Keine Entwarnung - aber die Idics
werden geduldet
Die Ausländerbehörde hat gestern die Abschiebung der
fünfköpfigen
Roma-Familie vorerst ausgesetzt.
Jetzt ruhen alle Hoffnungen auf dem
Landtag.
Düsseldorf. Nein, glücklich sieht Semra
Idic nicht aus. Nicht einmal
erleichtert. Eine Stunde hat sie gerade wieder auf dem
Ausländeramt
verbracht. Zusammen mit einigen Unterstützern wurde hart
verhandelt. Es ging
um die Duldung für Semras Mutter,
zwei Schwestern und einen Bruder und
natürlich für sie selbst. Wie die WZ berichtete, soll die
Familie Idic nach
17 Jahren in Deutschland jetzt nach Serbien abgeschoben
werden. In eine
ungewisse Zukunft. Seit dem Wochenende ist die Familie im
Kirchenasyl in St.Lambertus.
Gestern hatte Semra Idic den Termin im Amt. Die Duldung der Familie lief am Dienstagmorgen
aus. Man hatte bereits die Abschiebung befürchtet. Die
Geschwister und die Mutter hatten deshalb das Kirchenasyl
auch nicht
verlassen. Um neun Uhr morgens musste Semra
im Amt erscheinen. Dabei war sie nicht alleine. Vor der Tür des
Verwaltungsgebäudes an der Willi-Becker-Allee hatten sich rund 30 Unterstützer
versammelt, sie verteilten Flugblätter und sammelten Unterschriften.
Kurz nach zehn Uhr kam Semra dann
endlich aus dem Amt. Vier Wochen Duldung hatte sie dabei im Gepäck. Das Amt
will erst einmal abwarten, ob die Härtefallkommission des Landes den Fall Idic behandeln wird. Der Antrag dazu ist gestellt.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer? "Nein, für mich
nicht", sagt Semra. "Ich bin erst beruhigt,
wenn ich schwarz auf weiß meine Aufenthaltsgenehmigung habe.
Bis dahin habe ich jeden Tag Angst. Ich habe auch heute
Nacht kaum
geschlafen." Mit dem Kirchenasyl verbindet die
17-Jährige dann allerdings
doch ein wenig Hoffnung. "Ich bin dankbar. Die Leute
dort sind alle so nett
zu uns", sagt die Oberschülerin. Vielleicht erweicht
das Engagement von
Stadtdechant Rolf Steinhäuser in der Verwaltung ja doch noch
einige Herzen.
Für die Schulkameradinnen von Semras
Schwester Vesna war es auf jeden Fall keine Frage,
trotz empfindlich kühler Temperaturen und den Osterferien vor dem Ausländeramt
für das Bleiberecht der Familie zu demonstrieren.
"Ich kann es einfach nicht verstehen, dass diese
Familie abgeschoben werden
soll. Ich war damals dabei, als sie den Vater abgeholt
haben. Das war
schrecklich. Die Kinder durften noch nicht einmal mit ihm
sprechen", erzählt die 17-Jährige Geraldine.
Christine Spans arbeitet ehrenamtlich in der katholischen
Kirchengemeinde
St. Martin in Bilk. Hier gingen
die Idic-Kinder regelmäßig in den
Jugendtreff. "Ich setze auf das Kirchenasyl. Da haben
die Behörden doch
einige Hemmschwellen, eine Abschiebung durchzuziehen. Es
geht hier
schließlich um das Menschliche. Die Menschenwürde muss über
solchen
irrsinnigen Gesetzen stehen."
Alexander Förster ist extra aus Düren gekommen. Der
Finanzbeamte ist selbst mit einer Jugoslawin verheiratet und sagt: "Ich
habe so etwas selbst schon mitgemacht. Hoffentlich darf die Familie
bleiben." Thomas Wagner und Oliver Ongaro vom
Düsseldorfer Unterstützerkreis sind sich einig: "Uns kommt diese Abschiebung
absolut absurd vor."
Dass etwa die Mutter nicht mehr arbeiten dürfe, das sei doch
ein Trick der
Ausländerbehörde." "Sie könnte sofort wieder in
ihrem Job als
Hotelangestellte anfangen", sagt Wagner und fügt an:
"So muss sie zum
Sozialamt." Aber die beiden geben sich kämpferisch und
der Familie Idic kann
diese Hilfe nur recht sein. Laut Wagner bekommen die fünf Idics alle zwei
Wochen 300 Euro. "Von dem bisschen Geld kann eine
Familie doch nicht leben", sagt Wagner.
