Schickedanz-Syndrom
greift um sich
Die Zahl der wohlhabenden Bürger steigt laut DIW -
doch immer mehr bangen um ihre Zukunft
Von
Thomas Wüpper
Berlin. Sie verdienen mindestens doppelt so
viel wie der Durchschnitt, also netto wenigstens 5200 Euro. Sie haben das
sechs- bis siebenfache Vermögen eines Durchschnittsbürgers, also mindestens 400
000 Euro. Es sind ältere Paare und Westdeutsche, die ohne Kinder im Eigenheim
leben. Und jeder Zweite steht in Staatsdiensten, ist Beamter oder arbeitet im
Öffentlichen Dienst.
So sieht für Olaf Groh-Samberg
der reiche Bundesbürger aus, der sich keine finanziellen Sorgen mehr machen
muss. Doch ihre Zahl sinkt, trotz beständig wachsenden Wohlstands. Experten
sprechen vom "Schickedanz-Syndrom". Nur jeder hundertste Bundesbürger
sei wirklich "sorgenfrei reich", sagt der DIW- Experte. Seine
Erkenntnisse stützen sich auf das sozio-ökonomische
Panel, die umfangreichste und älteste deutsche Sozialstudie, für die seit 25
Jahren fortlaufend 20 000 Personen befragt werden.
"Insgesamt nimmt der gesellschaftliche Stress
in Deutschland zu", bilanziert Groh-Samberg.
Zwar ist der Anteil der Bundesbürger, die mindestens 5200 Euro netto verdienen,
in den vergangenen zehn Jahren von fünf auf sieben Prozent geklettert. Diese
Reichtumsschwelle sei aber willkürlich gewählt, sagt der Wissenschaftler. Die
tatsächliche finanzielle Situation könne ganz anders aussehen, zumal die
Einkommen schwankten.
Der Sozialforscher hat deshalb die finanziellen
Daten mit der Einschätzung der persönlichen Lage verknüpft. "Wer wirklich
reich ist, sollte frei von materiellen Sorgen sein", so Groh-Samberg. So unbekümmert aber kann nach der DIW-Studie
nur noch jeder siebte reiche Deutsche leben. Die übrigen trifft die
Wirtschaftskrise auf die eine oder andere Weise. Die Studie liefert Belege
dafür, wie stark die Krise viele Bürger verunsichert. Der Anteil der
Sorgenfreien, die unter der Reichtumsschwelle liegen, gehe deutlich zurück, bilanzieren die Forscher. Aber auch Topverdiener äußerten
zunehmend materielle Sorgen. "Die Ergebnisse spiegeln die steigende
Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und in jüngerer Zeit auch auf dem
Kapitalmarkt sowie gegenüber der sozialstaatlichen Absicherung wider",
sagt Groh-Samberg.
Der sorgenfreie Reichtum sei demgegenüber jenseits der turbulenten Welt unmittelbarer Markteinflüsse zu finden, so der Experte. Häufig sei diese "ökonomische Elite" noch berufstätig und hoch gebildet. Ihre Vermögensreserven seien mit durchschnittlich 400 000 Euro mit Abstand am höchsten. Unter den Berufstätigen der sorgenlos Reichen sind laut DIW 53 Prozent beamtet oder arbeiten im öffentlichen Dienst, meist in leitenden, hoch qualifizierten Berufen.
Fr 27.8.09