Prinzip
Reichtumsmehrung
18.06.2009 / Thema / Seite 10Inhalt
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Hintergrund. 60 Jahre Armut in der BRD:
Reichtum wird von der Staatsmacht gefördert, das dadurch
wachsende Elend ideologisch verharmlost, verdrängt und kriminalisiert. Von
Christoph Butterwegge
Mit der CDU-FDP-Regierung unter Helmut Kohl wurde die als
»geistig-moralische Wende« ideologisch aufgeladene
Umverteilung von
unten nach oben zur Grundlage der Politik (Strausberg,
28.5.1994)
Foto: dpa
Armut hat in (West-)Deutschland selten oder nie den
Aufmerksamkeitsgrad
gefunden, der ihr eigentlich gebührt. Vielmehr wurde sie mit
dem Ziel
kleingeredet, die sich tendenziell
immer stärker ausprägende soziale
Ungleichheit zu rechtfertigen. Zuletzt avancierte »Armut in
Deutschland«
zwar von einem Tabu- beinahe zu einem Topthema, das in
Talkshows über
die Wirkung der sogenannten Hartz-Gesetze, die Benachteiligung von
Kindern und Familien, den Zerfall der Mittelschicht, die zu
erwartenden
Folgen der Weltfinanzkrise oder die Angst vieler Menschen
vor einem
sozialen Absturz sehr häufig erörtert wird. Man spricht
jetzt zwar viel
mehr darüber, nimmt Armut jedoch weiterhin nicht als
gesellschaftliches
Kardinalproblem wahr bzw. ernst.
Da im ersten Nachkriegsjahrzehnt praktisch sämtliche
Bevölkerungsschichten unter den massiven Zerstörungen,
sozialen
Verwerfungen und materiellen Entbehrungen litten, die das
Alltagsleben
bestimmten, lag es nahe, weniger die gesellschaftlichen
Interessengegensätze als die gemeinsamen Unsicherheiten und
Zukunftsängste zu betonen. Extreme Armut, die sich in
Massenelend,
Wohnungslosigkeit und Hungersnot äußerte, wurde daher selten
als eine
Folge der Klassenspaltung, überkommener
Herrschaftsverhältnisse oder
ungleicher Verteilungsrelationen, sondern eher als von den
Alliierten
oktroyierte und von der Bundesregierung nicht unmittelbar zu
beeinflussende Kriegslast betrachtet.
In dem nur durch leichte konjunkturelle Rückschläge
unterbrochenen
westdeutschen Wirtschaftsaufschwung der 50er und frühen 60er
Jahre ging
die Massenarmut schnell zurück, wenngleich das Armutsproblem
nie
verschwand. Je mehr Bevölkerungsgruppen im Laufe des relativ
stetigen
Wirtschaftsaufschwungs wenn auch zum Teil
unterdurchschnittlich am
gesellschaftlichen Wohlstand beteiligt wurden, umso weniger
Aufmerksamkeit fand die Armut der übrigen. »Armut«
entwickelte sich aus
einem Reizwort im Kalten Krieg während der
Prosperitätsperiode mehr und
mehr zu einem politischen Unwort. Wer die Vokabel »Armut«
trotzdem in
den Mund nahm und damit nicht die soziale Notlage der
Entwicklungsländer
meinte, war als Kommunist verschrien und wurde aufgefordert,
»nach
drüben« zu gehen, d.h., in die DDR überzusiedeln.
Soziologen verzichteten jahrzehntelang fast ganz darauf,
sich mit dem
Problem auseinanderzusetzen. Da man weder von der
Bundesrepublik als
Klassengesellschaft noch über die Gesellschaftsklassen
sprechen wollte,
schwieg man auch über die Armut. Kaum hatte sich die
Kennzeichnung der
westdeutschen Ökonomie als »Soziale Marktwirtschaft«
durchgesetzt und
dem Nachkriegskapitalismus ein positives Image verliehen,
machte Helmut
Schelsky, seinerzeit Professor für
Soziologie an der Hamburger Akademie
für Gemeinwirtschaft, mit einer Legitimationsformel
regelrecht Furore,
welche die Bundesrepublik Deutschland als »nivellierte
Mittelstandsgesellschaft« charakterisierte. Nivelliert, also
ausgeglichen, seien nicht nur die Klassengegensätze, schrieb
Schelsky
1953, sondern auch die Realeinkommen, der Geschmack und der
Lebensstil.
