Reiche Länder, arme Kinder
In den Industriestaaten mangelt es nicht nur an finanzieller Unterstützung, sondern an Bildung und Zuwendung
Kinderarmut hat in den meisten Industrieländern im vergangenen Jahrzehnt zugenommen. An höchsten ist sie in Mexiko und den USA, Deutschland liegt in der Mitte der Tabelle. Am geringsten ist Kinderarmut in Dänemark und Finnland.
VON KARL-HEINZ BAUM
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Berlin · 1. März · Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hat am Dienstag einen Vergleich zur Kinderarmut in 25 Industrieländern vorgelegt. Nach dem EU-Maßstab, an den sich Unicef hält, gilt als arm, wessen Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens in seinem Land beträgt. Die Unicef-Studie fordert die Industrieländer auf, ihre Haushalts- und Sozialpolitik an den Bedürfnissen der Kinder auszurichten. Die Regierungen müssten das Zusammenwirken der Faktoren beeinflussen, die das Wohlergehen der Kinder bestimmen: Familie, Markt und Staat. Kinder vor Entbehrungen und Ausgrenzung zu schützen sei Kennzeichen zivilisierter Gesellschaften, verbessere aber auch den Lebensstandard und den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft. Ärmeren Kindern fehle es nicht nur an materiellen Dingen, sondern auch an Zuwendung, Erziehung und Bildung.
Im übrigen sollten sich alle Industrieländer vornehmen, Kinderarmut auf eine Quote von unter zehn Prozent zu bringen. Nach der Unicef-Studie gilt das für 15 der untersuchten Länder, auch für Deutschland. Die Sozialforscher aus dem Institut Innocenti in Florenz stellen einen Zusammenhang zwischen hohen Sozialausgaben und geringer Kinderarmut fest. In Ländern, die weniger als fünf Prozent ihres Haushalts für Soziales ausgeben, liege die Kinderarmut bei über 15 Prozent. Doch an den Beispielen Frankreich und Großbritannien zeigen die Wissenschaftler die unterschiedlichen Wirkungen hoher Sozialausgaben auf die Kinderarmut auf. Frankreich habe ein breites System sozialer Unterstützung, nicht auf Altersgruppen begrenzt; Großbritannien unterstütze gezielt Familien mit kleinen Kindern und geringen Einkommen; die Hilfe gehe zwar dorthin, wo sie gebraucht werde; offenbar lähme sie aber Eigeninitiativen.
Krasse Unterschiede
In den Industrieländern drohe vor allem Kindern von Arbeitslosen, von Alleinerziehenden und von Migranten Armut. Daten aus 13 Ländern zeigten allerdings, dass Frauen immer besser ausgebildet seien und der Anteil berufstätiger Mütter zunehme. Dennoch sei meist das Familieneinkommen gleich geblieben. Das liege daran, dass vor allem am unteren Ende der Lohnskala - unteres Zehntel - die Einkommen in den neunziger Jahren zum Teil drastisch gesunken seien, in Ungarn um gut drei Viertel.
Unicef stellt in den Industrieländern "krasse Unterschiede" bei der Kinderarmut fest. Nach Dänemark (2,4 Prozent) und Finnland (2,8 Prozent) haben die beiden andern skandinavischen Staaten Norwegen und Schweden mit 3,4 und 4,2 Prozent wenig Kinderarmut. Als erstes osteuropäisches Land folgt Tschechien mit 6,8, gleich auf mit der Schweiz. Auch Ungarn liegt mit 8,8 Prozent vor Deutschland mit 10,2; hier lebt also jedes zehnte Kind in Armut. Italien, Irland, Portugal und Großbritannien haben mit Quoten zwischen 16,6 und 15,4 die höchsten Anteile von Kinderarmut in der Europäischen Union.
Den Briten gelang es in den neunziger Jahren aber, den letzten Platz in Europa zu verlassen; sie konnten die Kinderarmut bei sich von 18,5 Prozent - also fast jedes fünfte Kind - auf 15, 4 Prozent (nicht einmal jedes sechste Kind) senken. Auch in den USA, Norwegen und Australien sank Kinderarmut zwischen 2,4 und 1,7 Prozentpunkten. Doch in den meisten Industriestaaten nahm sie erheblich zu, am stärksten in Polen (+4,3), Luxemburg, Tschechien und Belgien (+3,9). Mit 2,7 Prozentpunkten Zuwachs gehört Deutschland mit zu den am stärksten betroffenen Ländern.
Grundsätzlich kommt die Studie zum Schluss, in den Industrieländern seien Kinder kein Armutsrisiko. Die Regierungen hätten es selbst in der Hand, ob Kinder in Armut aufwachsen müssten, sagte der Verfasser der Studie, der Brite Peter Adamson. Die Studie warnt aber nachdrücklich, Schritte gegen Kinderarmut auf das Einkommen der Eltern auszurichten. Der Maßstab eigne sich für internationale Vergleiche. Doch Maßnahmen gegen Kinderarmut müsse jedes Land für sich nach eigenen Maßstäben treffen, damit Kinder nicht ausgegrenzt werden, sondern ihren Platz in der Gesellschaft finden.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Dokument erstellt am 01.03.2005 um 17:08:12 Uhr
Erscheinungsdatum 02.03.2005
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