Wege der Armut
Armut in Zahlen: Es kommt darauf an,
welche Kinder man hinzurechnet, ob man etwa Mädchen und Jungen einbezieht, die
Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II oder dem Asylbewerberleistungsgesetz
erhalten: Unterm Strich steht eine Zahl, die immer nur zu groß sein kann.
Ausgehend von einer Studie des
Paritätischen Wohlfahrtsverbandes lag die Zahl jener Kinder unter 15 Jahren,
die nach Inkrafttreten von Hartz IV in so genannten
Bedarfsgemeinschaften auf Sozialhilfeniveau leben, im August 2005 bei 1,5
Millionen – also jedes siebte Kind. Bereits im März 2006 verzeichnete die
Bundesagentur für Arbeit einen Zuwachs um 290 000. Unter Berücksichtigung der
15- bis 18-Jährigen, die laut UN-Konvention ebenfalls zur Gruppe der Kinder zu
zählen sind, ermittelte die Bundesagentur im Juni dann diese Zahl: 2,13
Millionen arme Kinder. Das Risiko, zu der Gruppe der Ärmsten zu gehören, hat
sich dabei – für Kinder wie Erwachsene – in den vergangenen Jahren deutlich
erhöht: Laut Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes
zeigt sich, dass immer mehr Menschen in Deutschland mit 60 Prozent oder weniger
dessen auskommen müssen, was Personen mit einem Durchschnittseinkommen zur
Verfügung steht. Deutlich wird dabei: Kinder und Jugendliche gehören zu den
Schwächsten, Frauen sind ebenfalls stärker betroffen, vor allem
Alleinerziehende. Kräftig angestiegen ist das Armutsrisiko vor allem bei der
Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ohne Transferleistungen wie
etwa Kindergelderhöhungen – so zu lesen im zweiten Armuts- und Reichtumsbericht
der Bundesregierung – läge die Risikoquote dabei noch höher.
Deutliche Unterschiede stellte der
Paritätische Wohlfahrtsverband zudem auf regionaler Ebene fest: Während die Kinderarmutsquote
in Westdeutschland durchschnittlich bei 12,4 Prozent lag, waren in den neuen
Bundesländern 23,7 Prozent aller Kinder betroffen. Führend sind insgesamt die
Stadtstaaten Bremen (28,6 Prozent) und Berlin (29,9 Prozent).
Gründe: Wenngleich Kinderarmut in
Deutschland kein neues Phänomen darstellt, so sehen Experten wie der
Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge darin
doch „postmoderne Züge“, deren Ursachen etwa in der Auflösung des
„Normalarbeitsverhältnisses“ lägen. Zudem litten vor allem Kinder unter dem
Umbau des Sozialstaates, weil deren Eltern heute weit weniger abgesichert seien
als dies in vorherigen Generationen der Fall war. Über all diesen Beobachtungen
schwebt vor allem der Begriff Hartz IV, mit dem aus
Sicht der Kinderrechtslobby eine Verdoppelung der Kinderarmut in den
vergangenen zwei Jahren einhergeht.
Einkommen und Bildung: Es ist ein
Teufelskreis, der das Gesellschaftsbild bestimmt. Der Ausstieg aus der Armut
führt nur über eine Beschäftigung, die Chancen darauf steigen wiederum mit
einem wachsenden Bildungs- und Ausbildungsgrad. Tatsächlich verhält es sich so,
dass gerade wirtschaftlich schlecht aufgestellte Eltern in der Regel ein
deutlich geringeres Bildungsniveau haben. Damit fehlen in materieller wie in
sozialer Hinsicht häufig die Voraussetzungen, Kindern eine erfolgreiche
Schullaufbahn zu ermöglichen.
Doch auch mit höherer Bildung haben
Mädchen und Jungen aus ärmeren Elternhäusern geringere Chancen als andere auf
gute Noten und den Wechsel etwa aufs Gymnasium. Damit schließt sich der Kreis
zu den Pisa-Studien, die einen Zusammenhang zwischen Bildungsbiografie und
sozialer Herkunft (also dem ökonomischen, sozialen und kulturellen Status der
Eltern) belegt haben. Entsprechend zeigt auch die 17. Sozialerhebung des
Deutschen Studentenwerks (DSW): Die Chance eines Kindes aus einem Elternhaus
mit „hohem“ sozialen Status, ein Studium aufzunehmen, ist 7,4-fach größer als
die eines Kindes aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialen Status.
Ausbildung und Arbeit: Der belastete
Bildungsweg setzt sich bei der Suche nach einer Arbeit oder einer Ausbildung
fort: Nicht einmal 50 Prozent aller 763 000 Lehrstellensuchenden in Deutschland
fanden bis Ende September auf Anhieb eine betriebliche Lehrstelle. Neu dabei:
Erstmals übertraf die Zahl der so genannten Altbewerber jene der neu
hinzugekommenen. Und jetzt konkurrieren beide zudem verstärkt mit höher
gebildeten Jugendlichen, die häufiger auf ein Studium verzichten. yg
MGLOBERT
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 253)
Datum: Dienstag, den 31. Oktober 2006
Seite: 36