Entgegen Schelskys Annahmen waren
Klassen und Schichten weder durch die
»Volksgemeinschaft« der Nationalsozialisten noch durch das
»Wirtschaftswunder« der Nachkriegszeit zum Verschwinden
gebracht, die
damit verbundenen Interessengegensätze und strukturell
bedingten
Konflikte vielmehr nur materiell überdeckt bzw. ideologisch
verschleiert
worden. Darüber nicht mehr zu sprechen hieß nicht, sie für
immer zu
überwinden, sondern die fortbestehenden Antagonismen zu
zementieren. Je
mehr die westdeutsche Gesellschaft, statt ihre
widersprüchliche Realität
und sozial heterogene Zusammensetzung zu akzeptieren, ein
Zerrbild von
sich selbst entwickelte, in dem weder Raum für nennenswerte
Armut noch
für großen Reichtum war, umso weniger war sie fähig, soziale
Polarisierungstendenzen in ihrer Mitte auch nur
wahrzunehmen, von der
Bereitschaft, dieser Entwicklung konsequent
entgegenzusteuern, ganz zu
schweigen.
Erst im Gefolge der Rezession 1966/67 einerseits sowie der
Schüler- und
Studentenbewegung bzw. der Außerparlamentarischen Opposition
(APO)
andererseits wurde die Armut in der Bundesrepublik wieder
öffentlich
wahrgenommen und zumindest ansatzweise in Politik,
Fachpublizistik und
Sozialwissenschaften thematisiert. Nach der Bildung einer
sozialliberalen Koalition unter Führung Willy Brandts (SPD)
im Herbst
1969 schien die Gefahr der Verarmung größerer
Bevölkerungsgruppen
aufgrund zahlreicher Reformen im Bereich der Wirtschafts-
und
Sozialpolitik vorerst gebannt zu sein. Dies änderte sich
während der
Weltwirtschaftskrise 1974/75, die zu einem Kurswechsel in
der
westdeutschen Sozialpolitik führte: Durch zuerst noch
relativ
geringfügige Leistungskürzungen und eine schrittweise
Verschärfung der
Anspruchsvoraussetzungen wollte man die öffentlichen
Finanzen
konsolidieren und gleichzeitig die privaten Investitionen
stimulieren.
Kohl: Gegen
Arbeitslose und Arme
Die »geistig-moralische Wende«, von der Bundeskanzler Helmut
Kohl (CDU)
sprach, brachte für Arme und sozial Benachteiligte weniger
Unterstützung
in schwierigen Lebenslagen, mehr Mißbrauchsvorwürfe
an ihre Adresse und
einen stärkeren (Kontroll-)Druck der zuständigen Behörden.
Die neue
»Koalition der bürgerlichen Mitte« betrieb eine auf
Umverteilung »von
unten nach oben« gerichtete Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Vor allem
ihre Steuerpolitik sorgte dafür, daß
sich die Einkommensverteilung zu
Lasten von abhängig Beschäftigten, deren Reallöhne sanken,
und ihren
Familien verschob, während begünstigt wurde, wer Einkünfte
aus
Unternehmertätigkeit und Vermögen erzielte.
Während der 80er Jahre vollzog sich in der »alten«
Bundesrepublik eine
tiefgreifende soziale Spaltung
zwischen Beschäftigten und Erwerbslosen,
deren materielle Schlechterstellung zuerst im
Gewerkschaftsbereich
registriert und als »neue Armut« etikettiert wurde. Auch im
etablierten
Wissenschaftsbetrieb blieb das Anwachsen der Armut nicht
ohne Echo.
Zumindest nahm die Zahl einschlägiger Veröffentlichungen in
diesem
Zeitraum gegenüber den vorangegangenen Dezennien zu.
Der Münchner Soziologe Ulrich Beck sprach 1986 in seinem
Buch
»Risikogesellschaft« von einem sozialen »Fahrstuhleffekt«,
der alle
Klassen und Schichten nach dem Zweiten Weltkrieg »insgesamt
eine Etage
höher gefahren« habe. Während am Beginn der Bundesrepublik
ein
»kollektiver Aufstieg« gestanden habe, seien die 80er Jahre
von einem
»kollektiven Abstieg«, einem »>Fahrstuhleffekt< nach
unten«
gekennzeichnet. Dabei übersah Beck allerdings, daß sich Gesellschaften
nicht gleichförmig entwickeln und ein Paternostereffekt
dominiert: In
demselben Maße, wie die einen nach oben gelangen, geht es
für die
anderen nach unten. Mehr denn je existiert im Zeichen der
Globalisierung
bzw. der neoliberalen Modernisierung ein soziales Auf und
Ab, das
Unsicherheit und Existenzangst für eine wachsende Zahl von
Menschen mit
sich bringt.
