Verteilungsfrage kehrt in die Gesellschaft zurück

VON FRIEDHELM HENGSBACH

Die Zeit sei gekommen, die Frage einer Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen wieder auf den Tisch zu bringen. Sie könne dazu beitragen, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten begreifen, dass sie in den Betrieben im selben Boot sitzen. So äußerte sich Bundespräsident Horst Köhler vor etwa zwei Monaten.

In der deutschen Gesellschaft wächst das Gespür für die scharfen sozio-ökonomischen Bruchlinien: Die Binnenwirtschaft stagniert, während die Exportdynamik strukturell überhitzt ist. Die Industrie baut Arbeitsplätze ab, in Krankenhäusern und Schulen wird unbezahlte Mehrarbeit erpresst. Private Haushalte häufen Geldvermögen an, öffentliche Haushalte sind verschuldet. Das Angebot öffentlicher Güter wird reduziert, Privatunternehmen traut man zu, die Lücke zu füllen. Riskante und spekulative Operationen auf den Finanzmärkten erzielen Renditen, die für Investoren in der realwirtschaftlichen Sphäre unerreichbar sind.

"Wir sitzen alle in einem Boot" ist die politische Lüge bürgerlicher Eliten, die den Ruderern und Rudererinnen - jedoch nicht sich selbst als Steuermännern - zumuten, den Gürtel enger zu schnallen, um den globalen Seestürmen zu begegnen. Sie übertüncht das strukturelle Gefälle wirtschaftlicher Macht in kapitalistischen Marktwirtschaften: Eine Mehrheit der Bevölkerung ist von den Produktionsmitteln getrennt, auf den Verkauf der Arbeitskraft und die Lebenslage abhängiger Arbeit verwiesen.

Schieflage der gängigen Logik


Und eine Minderheit der Bevölkerung verfügt über die Produktionsmittel und ein Erwerbsvermögen, das konzentriert wächst - allerdings nicht ohne die Mitwirkung fremder Arbeit. Diese Schieflage wirtschaftlicher Macht hat die gängige betriebswirtschaftliche Logik eingefärbt, der gemäß der Gewinn zur Stellgröße des Erfolgs, der Geschäftspolitik, der Bewertung und der Kontrolle der Unternehmen erklärt wird, obwohl er nur ein Teil der Nettowertschöpfung im Unternehmen ist. Im Gegensatz dazu werden die Löhne einschließlich der Sozialbeiträge zu Kosten und Nebenkosten deklariert. Die Gewinne zu steigern und die Kosten zu minimieren, sind die zwei Seiten der üblichen betriebswirtschaftlichen Logik.

Gemäß einer alternativen Logik könnte der Erfolg des Unternehmens, der durch den Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zustande kommt, an der Nettowertschöpfung gemessen werden, der Summe aus Arbeits- und Kapitaleinkommen. Deren Vermehrung wäre ein erstrebenswertes Unternehmensziel. Als Bezugsgröße würde sie den Verteilungsspielraum für die Arbeits- und Kapitaleinkommen transparent machen. Noch wichtiger ist jedoch, die Verteilung der unternehmerischen Wertschöpfung auf Löhne und Gewinne davon zu entkoppeln, wie - entsprechend einer gängigen Vorstellung - Arbeitnehmer und Kapitalgeber ihre jeweiligen Einkommen verwenden. Die Annahme nämlich, dass die Löhne fast ausschließlich für den Konsum und die soziale Sicherung verwendet würden, während die Gewinne vorwiegend zur Finanzierung realer Investitionen zur Verfügung stehen, ist nicht zwingend. Löst man sich von dieser Annahme, wäre eine Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen "ohne Lohnverzicht" vertretbar. Der Investivlohn könnte auf den Konsumlohn aufgestockt werden.




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Dokument erstellt am 03.03.2006 um 17:24:13 Uhr
Erscheinungsdatum 04.03.2006