Entscheidend für die Idics sind
die Mitglieder der so genannten
Härtefallkommission des Landtages. Sie werden in den
nächsten Wochen
entscheiden, ob sie sich überhaupt mit dem Fall der Familie
befassen werden.
Bis dahin leben die Idics auf dem
Areal der Kirchengemeinde Sankt Lambertus, die ihnen
Kirchenasyl gewährt.
Wer den Idics helfen möchte, kann
sich bei Asphalt e. V. unter der
Telefonnumer 44 93 98 70 melden.
12.04.06
Von Marc Herriger
Düsseldorf
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© WZ
Sankt Lambertus gewährt Hilfe und Schutz
Der Streit um die Abschiebung einer Familie nach Serbien spitzt sich zu. Nun hat sich die katholische Kirche eingeschaltet und bietet den Menschen Asyl.
Düsseldorf. "Das ist menschlich nicht in Ordnung. Die Abschiebung
ist moralisch nicht gerechtfertigt und auch noch vollkommen sinnlos." Der
Düsseldorfer Stadtdechant Rolf Steinhäuser bezieht eindeutig Stellung und
stellt sich auf die Seite der Roma-Familie Idic. Seit Sonntag genießen die Mutter und ihre vier Kinder
Asyl in der Kirchengemeinde Sankt Lambertus. Die
katholische Kirche hält schützend ihre Hand über die Familie und will damit
verhindern, dass die Mutter mit ihren Kindern nach Serbien abgeschoben wird.
Die WZ hatte bereits mehrfach darüber berichtet, dass die kommunale Ausländerbehörde der Stadt Düsseldorf junge Menschen abschieben möchte, die in Deutschland geboren sind und keinen Ton serbisch sprechen. Als Steinhäuser dem Kirchenvorstand von der Not der Familie berichtete, war es für die Katholiken keine Frage, wie sie sich zu verhalten hatten: "Einstimmig hat der Vorstand beschlossen, Kirchenasyl zu gewähren." Dazu wird wohl auch die DVD eines Journalisten beigetragen haben, auf der Bilder zeigen, unter welchen Verhältnissen der bereits abgeschobene Vater in Serbien lebt.
"Das alte Haus war 17 Jahre nicht bewohnt, als Dach gibt es nur eine Plastikplane, es gibt keinen Strom, das Haus ist nicht beheizt", schildert Steinhäuser die Situation und dann fügt er an: "Dort können doch keine Kinder leben."
Sie werden es müssen, wenn die Abschiebung durchgesetzt wird. Damit dies nicht geschieht, leben sie jetzt auf dem Areal der Kirche in der Altstadt. Wo genau, das sagen weder Steinhäuser noch seine Mitarbeiter, die Familie soll sicher vor Entdeckung sein. Reicht der Schutz der Kirche aus? "Das hoffen wir. Es kommt darauf an, die Schwelle hochzulegen. Das Ausländeramt hat einen Ermessensspielraum, den soll es nutzen", sagt Steinhäuser. Und dann postuliert er seinen Grundsatz: "Die Kirche muss da sein, wenn der Mensch in Not ist."
Steinhäuser ist aber auch von dieser Welt und deswegen wünscht er sich Verbündete. "Es wäre gut, wenn OB Erwin sich für die Familie einsetzen würde. Er könnte dann zeigen, dass er mit Augenmaß vorgeht." Gegenüber der WZ hatte der OB bereits vergangene Woche erklärt, dass er sich zu diesem Thema nicht äußern wolle, da ihm die Hände gebunden seien. Die letzte Chance für die Familie ist die Härtefallkommission des Landtages.
Semra Idic weiß nicht viel von Politik, ist aber derzeit schon glücklich, dass sich die Kirche für sie, ihre Schwestern, ihr fünf Jahre altes Brüderchen und ihre Mutter einsetzt. "Es gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, wenn ich weiß, dass uns die Kirche hilft", sagt sie. Dass die Familie nun in einer fremden Wohnung lebt, das stört die Gymnasiastin nicht: "Die letzten fünf Monate waren wir im Asylheim in Wersten, da war es schlimm", erzählt sie. Neben ihr steht ihre Schwester Merina. Sie ist hier geboren und sagt in akzentfreiem Deutsch: "Ich finde es komisch, dass ich weg soll."
Heute morgen um 9 Uhr muss die Familie bei der Ausländerbehörde vorsprechen. Damit ihr nichts geschieht, begleiten sie Freunde zur Behörde.
11.04.06
Von Robert Maus
© Westdeutsche Zeitung
Quelle:
Verlag: Rheinisch-Bergische Druckerei- und Verlagsgesellschaft
mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.86
Datum: Dienstag, den 11. April 2006
Seite: Nr.19