Republik der Schuldner
20.01.2009 / Inland / Seite 5 jw
Sparkassenverband rechnet mit Anstieg der
Privatinsolvenzen in Deutschland. Online-Beratung soll Hemmschwelle vor
Hilfsangeboten überwinden helfen
Von Frank Brunner
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Die gute Nachricht zuerst: Die Zahl der Bürger, die in
Deutschland ihre Rechnungen nicht mehr zahlen können, hat sich im Jahr 2008
deutlich verringert. So waren nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und
Giroverbandes (DSGV) im Oktober 2008 zirka 470000 Menschen weniger verschuldet
als im Vorjahresmonat. Allerdings – und das ist die schlechte Nachricht – gab
es 2008 hierzulande immer noch 6,9 Millionen Menschen, deren Einkommen nicht
ausreicht, um fällige Rückstände zu begleichen. Insgesamt 97000 Bundesbürger
mußten 2008 sogar Privatinsolvenz anmelden.
Zudem dürfte die Zahl der Schuldner in den nächsten Monaten wieder wachsen.
»Wir gegen davon aus, daß mit dem Wiederanstieg der Arbeitslosigkeit im Zuge
der aktuellen Rezession auch die Überschuldung der Privathaushalte wieder
zunehmen wird«, sagte Karl-Peter Schackmann-Fallis, geschäftsführender Vorstand
des Sparkassenverbandes am Montag in Berlin. Tatsächlich sinken seit Oktober
2008 die Auftragseingänge der Wirtschaft und damit auch die Zahl der
Beschäftigten.
Über zu wenig Arbeit können sich die Schuldnerberatungsstellen dagegen nicht
beklagen. Eine halbe Million Haushalte sei in
Deutschland derzeit akut überschuldungsgefährdet, warnte Werner Sanio,
Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung (BAG-SB). Die
staatliche Finanzierung der Beratung sei dafür völlig unzureichend, kritisierte
er. »Wegen fehlender Personalstellen kann nur jeder achte Schuldner die
Beratungsangebote nutzen«, so Sanio.
Um dennoch einen einfachen Zugang zu seriösen Auskünften zu ermöglichen,
präsentierte Sanio gestern in Berlin ein neues Onlineportal. Unter »www.meine-schuldnerberatung.de«
müssen sich die Nutzer zunächst registrieren. Die eigentliche Beratung erfolgt
dann anonym über eine gesicherte Internetverbindung. Bundesweit beteiligen sich
rund 80 Beratungsstellen an dem Internetdienst. Besonders junge Menschen,
glaubt Sanio, würden eine Kontaktaufnahme online bevorzugen. Voraussetzung ist
allerdings, daß der Telefon- oder Internetanschluß noch nicht gesperrt wurde.
DSGV-Vorstand Schackmann-Fallis empfiehlt Schuldnern daher als ersten Schritt,
sich ein »niedrigschwelliges Haushaltsbuch« anzulegen. »Wer sein Haushaltsbuch
regelmäßig führt, schafft eine gute Grundlage, um mit dem eigenen Geld
auszukommen, Altersvorsorge und Vermögensbildung zu betreiben«, meinte er.
Vorbildlich sind dabei erwartungsgemäß die Schwaben. Während in
Baden-Württemberg immerhin 28 Prozent ein solches Buch führen, seien in
bundesweit nur jedes siebente Paar, bedauerte Schackmann-Fallis.
Die häufigen Ursachen von Überschuldung, Arbeitslosigkeit und ein dauerhaft zu
niedriges Einkommen, dürfte indes auch ein Haushaltsbuch nicht beseitigen.
Allein in den letzten zehn Jahren stieg der Anteil der Geringverdiener unter
den Beschäftigten von 15 auf über 22 Prozent. Die Zahl der überschuldeten
Haushalte hat sich seit 1990 verdoppelt. Nach Angaben von BAG-SB-Vorstand Sanio
sind es derzeit 3,1 Millionen.