Not im
»Vereinigungsboom«
Mit den von SPD und Grünen
verabschiedeten »Hartz-Ges
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Mit den von SPD und Grünen verabschiedeten »Hartz-Gesetzen« wird ein
großer Teil der Bevölkerung in die Armut gestoßen
(Demonstration gegen
Hartz IV in Berlin, 3.2.2007)
Foto: dpa
Durch den Zusammenschluß von BRD
und DDR am 3. Oktober 1990 bekam die
Armut in Deutschland ein anderes Gesicht. Das soziale
Problemfeld der
Arbeitslosigkeit wie der Armut verlagerte sich stärker nach
Osten,
wohingegen das Altbundesgebiet sogar von einem mehrjährigen
»Vereinigungsboom« profitierte. Die neue Armut war ein
Strukturproblem,
das (in seiner ganzen Brisanz) entweder nicht erkannt oder bewußt
negiert wurde. Systematisch unterschätzte man das Ausmaß der
Armut in
Ostdeutschland, von welcher besonders Kinder betroffen
waren. Da die
Politik weder durch eine allgemeine soziale Grundsicherung
noch durch
Schritte der Umverteilung »von oben nach unten« gegensteuerte,
verfestigte sich die seit der »Wende« in Ostdeutschland
auftretende
Armut und führte zu einer dauerhaften Unterversorgung vieler
Menschen.
Sie war weder eine soziale Erblast des SED-Regimes noch eine
bloße
»Randerscheinung des Vereinigungsprozesses«, so der
CDU-Politiker Kurt
Biedenkopf, sondern Resultat einer Implementierung der
kapitalistischen
Wirtschaftsstruktur, die ohne ausreichende Sensibilität für
die Belange
der ehemaligen DDR-Bürger erfolgte sowie durch arbeitsmarkt-
und
beschäftigungspolitische Maßnahmen bloß abgefedert wurde.
Obwohl der Kalte Krieg für den Westen »siegreich« beendet
und der
Systemgegensatz 1989/90 überwunden war, sahen manche
Beobachter die
erweiterte Bundesrepublik bzw. deren Wohlstand durch
internationale
Entwicklungen und Migrationsbewegungen
von außen gefährdet. Die
emotional aufgeladene Asyldebatte 1991/92 drehte sich um den
angeblich
massenhaften Mißbrauch der
Sozialhilfe durch »Wirtschaftsasylanten«. Die
kampagnenartig geführte Asyldebatte fand ihre Fortsetzung
und Vertiefung
in einer Standortdiskussion, die den »Um-« bzw. Abbau des
Sozialstaates
ideologisch vorbereitete und begleitete.
Die neoliberale Wohlfahrtsstaatskritik bemängelte
Überversorgung und
»Schmarotzertum« der Armen, richtete ihren Hauptstoß jedoch
gegen das
System der sozialen Sicherheit. Man bezichtigte den
Wohlfahrtsstaat, die
Armut nicht ernsthaft zu bekämpfen, sondern zu erzeugen oder
zu
vergrößern. Außer neoliberalen Ökonomen, Kapitalverbänden
und von ihnen
beeinflußten Meinungsbildnern vertraten auch konservative Politiker
solche Positionen. Wer den Wohlfahrtsstaat als zu freigiebig
im Umgang
mit Steuergeldern und als zu großzügig gegenüber den
Transferleistungsbeziehern darstellt, schadet den Armen, die
auf ihn
existentiell angewiesen sind.
»Agenda 2010«
und Hartz IV
In ihrer am 20. Oktober 1998 geschlossenen
Koalitionsvereinbarung mit
dem Titel »Aufbruch und Erneuerung -- Deutschlands Weg ins
21.
Jahrhundert« versprachen SPD und Bündnis 90/Die Grünen eine
armutspolitische Kurskorrektur: »Die Bekämpfung der Armut
ist ein
Schwerpunkt der Politik der neuen Bundesregierung. Besonders
die Armut
von Kindern muß reduziert werden.« Wer gehofft hatte, die »rot-grüne«
Koalition werde eine ganz andere Sozialpolitik als ihre
Vorgängerin
machen und die Armen davon profitieren, sah sich jedoch
getäuscht.
Am 14. März 2003 gab der damalige Bundeskanzler Gerhard
Schröder (SPD)
vor dem Bundestag eine Regierungserklärung ab, die eine
Arbeitsgruppe
unter Mitwirkung des damaligen Kanzleramtsministers
Frank-Walter
Steinmeier entworfen hatte und den Namen »Agenda 2010« trug.
