehr ruhelos
zwischen Sparkurs und aktivem Gestalten schwankt?
Speziell eine Institution kann ein
Lied von der Kurzatmigkeit der Berliner Politik singen: Die Bundesagentur für
Arbeit (BA) hatte zwei Jahre lang Gelegenheit erhalten, ein scheinbar ausreichendes
Reservepolster anzulegen - und das war gut so. Denn mit der Krise und den
gleichzeitigen Beitragssenkungen kam der finanzielle Schock: Von den Anfang des
Jahres gezählten hohen Rücklagen ist kaum noch was da. Der Bund will allenfalls
mit Krediten einspringen, was heißt, dass die BA
künftig einen Schuldenberg vor sich herschieben muss, der ähnlich wie im
Bundesetat der Politik die Hände bindet. Während der Bund sich stets jedoch bei
seinen Bürgern Geld leihen kann, ist dies für die BA nur beschränkt möglich.
Die Folge wären tiefe Einschnitte bei den Ausgaben und hier besonders in die
Arbeitsmarkt-Instrumente, den sogenannten
Kann-Leistungen, wie etwa die Fortbildungshilfe bei Kurzarbeit. Betroffen wären
nicht nur die qualifizierungsbereiten Arbeitnehmer, sondern auch die über
Fachkräftemangel klagenden Betriebe. "Langfristig und nachhaltig"
muss die BA wieder auf ein sicheres Fundament gestellt
werden. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe und nicht allein die der
Beitragszahler.
Die Krise führt zu Löchern bei der BA