Risiko-Jobs erobern
die Welt
Informell
Beschäftigte auf Rekordniveau / OECD fordert bessere
staatliche
Absicherung
Von Eva Roth
Weltweit haben
die meisten Menschen einen informellen Job, ohne
Arbeitsvertrag
und ohne soziale Absicherung. Die Zahl der
informell
Beschäftigten, die meist extrem schlecht bezahlt
werden, hat
mittlerweile ein Rekordniveau erreicht und wird
weiter
wachsen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht der
Industrieländer-Organisation OECD, der heute in Paris
vorgestellt
wird und dessen zentrale Ergebnisse der Frankfurter
Rundschau vorliegen.
Zurzeit haben
weltweit 1,8 Milliarden Menschen einen informellen
Job -- das
sind 60 Prozent aller Beschäftigten. Viele sind
kleine
Selbstständige, Gemüsehändler oder Schuhputzer. Andere
arbeiten auf
dem Bau oder in Reinigungsfirmen -- sie sind weder
kranken- noch
arbeitslosenversichert. Die meisten werden mit
Hungerlöhnen
abgespeist und verdienen weniger als zwei Dollar am
Tag.
Bis 2020 wird
der Anteil der informell Beschäftigten von 60 auf
zwei Drittel
(rund 67 Prozent) aller Arbeitskräfte steigen,
prophezeit die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und
Entwicklung (OECD) in ihrem Bericht "Ist informell normal?".
Dabei legt sie
ein stabiles Wachstum zugrunde. Durch die globale
Rezession
könnte sich die Lage langfristig noch mehr
verschärfen.
"Kurzfristig wird der Wirtschaftseinbruch die
informelle
Beschäftigung auf jeden Fall wachsen lassen", sagte
Johannes Jutting, einer der Autoren der Studie, der Frankfurter
Rundschau.
Viele Menschen würden ihren angemeldeten Job
verlieren, und
in Entwicklungsländern ohne
Arbeitslosenversicherung seien sie gezwungen, schlecht bezahlte
und völlig
ungeschützte Jobs anzunehmen.
In Argentinien
haben die Bürger um die Jahrtausendwende die
Folgen einer
tiefen Krise leidvoll erlebt: Mehr als die Hälfte
der Menschen fanden nur noch informelle Jobs. Dadurch sei
die
städtische
Armutsquote von zwei auf zehn Prozent gestiegen,
berichtet Jutting.
Was
Wachstumsgläubige noch nachdenklicher machen sollte: Selbst
in
Aufschwung-Zeiten hat sich der informelle Arbeitsmarkt
ausgebreitet.
Der Entwicklungsökonom Jutting nennt Indien als
ein Beispiel:
Dort ist die Wirtschaft über einen längeren
Zeitraum
stetig gewachsen, und zwar um vier Prozentpunkte pro
Jahr. Trotzdem
hätten die Bürger das Gefühl, dass keine besseren
Arbeitsplätze
entstehen -- und sie haben recht. Seit Mitte der
1990er Jahre ist der Anteil der Jobs ohne soziale Absicherung
von 73 auf 83
Prozent gestiegen. Dabei ist die Landwirtschaft,
in der
traditionell viele Bauern ohne sozialen Schutz arbeiten,
gar nicht
berücksichtigt.
Die Politik
muss jetzt rasch handeln, um die Menschen besser zu
schützen und
um die Armut wirkungsvoll zu bekämpfen, fordert die
OECD:
"Schnelle und unkonventionelle Maßnahmen sind dringend
nötig",
betonen die Forscher.
Die Regierungen sollten die alte
Vorstellung aufgeben, dass man
alle Jobs mit
Gewalt in reguläre Arbeitsplätze verwandeln kann.
Nötig sei stattdessen, die informell Beschäftigten nach und nach
besser
abzusichern. So habe es Thailand geschafft, ein
Krankenversicherungssystem für diese Menschen aufzubauen. In
Indien habe
eine Frauenorganisation mit staatlicher Hilfe ein
Versicherungssystem geschaffen.
Kontraproduktiv sei es, mit einer Law-and-Order-Politik
die
Leute selbst
zu bekämpfen -- etwa Straßenhändler einfach aus den
Innenstädten
zu vertreiben. Stattdessen müsse man den Menschen
helfen, zum
Beispiel mit Mikro-Krediten und einem besseren
Zugang zur
Bildung. Die Forscher setzen sich auch für
öffentliche
Beschäftigungsprogramme und mehr staatliche
finanzielle
Hilfen ein. Zuallererst, meint Jutting, muss sich
jedoch in den
Köpfen etwas ändern: Politiker müssen erkennen,
dass Wachstum
nicht ausreicht, um bessere Jobs zu schaffen.
ROTH
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 83)
Datum: Mittwoch, den 08. April 2009
Seite: 14