Deutschland
kämpfe, sagte Schröder am Beginn seiner Rede, mit einer
Wachstumsschwäche, die nicht zuletzt strukturell bedingt
sei. Deshalb
müsse seine Regierung entschlossen handeln, um die
Rahmenbedingungen für
mehr Wachstum und Beschäftigung zu verbessern: »Wir werden
Leistungen
des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr
Eigenleistung
von jedem einzelnen abfordern müssen. Alle Kräfte der
Gesellschaft
werden ihren Beitrag leisten müssen: Unternehmer und
Arbeitnehmer,
freiberuflich Tätige und auch Rentner.« Daß
keineswegs alle Gruppen »den
Gürtel enger schnallen« mußten,
Einkommen und Vermögen der
Kapitaleigentümer und Spitzenverdiener vielmehr überproportional
zunehmen sollten, verschwieg Schröder.
Bei den Protestaktionen gegen das Vierte Gesetz für moderne
Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (»Hartz
IV«) im Herbst 2004 spielte die
PDS-Parole »Armut per Gesetz« eine Schlüsselrolle.
Beschönigend als
»Zusammenlegung mit der Sozialhilfe« bezeichnet, bildete die
Abschaffung
der Arbeitslosenhilfe einen Rückschritt in der Entwicklung
des Arbeits-
und Sozialrechts, zumal sie mit einer Abschiebung der
Langzeitarbeitslosen in die Wohlfahrt einherging. War die
Arbeitslosenhilfe noch eine Lohnersatzleistung, die sich
selbst Jahre
oder Jahrzehnte später nach der Höhe des vorherigen
Nettoverdienstes
richtete, ist das Arbeitslosengeld II genauso niedrig wie
die
Sozialhilfe, weshalb es besser »Sozialhilfe II« heißen
würde.
Seit der Begriff »Bildungsarmut« um die Jahrtausendwende in
die
Fachdebatte eingeführt wurde, tut man so, als könne eine
gute Schul-
oder Berufsausbildung verhindern, daß
Jugendliche ohne Arbeitsplatz
bleiben. Tatsächlich verhindern Bildungsdefizite vielfach, daß junge
Menschen auf dem Arbeitsmarkt sofort Fuß fassen. Bildung ist
jedoch
keine Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut, zumal sie immer
mehr zur
Ware verkommt. Denn wenn alle Kinder und Jugendlichen
bessere
Bildungsmöglichkeiten erhalten, konkurrieren sie am Ende
womöglich auf
einem höheren Bildungsniveau, aber nicht mit besseren
Chancen um
weiterhin fehlende Lehrstellen und Arbeitsplätze. Dann gibt
es zwar mehr
Taxifahrer mit Abitur oder Hochschulabschluß,
aber nicht weniger Arme.
Zweifellos ist es skandalös, daß
Kinder aus sozial benachteiligten
Familien erheblich weniger gute Bildungschancen haben als
Zöglinge der
besonders Gutsituierten und auf diesem für ihren ganzen
Lebens- und
Berufsweg zentralen Feld stärker diskriminiert werden als in
fast allen
übrigen entwickelten Industriestaaten. Ursache und Wirkung
dürfen
allerdings nicht vertauscht werden, indem man so tut, als
führten
ausschließlich oder hauptsächlich mangelnde Bildungsanstrengungen
zu
materieller Armut. Obwohl es meistenteils umgekehrt ist,
fällt sonst
ausgerechnet den Betroffenen im Sinne eines individuellen
Versagens (der
Eltern) die Verantwortung dafür zu, während
gesellschaftliche
Strukturzusammenhänge aus dem Blick geraten.
Armut ist mehr als Geldmangel, der durch finanzielle
Zuwendungen behoben
werden könnte. Denn sie führt zu vielfältigen
Benachteiligungen,
Beeinträchtigungen und Belastungen, etwa im Bildungs-,
Kultur- und
Freizeit- wie auch im Gesundheits- und im Wohnbereich.
Dieser Umstand
hat es materiell besser gestellten Schichten immer schon
erleichtert,
die Armen nach dem Motto »Geld macht ohnehin nicht
glücklich« regelrecht
zu verhöhnen, verleitet jedoch heute noch Kommentatoren
dazu, Armut zu
subjektivieren bzw. zu
individualisieren und sie auf Sozialisations-
bzw. Kulturdefizite oder die »Bildungsferne« der Betroffenen
zurückzuführen.
