»Verursacher der Krise müssen zur Kasse gebeten werden«
02.12.2009 / Inland / Seite 8Inhalt jw
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Jesuiten setzen
sich für Steuer gegen Armut ein. Petition an
Bundestag kann bis
morgen unterzeichnet werden. Ein Gespräch mit
Friedhelm
Hengsbach
Interview: Gitta Düperthal
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Friedhelm
Hengsbach ist Sozialethiker an der Katholischen
Akademie
Rhein-Neckar in Ludwigshafen und ehemaliger Leiter
der
Theologischen Hochschule Nell-Breuning-Institut
*/Bis zum 3. Dezember kann man im Internet eine Petition an
den
Bundestag unterzeichnen, eine Steuer gegen Armut
einzuführen. Die
Kampagne wurde von der Jesuitenmission in Nürnberg
initiiert, sie wird
u. a. von ATTAC, Gewerkschaften, den Internationalen Ärzten
für die
Verhütung eines Atomkriegs und kirchlichen Organisationen
unterstützt.
Was versprechen Sie sich davon?/*
Ich gehöre zu den Erstunterzeichnern, weil ich ein Interesse
daran habe,
daß die alte Forderung von ATTAC
erfüllt wird: Spekulative
Finanzgeschäfte müssen zum Wohl der Bürgerinnen und Bürger
besteuert
werden. Es geht nicht so sehr darum, die Spekulation
auszubremsen --
eine Steuer von weniger als ein Prozent auf diese
Finanzgeschäfte ist
dazu nicht geeignet. Für die Folgen der Krise müssen ihre
Verursacher
zur Kasse gebeten werden: Die Entwicklungsländer brauchen
Finanzmittel,
um die sozialen Verwerfungen aufzufangen, die durch
geringere
Investitionen in ihre Wirtschaft oder den Rückgang des
Rohstoffhandels
und des Tourismus entstanden sind. Es muß
auch einen Ausgleich dafür
geben, daß Überweisungen von Migranten ausbleiben, die in den
Industriestaaten leben. Sie sind nämlich die ersten opfer der Krise, sie
werden in der Regel als erste entlassen oder in Kurzarbeit
geschickt.
*/Ziel ist, eine öffentliche Anhörung des Anliegens im
Bundestag zu
erreichen. Das kann aber nur erreicht werden, wenn bis
morgen 50 000
Menschen unterzeichnet haben .../*
Rund 25 000 elektronische Unterzeichner sind registriert --
Unterschriftenlisten auf Papier kommen hinzu. Kurz vor
Ablauf der
dreiwöchigen Frist können wir
allenfalls einen Achtungserfolg vorweisen:
Immerhin interessiert sich demnach ein großer Teil der
Bevölkerung für
ausgleichende soziale Gerechtigkeit.
Der elektronische Vorgang ist allerdings kompliziert. Ich
selbst habe 20
Minuten gebraucht, bis der Bundestagsrechner meine
Unterzeichnung
registriert hat. Ich erhalte viele Anfragen, wie das
überhaupt funktioniert.
*/Mit den Unterschriften dürfte es knapp werden. Was machen
Sie, wenn
das Vorhaben scheitert?/*
Falls nicht genug Stimmen zusammenkommen, liegt es im
Ermessen des
Bundestages und des Petitionsausschusses, unser Anliegen zu
thematisieren und an europäische Regierungen weiterzutragen.
Eine große Mehrheit ist für diese Transaktionssteuer,
Kanzlerin Angela
Merkel (CDU) und der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD)
haben sich schon dafür eingesetzt. Auch der US-amerikanische
Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat sich in der New
York Times
dafür ausgesprochen. Die Unruhe in der Bevölkerung ist groß,
weil die
Banken einfach so weitermachen wie bisher: Es wird wieder
spekuliert,
als sei die Krise schon vergessen. Für die Banken ist das
kein Problem,
sie schwimmen im Geld -- aber die Realwirtschaft liegt
weltweit darnieder!
*/Will denn die Bundesregierung nicht vorrangig die Reichen
fördern?/*
Im Gegensatz zu Ihnen meine ich, daß
unsere Kampagne auf derselben Welle
schwimmt wie die Bundeskanzlerin. Der Umgangston zwischen
ihr und
Bankenvertretern ist schärfer geworden.
*/Die Jesuiten haben ihre Ziele auch schon mal radikaler
propagiert --
beispielsweise hatten sich einige von ihnen in Frankfurt/
Main vor dem
Portal der Deutschen Bank angekettet./*
Die Bewegung der Ordensleute für den Frieden engagiert sich
in vielen
Bereichen. In Berlin etwa hat sie Friedensgebete
veranstaltet, um auf
das Unrecht der Abschiebehaft aufmerksam zu machen. Mit
gewaltlosen
Aktionen weil sie signalisieren, wie ungerecht die
Lebenschancen
verteilt sind. Das Nell-Breuning-Institut
hingegen hat einen Weg
gewählt, der umstritten sein mag. Es geht dabei weniger
darum,
politische Entscheidungsträger zu erreichen, sondern
Gewerkschaften,
ATTAC, soziale Initiativen und Bürgerbewegungen.
www.finanztransaktionssteuer.org <http://www.finanztransaktionssteuer.org>