Psychologen sehen
jedes fünfte Kind in seelischer Not
Experten führen
wachsende Ängste und Depressionen auf Leistungsdruck
zurück / Studien
belegen Zusammenhang zwischen Auffälligkeiten und
sozialer Schicht
Armut macht
krank -- auch psychisch.
Auf den Satz
lassen sich Studien über die Gesundheit von Kindern
und
Jugendlichen reduzieren. So leiden Kinder aus
sozial
schwachen Schichten häufig an Übergewicht, motorischen
Problemen
und psychischen
Auffälligkeiten.
Frankfurt a.
M. · Bei Essstörungen ist nach einer Studie des
Robert-Koch-Instituts (RKI) der Anteil der Jugendlichen mit
niedrigem sozioökonomischen Status mit 27,6 Prozent fast
doppelt
so hoch wie der
in den oberen Sozialschicht (15,5 Prozent). Sie
sind häufiger
psychisch auffällig, neigen zur Depression,
rauchen öfter
und sind mit ihrem Selbstbild unzufrieden. Am
Mittwoch
werden die RKI-Wissenschaftler beim Deutschen
Ärztetag
in Münster
weitere Details der Kiggs-Studie vorstellen, für die
rund 17 600
Kinder und Jugendliche im Alter von einem bis 17
Jahren
untersucht wurden.
Nach
Erkenntnissen des Berufsverbands Deutscher Psychologen
(BDP) leidet
jedes fünfte Kind in Deutschland unter seelischen
Problemen.
Mindestens ein Drittel dieser Heranwachsenden müsse
dringend
behandelt werden. Sie haben vor allem Angststörungen,
depressive
Verstimmungen und Probleme im Sozialverhalten.
Die
Psychologen schlagen in dem nationalen Bericht zur Kinder-
und
Jugendgesundheit Alarm. Die Zahl von Mädchen und Jungen mit
psychischen
Störungen wächst. Hatten in den 80er Jahren 15
Prozent
Probleme, sind es jetzt etwa 20 Prozent. Verantwortlich
dafür ist der
gestiegene Leistungsdruck: Vom Nachwuchs wird in
der Schule
mehr verlangt.
Auch Eltern
erwarten mehr von ihren Sprösslingen. In der Folge
häufen sich
Berichte über ausgebrannte 18-Jährige
(Burn-out-Syndrom). Sie wollen allen alles recht machen und
verausgaben
sich.
Wirtschaftslage prägt Lebensgefühl
Neben dem
Leistungsdruck spielt laut Shell-Studie auch die
Wirtschaftslage eine Rolle. Der Mangel an Ausbildungsplätzen und
Jobs
beeinflusst das Lebensgefühl der Jugendlichen. Zwei Drittel
von ihnen hat
Angst vor Armut und sozialem Abstieg.
Entscheidender
als das gesellschaftliche Klima ist nach Ansicht
des
Kinderpsychiaters Fritz Poustka das Zusammenspiel von
genetischer
Prägung und sozialen Einflüssen wie Erziehungsstil.
Häufig bekämen
Kinder erst eine
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), wenn ihre
Eltern sie
dauerhaft anbrüllten, sagt der Leiter der Kinder- und
Jugendpsychiatrie des Johann Wolfgang Goethe-Universitätkliniums
in Frankfurt.
Weitere Risikofaktoren für Kinder:
Migrationshintergrund, bildungsferne Haushalte,
Ehescheidung.
Fast alle
psychischen Erkrankungen wie Ängste oder Depressionen
resultierten
aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren.
Darin ist Poustka sich im wesentlichen mit
dem BDP einig. Er
widerspricht
den Psychologen allerdings bei deren Analyse, in
Deutschland
gebe es nicht genügend Hilfen für psychisch kranke
Kinder. Poustka spricht von einer Fehlversorgung. Seiner Ansicht
nach müssten
die vorhandenen Ressourcen aus Psychotherapeuten
und
Ergotherapeuten, Psychologen und Sozialpädagogen lediglich
besser
vernetzt werden.
Verband: Zu
wenig Therapeuten
Der BDP
hingegen weist darauf hin: In Sachsen-Anhalt gibt es nur
zwei
niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.
Außerdem sei
Deutschland in Europa Schlusslicht bei der
Versorgung mit
Schulpsychologen. Auch dies sein ein Grund dafür,
dass 83
Prozent der psychischen Erkrankungen bei Kindern nicht
erkannt
würden. Bei über der Hälfte der Fälle wirke sich dies
noch im
Erwachsenenalter aus. A. Schwarzkopf
SCHWARZKOPF
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 112)
Datum: Dienstag, den 15. Mai 2007
Seite: 5