Vergib uns unsere Schuld Andrang bei Beratern / Mehr Privatpleiten
Von Roland Bunzenthal
Drei Jahresgehälter in der Kreide -- für zahlreiche Menschen in
Deutschland ist das eine ausweglose Situation. Was eine Vielzahl
unterschiedlicher persönlicher Schicksale bedeutet, fasst das
Statistische Bundesamt in dürren Zahlen zusammen: "Personen, die
im Jahre 2006 von einer Schuldnerberatungsstelle betreut wurden,
waren im Durchschnitt mit knapp 37 000 Euro verschuldet" -- bei
einem monatlichen Nettoeinkommen von nur 1150 Euro.
Diese Angaben beruhen auf einer Befragung von 124
Schuldnerberatungsstellen, die 2006 von rund 47 000 Personen in
Anspruch genommen wurden, weil sie überschuldet waren oder einen
finanziellen Engpass zu meistern hatten. Mehr als die Hälfte von
ihnen war arbeitslos gemeldet. Arbeitslosigkeit war auch bei
knapp einem Drittel Auslöser der finanziellen Schwierigkeiten.
Weitere wichtige Gründe waren Scheidung, Krankheit oder eine
gescheiterte Selbstständigkeit. Experten gehen davon aus, dass
rund sieben Millionen Bundesbürger überschuldet sind. Dazu
beigetragen hat die wachsende Zahl der Angebote für einen
scheinbar "easy kredit" (so der Name eines besonders aktiven
Anbieters).
Der typische Schuldner ist ein alleinstehender Mann im Alter
zwischen 35 und 45 Jahren. Zwar sind Singlehaushalte
überproportional betroffen, doch erwischte es in 36 Prozent der
untersuchten Fälle auch Familien mit Kindern.
Heute werden die Statistiker in Wiesbaden die neuesten Zahlen
über Verbraucherinsolvenzen veröffentlichen. Rund 60 000
Bundesbürger haben demzufolge von Januar bis Juli 2007 einen
Antrag auf das mögliche Entschuldungsverfahren per
Insolvenzerklärung gestellt. Das ist immerhin ein Fünftel mehr
als vor einem Jahr.
In Zukunft soll aber mehr mittellosen Schuldnern bereits im
Vorfeld eines offiziellen Insolvenzverfahrens durch eine
Restschuldbefreiung geholfen werden. Das sieht die jüngste
Reform der Bundesregierung vor.
MSCHWAB
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 231)
Datum: Freitag, den 05. Oktober 2007
Seite: 21
05.10.2007 / Titel / Seite 1 jw
Zum Inhalt dieser Ausgabe <http://www.jungewelt.de/2007/10-05/index.php> |
Pleiten im Aufschwung
Von Ralf Wurzbacher
Trotz brummender Konjunktur und der vielbeschworenen »Entspannung« auf
dem Arbeitsmarkt hat die Zahl der überschuldeten Haushalte in
Deutschland weiter dramatisch zugenommen. Wie das Statistische Bundesamt
am Donnerstag mitteilte, wurden im Jahr 2006 ein Drittel mehr
Verbraucherinsolvenzen registriert als im Vorjahr. Statt der 68000 Fälle
im Jahr 2005 waren es 92000 im vergangenen. Hauptursachen sind nach
Angaben der Statistiker Arbeitslosigkeit, familiäre Probleme sowie
gescheiterte Selbständigkeit. Sie werteten die Angaben von rund 124
Schuldnerberatungsstellen in Deutschland aus, bei denen im vergangenen
Jahr etwa 47000 Menschen Hilfe suchten.
Die Betroffenen standen 2006 mit durchschnittlich 37000 Euro in der
Kreide. Demgegenüber verfügten sie über ein monatliches Nettoeinkommen
von im Mittel 1150 Euro. In 60 Prozent der Fälle gingen die Einkünfte
nicht einmal über 900 Euro hinaus. 45 Prozent der Betroffenen lebten
allein, bei mehr als einem Drittel der Fälle seien auch Kinder Opfer der
finanziellen Misere ihrer Eltern. Knapp ein Drittel der Befragten gab
den Verlust des Arbeitsplatzes als ausschlaggebend für die Überschuldung
an. Über 50 Prozent der Schuldner waren im zurückliegenden Jahr
erwerbslos gemeldet.
Die Diskrepanz zwischen sinkender Arbeitslosigkeit und der Verschärfung
des Problems erklärt sich nach Expertenangaben durch die
Zeitversetztheit beider Phänomene. »Wer vor fünf Jahren seinen Job
verloren hat, ist vielleicht erst im letzten Jahr in die Schuldenfalle
getappt«, erläuterte Klaus Richter, Jurist bei der
Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung Berlin
gestern gegenüber jW. Umgekehrt könne sich der aktuelle Rückgang der
Erwerbslosenzahlen erst Jahre später in der Insolvenzstatistik bemerkbar
machen.
