Tariferhöhungen bleiben hinter Preissteigerungen zurück
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut beklagt reales Minus für
die Beschäftigten 2005 / Hoffnung auf Metallabschluss
Die Tarifeinkommen sind laut Forschungsinstitut WSI im vergangenen Jahr um
1,6 Prozent gestiegen - und damit geringer als die Preise. In den
Tarifverhandlungen der Metallindustrie sehen die Forscher eine Chance, den
Trend hin zu real sinkenden Löhnen zu brechen.
Tarifsteigerungen (FR-Infografik)
+ Tarifsteigerungen (FR-Infografik)
Berlin · Nicht einmal die Tarifabschlüsse haben nach der Bilanz des
gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts
(WSI) gereicht, um die Inflation von 2,0 Prozent 2005 auszugleichen. "Wir
haben tarifpolitisch unter den Verhältnissen gelebt", meint
WSI-Tarifexperte Reinhard Bispinck. Den kostenneutralen
Verteilungsspielraum beziffert er auf 3,5 Prozent. Diese Kennziffer gibt
an, um wie viel die Löhne steigen könnten, ohne dass die Personalausgaben
in dem Zeitraum zunehmen. Zu der Steigerung der Preise rechnet das WSI die
Produktivitätszunahme (1,5 Prozent) hinzu.
Noch düsterer als die Tarifbilanz fällt für Lohnempfänger die tatsächliche
Einkommensentwicklung aus. Für sie hat das Statistische Bundesamt ein Plus
von gerade 0,5 Prozent ermittelt. Für die Unterschiede zwischen realen
Bezügen und Tarifergebnisse, die "starke negative Lohndrift", nennt das WSI
drei Gründe: Immer weniger Unternehmen halten sich an die Tarifverträge.
Die, die noch gebunden sind, nutzen Öffnungsklauseln, um Abweichungen nach
unten durchzusetzen. Und der Anteil von Teilzeit-, Mini- oder Midijobs
nimmt weiter zu. All das führe dazu, dass Tariferhöhungen in den Betrieben
nur teilweise ankämen.
Längere Laufzeiten
Die Umwälzungen in der Tariflandschaft erfassen auch die Laufzeiten. Sie
stiegen 2005 laut WSI von durchschnittlich 21,8 auf 25,7 Monate. Das ist
bald doppelt so viel wie 1994.
Auch das Aushandeln erfordert mehr Zeit. Während früher die Runden
spätestens nach drei bis vier Monaten zu Ende waren, dauern sie heute bis
zu zwei Jahre. msv
Stahl mit höherem Abschluss
Allerdings sieht das Institut auch Lichtblicke für die Gewerkschaften.
Während Abschlüsse zwischen ein und zwei Prozent die Regel gewesen seien,
sei in der Stahl- sowie der Chemieindustrie deutlich mehr erreicht worden.
Zu den Pluspunkten zählt das WSI auch die Sozialtarifverträge, die bei
Werksschließungen oder Standortverlagerungen ausgehandelt wurden. Hier
deute sich ein Trend an, meinte Bispinck: Die Rechte der von
Werksschließungen Betroffenen nehmen nicht mehr allein die Betriebsräte
wahr. Stattdessen würden sie wie bei Infineon oder aktuell AEG in
Tarifkonflikten mit dem Recht auf Streiks gesichert.
Für die wichtigste Tarifrunde 2006 hat die IG Metall fünf Prozent mehr Lohn
gefordert. Wenn am Ende eine spürbare Reallohnsteigerung herauskäme, sieht
Bispinck die Chance, die Periode der mageren Tarifabschlüsse zu beenden.
Markus Sievers
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 02.02.2006 um 17:32:56 Uhr
Erscheinungsdatum 03.02.2006