Reiche sollen mehr abgeben
Synode der evangelischen Kirche
debattiert über Armut
Die Synode der Evangelischen Kirche
(EKD) in Deutschland hat zum entschlosseneren Kampf
gegen Armut aufgerufen. Die 120 Delegierten des Kirchenparlaments debattierten
am Montag in Würzburg das Schwerpunktthema „Gerechtigkeit erhöht ein Volk –
Armut und Reichtum“.
Würzburg · Die Heftigkeit der derzeit
geführten Armuts-Debatte in Deutschland sei überraschend, befand Katrin GöringEckardt, Mitglied der EKD-Synode. Die Erkenntnisse,
die die jüngste Diskussion ausgelöst hätten, seien ja keineswegs neu, sagte die
Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags: „Gerade Kirche
und Diakonie haben immer wieder und seit langem auf eine sich verfestigende
Armut in Deutschland hingewiesen.“
Nun drohe die dauerhafte Spaltung der
Gesellschaft in die „Produktiven“ und die „Überflüssigen“, sagte
Göring-Eckardt. Bei ihren Überlegungen, wie dem entgegengesteuert werden könne,
habe die evangelische Kirche sich verstärkt auf den Aspekt Reichtum
konzentriert, weil dieser in der Diskussion bislang „unterbelichtet“ sei.
Im Entwurf einer „Kundgebung“ (eine
öffentliche Erklärung) zum Schwerpunktthema, den Göring-Eckardt als Vorsitzende
des Vorbereitungsausschusses einbrachte, fordert die Synode unter anderem:
„Reichtum verpflichtet“. Weiter heißt es, „Besitzer hoher Einkommen und
Vermögen“ müssten stärker als in den vergangenen Jahren Verantwortung für das
Gemeinwesen übernehmen „und dafür vom Staat auch in die Pflicht genommen
werden“. Dazu sollten „entsprechende steuerliche Möglichkeiten“ überprüft
werden. Ferner müsse „Kindern aus nichtprivilegierten
Elternhäusern“ Chancengleichheit ermöglicht werden.
Konkret schlug Göring-Eckardt etwa eine
„Kinderfreizeitkarte“ vor. Sie soll als monatlicher Gutschein für Sportkurse
oder Unterricht an der Musikschule Kindern die Chance bieten, Potenzial und
Talente zu entdecken und auszubauen.
Aus Sicht der Christen könne es nicht
darum gehen, dass die Reichen den Armen etwas abgeben, ohne selbst viel davon
zu merken, sagte Göring-Eckardt. Sie betonte aber auch wiederholt, dass
Reichtum an sich „nichts Verwerfliches“ sei: „Die Frage ist nur: Wie geht man
damit um?“ Es gehe um „gerechtes Teilen und rechte Teilhabe“ – und nicht
zuletzt um Respekt.
Steuern für Arbeitsmarkt gefordert
Zuvor hatte Uwe Becker,
Vorstandssprecher des Diakonischen Werks im Rheinland, einen steuerpolitischen
Kurswechsel gefordert, um einen zweiten Arbeitsmarkt zu finanzieren. Die
Hauptursache für die mangelnde Arbeitsmarktintegration seien „strukturelle
Defizite“, sagte Becker: „Wenn etwa sieben Millionen Erwerbssuchenden, von
denen gut vier Millionen als arbeitslos registriert sind, knapp 600 offene
Stellen gegenüberstehen, dann ist diese Lücke nicht allein bildungspolitisch zu
schließen.“ Als möglichen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit nannte er etwa
eine Erhöhung der Erbschaftsteuer.
Erklärungen für die Armut dürften nicht
bei den „Opfern“ gesucht werden, mahnte Becker. Das „psychosoziale Klima der
Stigmatisierung von arbeitslosen Menschen“ richte großen Schaden an. Das
könnten Mitarbeiter der Diakonie aus der Praxis berichten. Die Synode
diskutiert das Entwurfspapier zur Kundgebung nun und wird in den kommenden
Tagen einen Beschluss darüber fassen. Sabine Hamacher
HAMACHER
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 259)
Datum: Dienstag, den 07. November 2006
Seite: 5
Treffen im Zeichen der Armut
VON BENJAMIN LASSIWE
Würzburg Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) darf sich nicht damit abfinden,
dass in Deutschland wenige Menschen in Reichtum leben, während viele immer mehr
unter Armut leiden. Das forderte Bundestagsvizepräsidentin Katrin
Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) gestern in Würzburg. Die Politikerin ist
Mitglied der 120 Delegierte umfassenden EKD-Synode, des bundesweiten
Kirchenparlaments der deutschen Protestanten, das noch bis Donnerstag unter dem
Motto „Gerechtigkeit erhöht ein Volk - Armut und Reichtum“ über die „neue
Armut“ in Deutschland beraten will.
Nötig sei daher eine gleichmäßigere Besteuerung aller
Einkommensarten und ein Abbau von Steuerschlupflöchern. Daneben schlug die
Politikerin vor, eine „Kinderfreizeitkarte“ zu schaffen: Eltern aus wohlhabenderen Familien sollten dafür spenden, dass Kinder
aus armen Haushalten an Sportkursen teilnehmen können und Musikunterricht
erhalten. „Das Kind, das sich dadurch nur eine Stunde pro Woche mit jemandem
außerhalb seines Milieus unterhält, hat jedenfalls etwas gewonnen.“
Auf Widerspruch stießen die Forderungen der Bundestagsvizepräsidentin
allerdings bei dem Berliner Theologen und SPD-Politiker Richard Schröder. Das
Mitglied des Nationalen Ethikrats verwies darauf, dass es im Osten nicht viele
Millionäre gebe. Vielmehr sei das Problem die fehlende wirtschaftliche Dynamik:
„Das knappe Gut sind Geschäftsideen, die funktionieren.“ Schon am Sonntag hatte
der EKD-Ratsvorsitzende, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, in seinem Bericht
vor der Synode beklagt, dass eine wachsende Gruppe von Menschen heute von der
gesellschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen sei. Dabei wandte er sich auch
gegen die Verwendung des Begriffs „Unterschicht“.
„Mit ihm werden die Menschen so an ihre derzeitige Lage angekettet, als lasse
sich daran nichts ändern“, beklagte der EKD-Ratsvorsitzende. „Es gehört aber
zur Freiheit und Würde jedes Menschen, die Chance zu haben, durch sein eigenes
Bemühen Arbeit und Bildung zu erlangen.“
Heute wollen die Kirchenparlamentarier über die geplanten Strukturreformen im
deutschen Protestantismus beraten und den Haushalt der EKD beschließen.
- /BENJAMIN LASSIWE
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.258
Datum: Dienstag, den 07. November 2006
Seite: Nr.7