Steuerquote relativ klein

Deutschland unter Schnitt

Von Markus Sievers

Wie gefräßig ist der deutsche Staat? Viel zu viel müssen Bürger und

Unternehmen von ihrem Geld an Finanzamt und Sozialversicherungen

abgeben

-- das ist die landläufige Meinung.

Ein anderes Bild zeichnen regelmäßig die internationalen Studien

der

OECD. Der Verbund führender Wirtschaftsnationen -- zu ihm gehören

etwa

die USA, Japan und viele europäische Staaten -- attestiert dem

deutschen

Staat große Bescheidenheit. Auf Diät gesetzt erscheint er vor allem

im

Vergleich mit den skandinavischen Staaten. So beansprucht Dänemark

von

der Wirtschaftsleistung seiner Bürger knapp die Hälfte, Schweden

fordert

mehr als 50 Prozent ein. Mit einer Quote von 34,7 Prozent bleibt

die

Bundesrepublik nicht nur hinter den Spitzenreitern zurück; sie

liegt

auch mehr als einen Prozentpunkt unter dem OECD-Durchschnitt.

Besonders aufschlussreich ist die längerfristige Perspektive. So

griff

sich die öffentliche Hand lange Zeit, vor allem in den 70er Jahren,

deutlich mehr als im OECD-Mittel. Erst 2003 kippte der Befund.

Seitdem

kommt der deutsche Sozialstaat mit einem kleineren Teil vom

Wohlstand

aus als in den anderen Industrienationen -- und der Abstand hat

sich in

den vergangenen beiden Jahren vergrößert. Erst die kräftige

Mehrwertsteuererhöhung im kommenden Jahr dürfte wieder für eine

Trendwende sorgen.

Nun haben die OECD-Berechnungen mit allen Statistiken gemein, dass

sie

stets auch Angriffsfläche für Kritik bieten. So wirft der Bund der

Steuerzahler der Pariser Organisation vor, die tatsächliche

Belastung in

Deutschland "massiv" zu unterzeichnen. Beispielsweise zieht die

OECD

Sozialleistungen und Subventionen wie das Kindergeld oder die

Eigenheimzulage vom Steueraufkommen ab, da sie mit den

Steuerzahlungen

verrechnet werden. Damit werde aber die Steuerlast klein gerechnet,

meint der Steuerzahlerbund. Daher trage die Untersuchung eher zur

"Verwirrung" als zur Aufklärung bei

Christopher Heady, Leiter der OECD-Abteilung Steuerpolitik und

Statistik, verwahrt sich zwar gegen diesen Vorwurf. Im FR-Gespräch

räumt

er aber die speziellen Probleme internationaler Vergleiche ein. Was

einbezogen werde und was nicht, sei immer eine Frage der

Definition. Bei

einer erweiterten Fassung änderten sich aber auch für die übrigen

Länder

die Größenordnungen.

Aus Sicht von Heady hat damit der Befund Bestand, dass Deutschland

im

internationalen Vergleich "kein ausgewiesenes Hochsteuerland" ist.

Für

einen Standort komme es allerdings nicht nur auf die Gesamtlast an,

sondern mindestens so sehr auf die Struktur des Steuern- und

Abgabensystems. Eher hoch sind die Tarife, eher gering das

Steueraufkommen -- eine Folge der vielen Ausnahmen.

Zudem fällt die Bundesrepublik mit einer hohen Belastung von

Arbeitseinkommen durch Sozialabgaben auf. Fast 40 Prozent

öffentlicher

Einnahmen stammen aus dieser Quelle, gegenüber 26 Prozent im

OECD-Schnitt. Umgekehrt sieht es für Unternehmen- und

Einkommensteuern

aus. Sie warfen im vergangenen Jahr 9,8 Prozent vom

Bruttoinlandsprodukt

ab, im OECD-Mittel dagegen rund 13 Prozent.

 

RSIEVERS

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 237)

Datum: Donnerstag, den 12. Oktober 2006

Seite: 4