UNO warnt vor noch mehr Hunger
27.01.2009 / Ausland / Seite 6Inhalt
Madrid. Die UNO hat vor einer Verschärfung
der weltweiten Lebensmittelkrise gewarnt. Die Finanzkrise und niedrige
Erzeugerpreise könnten zu sinkenden Agrarinvestitionen und einem Rückgang der
Nahrungsmittelproduktion in diesem und im kommenden Jahr führen, sagte der Chef
der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation
(FAO), Jacques Diouf, am Montag in Madrid bei einer
Konferenz zum Kampf gegen Hunger. Zwar sei im vergangenen Jahr mehr Getreide
produziert worden, vor allem aber in entwickelten Ländern. Die Zahl der
Hungernden sei gleichzeitig auf fast eine Milliarde gestiegen. Bei dem
zweitägigen Treffen unter dem Vorsitz von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Spaniens
Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero wollen Vertreter aus 95 Ländern über Schritte im
Kampf gegen den Hunger beraten.
(AFP/jW)
27.01.2009 / Kapital & Arbeit / Seite 9Inhalt
Not trotz Überfluß
USA: Hunger und Obdachlosigkeit erreichen eine neue
Dimension
Von Tomasz Konicz
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Von einem »Rettungspaket« der ganz besonderen Art wußte am Wochenende die Washington Post zu berichten. Die
Suppenküchen und Lebensmitteltafeln zwischen New York und Los Angeles wappnen
sich dem Artikel zufolge für die größte Herausforderung, der sich dieses
Wohltätigkeitssystem seit dessen Aufbau in den Sechzigern stellen muß. Es gebe Planungen, neue, große Einrichtungen zur
Nahrungsmittelvergabe in den Städten zu errichten. Das Ziel, besonders den
»arbeitenden Armen« genügend Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen, die
neuesten Untersuchungen zufolge bereits die größte Gruppe der Unterernährten in
den USA stellen. Der Bedarf wachse der ersten Generation der Suppenküchen
bereits »über den Kopf«, berichtete Robert Egger, der Präsident das
Wohltätigkeitsverbandes Central Kitchen. So würden
Suppenküchen, die nur während der Hauptarbeitszeiten geöffnet sind, diese
Gruppe überhaupt nicht erreichen.
Doch die Wirtschaftskrise läßt auch das
Spendenaufkommen dieser Organisationen rapide sinken, so daß
viele Einrichtungen den zunehmenden Andrang kaum bewältigen können. Derzeit
bemühten sich viele Sozialverbände, staatliche Zuschüsse für ihre Lebensmittelprogramme
zu erhalten, berichtete die Washington Post. Allerdings ließe das Engagement
der Bundespolitik arg zu wünschen übrig. Der Harvard-Professor J. Larry Brown
stellte beispielsweise kürzlich eine Studie vor, derzufolge
die Ausweitung staatlicher Zuschüsse um zwölf Milliarden Dollar ausreichen
würde, um Hunger und Unterernährung in den Vereinigten Staaten größtenteils zu
beseitigen. Dennoch sei eine Ausweitung der Vergabe von staatlich finanzierten
Lebensmittelmarken nicht in Sicht, monierte die Washington Post. »Mir ist keine
Nation bekannt, die die Ernährungssicherheit ihrer Bevölkerung durch private
Wohltätigkeitsorganisationen sichergestellt hätte«, erklärte Brown. Es gebe
»eine bundesstaatliche Verantwortung, der nicht nachgekommen wird.«
Insgesamt sind 35 Millionen Bürger der Vereinigten Staaten von Hunger oder
Mangelernährung betroffen. Auf der anderen Seite werden laut Erhebungen des
US-Landwirtschaftsministeriums jährlich Lebensmittel im Wert von 31 Milliarden
Dollar – was etwa einem Fünftel der gesamten Produktion entspricht –
vernichtet, da sie auf keine zahlungskräftige Nachfrage treffen. 49 Millionen
Menschen hätten mit diesen Nahrungsmitteln ernährt werden können.
Wachsende Verelendung mitten im Überfluß kennzeichnet
auch die Wohnsituation von immer mehr US-Amerikanern. Landesweit entstehen
immer neue Zeltstädte. In diesen wild wuchernden provisorischen Siedlungen
sammeln sich all jene ehemaligen Hausbesitzer, die ihre Hypotheken nicht mehr
abzahlen konnten und sich nach einer Zwangsversteigerung auf der Straße wiederfanden. Allein im Großraum Los Angeles seien 60000
Häuser auf diesem Wege in den Besitz der Banken übergegangen, meldete die BBC.
Die ehemals der amerikanischen Mittelklasse angehörenden neuen Obdachlosen
würden oft schikaniert oder vertrieben. In etlichen Städten gingen
Sicherheitskräfte gegen die Lager vor und zerstörten die Zelte.
Allerdings plädieren immer mehr Politiker und Kommentatoren für eine
Legalisierung der Armensiedlungen. In Sacramento etwa hat die Stadtverwaltung
ein Gelände für ein Zeltlager ausgewiesen. In anderen Städten wurden derartige
Siedlungen bereits umzäunt und mit Straßennamen versehen. Die »Einwohner«
dieser Provisorien müssen sich anmelden und erhalten Zutritt nur mit
entsprechenden Passierscheinen.
Auf der anderen Seite hat die Hypothekenkrise zu Wohnraumleerständen in bisher
unvorstellbaren Größenordnungen geführt. Laut dem US-Ökonomen Richard Wolff
beträgt die Quote beispielsweise in Cleveland (Ohio) bereits zehn Prozent. Die
Konsequenz der Stadtverwaltung ist nicht etwa, die Obdachlosen dort
einzuquartieren. Im Gegenteil: Wenn die Häuser nach einer gewissen Zeit keinen
neuen Besitzer finden, sollen sie abgerissen werden. Ähnlich würden auch viele
andere Städte handeln, so Wolff. »Es gibt Tausende von leeren Häusern und
Tausende von Obdachlosen – und wir leben in einer Wirtschaftsordnung, die beide
Probleme nicht lösen kann«, lautet sein bitteres Fazit.