Private Pleitewelle

 

WIRTSCHAFT / Weniger Firmenkonkurse, aber Amtsgericht rechnet dieses Jahr allein mit 1400 Insolvenzverfahren.

Immer mehr Menschen "geht es finanziell schlecht und sie rutschen in den privaten Konkurs," berichtet Professor Helmut Rödl von der Wirtschaftsauskunftei "Creditreform". Das belegt auch das Amtsgericht: Im gesamten vorigen Jahr wurden 1213 private Insolvenzen eingeleitet, in den ersten sechs Monaten diesen Jahres waren es bereits 746 - "Tendenz steigend", so Sprecher Clemens Peter Bösken.

Vor zwei Jahren, so Bösken, gab es sogar nur 1000 Verfahren der Privatinsolvenz. In diesem Jahr werden es weit mehr als 1400 sein, "denn erfahrungsgemäß nehmen die Anträge zum Ende des Jahres stark zu," so Böskens.

Zum Vergleich: Die Unternehmenskonkurse in der Stadt gingen von 188 auf 130 (seit Januar 2006) zurück - die so genannten Ich-AGs zählen dazu. Nicht registriert sind dabei aber die "stillen Löschungen" aus dem Handelsregister - wenn also Inhaber die Firma ohne Schuldenberg aufgeben.

"Viel zu wenige gehen zur Schuldnerberatung"

Laut "Creditreform" können 80 Prozent der Haushalte bei ihrem Insolvenzverfahren gar nichts mehr an ihre Gläubiger bezahlen. Sie haben immense Schulden bei Banken, Vermietern, Telefongesellschaften und dem Versandhandel, so Rödl. Mehr als ein Viertel der Pleitehaushalte steht mit 10 000 bis 25 000 Euro in der Kreide, bei einem Zehntel haben sich die Miesen sogar auf 100 000 Euro summiert. Rödl kritisiert allerdings, "dass manche Schuldner bis zu 18 Monaten auf ein privates Insolvenz-Verfahren warten. Und viel zu wenige gehen zur Schuldnerberatung."

Die Stadt sammelt zurzeit die Daten aller fünf Schuldnerberatungen für eine Analyse nach der Sommerpause. Allein bei der Verbraucherzentrale haben vergangenes Jahr 3461 Menschen nachgefragt, weil sie nicht mehr zahlungsfähig waren. "Davon kamen 310 zu einer intensiven Beratung, und mit 147 haben wir schließlich ein Verfahren vor dem Amtsgericht eröffnet," berichtet Schuldenberaterin Bettina Seidel.

Beim privaten Konkurs verpflichtet sich der Schuldner, in den nächsten sechs Jahren keine Schulden mehr zu machen und einen Teil der Forderungen an die Gläubiger zurück zu zahlen. Dann können ihm die restlichen Schulden erlassen werden.


28.06.2006    JO ACHIM GESCHKE