Nach den neuesten Erhebungen der Arbeitsgemeinschaft wird sich die Lage
in diesem Jahr noch zuspitzen. Angaben der Wirtschaftsauskunftei
Creditreform vom 12. Juni zufolge meldeten allein im ersten Halbjahr
bundesweit 51600 Verbraucher Insolvenz an, 18 Prozent mehr als im
Vorjahreszeitraum. Selbst unter Berücksichtigung der erfahrungsgemäß
tendenziell rückläufigen Entwicklung im zweiten Halbjahr müsse mit einer
Jahresbilanz von rund »100000 Fällen und mehr« gerechnet werden, gab
Richter zu bedenken. Creditreform hat errechnet, daß inzwischen mehr als
zehn Prozent aller Haushalte in Deutschland, also 3,42 Millionen, als
überschuldet gelten. Wie üblich stellt sich die Lage in Ostdeutschland
besonders dramatisch dar. Dort schnellte die Menge der
Verbraucherinsolvenzen im ersten Halbjahr um 34,9 Prozent hoch, im
Westen lag der Zuwachs dagegen bei lediglich 13,1 Prozent.
Leidtragende sind laut Statistischem Bundesamt vor allem
alleinerziehende Frauen, die überproportional häufig in der
Schuldenfalle stecken. Sie stellen 14 Prozent der Klientel der
Beratungsstellen, während ihnen nur ein Anteil von drei Prozent an der
Gesamtbevölkerung entspricht. Weitere Ursachen für Überschuldung sind
Suchtprobleme, ein Unfall, Krankheit sowie eine unwirtschaftliche
Haushaltsführung. Eine Trennung oder ein Todesfall in der Partnerschaft
führten im vergangenen Jahr knapp 13 Prozent der Hilfesuchenden in die
Schuldenfalle. Während nunmehr seit Jahren immer mehr Privatpleiten
gezählt werden, ging die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im ersten
Halbjahr 2007 dagegen um 10,8 Prozent zurück.
Zahl der Schuldner steigt ständig
VON JESSICA SCHWARZER
Das Wirtschaftswachstum brummt, die Arbeitslosenzahlen
schrumpfen - doch die Fallzahlen bei den Schuldnerberatungen steigen. Immer
mehr Menschen sind überschuldet. „Die Gründe sind vielfältig. Neben den
klassischen Gründen wie Arbeitslosigkeit, Trennung vom Lebenspartner, Krankheit
oder Tod in der Familie, geraten einige auch schleichend in die Schuldenfalle“,
sagt Volker Schmidt, Schuldenberater bei der LfL
Lebensberatung für Langzeitarbeitslose. Das überzogene Konto werde durch einen
Ratenkredit ausgeglichen, dieser durch einen höheren abgelöst und so weiter.
„Manche Banken fördern das durch verlockende Angebote für Dispo- oder
Ratenkredite und unseriöse Umschuldungspraktiken“, sagt Schmidt. „Die meisten
Betroffenen merken erst viel zu spät, wie hoch ihre finanzielle Belastung ist.“
Bei Überschuldung hilft dann häufig nur noch der Weg zur Beratungstelle.
Die Experten stellen Finanzpläne auf, verhandeln mit Gläubigern und helfen beim
Antrag auf private Insolvenz.
Die Betroffenen können wählen, wo sie sich beraten lassen.
„Wir sind in Düsseldorf sehr gut aufgestellt. Neben der städtischen
Schuldnerberatung gibt es fünf Angebote“, sagt Rainer Gilles, Leiter der
Rechtsstelle, Schuldner- und Insolvenzberatung der Stadt. Neben der Stadt und
der LfL, die unter anderem aus Mitteln der Diakonie
und des evangelischen Kirchenkreises finanziert wird, beraten die
Verbraucherzentrale, die Arbeiterwohlfahrt (Awo), der
Sozialdienst katholischer Frauen und Männer sowie Service, Weiterbildung und
Transfer in den Arbeitsmarkt (SWT). „Die einzelnen Beratungen arbeiten zwar
eigenständig und haben Schwerpunkte bei ihrer Arbeit, sind aber vernetzt“, sagt
Gilles.
„Insgesamt sind in Düsseldorf bis Ende August 4214 Fälle
registriert worden“, sagt LfL-Schuldenberater Uli
Wagner. „Davon stammten 1424 aus dem vergangenen Jahr, 2790 Menschen kamen
erstmals zur Beratung.“ Die Zahl der Fälle habe um fünf bis sechs Prozent
zugenommen. Wer sich entschieden hat, professionelle Hilfe zu suchen, bekommt
diese recht schnell. „Am Telefon gibt es eine erste kurze Beratung, es folgt
dann in der Regel ein persönlicher Termin innerhalb von 14 Tagen - mit diesen
Wartezeiten liegen wir in Düsseldorf deutlich unter denen in anderen Städten“,
sagt LfL-Schuldenberater Uli Wagner. „Häufig haben
die Betroffenen viele schlaflose Nächte hinter sich, bevor sie zu uns kommen“,
so Volker Schmidt von der Verbraucherzentrale. „Nachdem wir sie dann über ihre
Recht und ihren Schutz aufgeklärt haben, sagen sie oft, dass es ihnen mit
diesem Wissen schon viel besser geht.“
- /JESSICA SCHWARZER
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.236
Datum: Donnerstag, den 11. Oktober 2007
Seite: Nr.17