Die »neue
Unterschicht«
Den bisher mit Abstand größten Medienhype
um das Thema »Armut« gab es im
Oktober 2006, als der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck in
einem
Interview eher beiläufig den Begriff »Unterschichtenproblem«
fallen
ließ. Beck warf den Unterschichtangehörigen vor, »kein
Interesse mehr am
Aufstieg durch Bildung« zu haben, und verlangte am 12.
Dezember 2006 von
Henrico Frank, einem Erwerbslosen, der ihn bei einem
Wahlkampftermin auf
dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt ansprach und um Hilfe bei
der
Stellensuche bat: »Waschen und rasieren Sie sich erst mal
..., dann
finden Sie auch Arbeit!«
Becks Parteigenosse Franz Müntefering wiederum leugnete als
zuständiger
Bundesarbeits- und Sozialminister schlicht die Existenz
einer
Klassenspaltung und einer Schichtstruktur, als er sich gegen
eine solche
»Einteilung der Gesellschaft« verwahrte und zur Begründung
sagte: »Es
gibt keine Schichten in Deutschland. Es gibt Menschen, die
es schwerer
haben, die schwächer sind.« Statt
sich dem Armutsproblem zu stellen,
setzte Müntefering, der mittlerweile wieder SPD-Vorsitzender
ist, die
jahrzehntelange Ignoranz führender Politiker gegenüber den
Tatsachen
fort und erklärte die »Unterschicht« kurzerhand zur
Erfindung
weltfremder Soziologen.
Armut und Reichtum sind keine unsozialen Kollateralschäden
im Zeichen
der Globalisierung, wie der Öffentlichkeit eingeredet wird,
sondern in
dem bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem
funktional, d.h.
gewollt und bewußt erzeugt.
Reichtumsmehrung statt Armutsverringerung --
so lautete denn auch das heimliche Regierungsprogramm der
großen
Koalition. Obwohl ein Regierungsbündnis der großen
»Volksparteien«
seiner ganzen Konstruktion wie der unterschiedlichen
programmatischen
Tradition aller Beteiligten nach den Eindruck vermittelt,
als ob
sämtliche Bevölkerungsschichten mit ihren spezifischen
Interessen
angemessen repräsentiert seien, machten CDU, CSU und SPD
eine
Steuerpolitik nach dem Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird
gegeben.
Weniger großzügig zeigten sich CDU, CSU und SPD gegenüber
den Armen: Als
die Koalition rechtzeitig vor dem Jahreswechsel beschloß, ab dem 1.
Januar 2009 das Kindergeld für das erste und zweite Kind um
zehn Euro
und ab dem dritten Kind um 16 Euro pro Monat zu erhöhen,
einigte man
sich auf Initiative der SPD gleichzeitig darauf, für die
Kinder von
Hartz-IV-Beziehern, die nicht in
den Genuß des höheren Kindergeldes
kommen, weil es voll auf ihre Transferleistung angerechnet
wird, ein
»Schulbedarfspaket« in Höhe von 100 Euro pro Schuljahr zu
schnüren. Es
sollte nach dem zum Jahresbeginn 2009 in Kraft getretenen
Familienleistungsgesetz allerdings nur bis zur 10. Klasse
gewährt
werden. Die öffentliche Kritik an der Regelung blieb nicht
aus, schien
es doch geradezu so, als wollte die große Koalition damit
unterstreichen, daß die Kinder aus
sozial benachteiligten Familien kein
Abitur machen sollen, oder dokumentieren, daß Gymnasiasten der höheren
Klassenstufen ohnehin aus Elternhäusern kommen, die keiner
staatlichen
Zuwendung bedürfen. Auf einer Sitzung des
Koalitionsausschusses am 4./5.
März 2009 verständigten sich CDU, CSU und SPD schließlich
darauf, den
Gesetzestext an diesem Punkt nachzubessern und auch
Oberstufenschüler
und Vollzeitberufsschüler sowie die Kinder von
Geringverdienern in den
Genuß des »Schulbedarfspakets«
kommen zu lassen, das jedoch den realen
Bedarf gar nicht deckt.
Zu den fatalen Folgen der Weltfinanzwirtschaftskrise dürften
eine auf
Rekordniveau steigende Arbeitslosigkeit, die zunehmende
Verelendung von
Millionen Menschen und eine dramatische Verschuldung aller
Gebietskörperschaften des Staates, d.h. »öffentliche Armut«
in einem
ungeahnten Ausmaß gehören.
Gleichzeitig wird sich der Reichtum noch
stärker bei wenigen Kapitalmagnaten, Finanzinvestoren,
Investmentbankern
und Großgrundbesitzern sammeln, wenn man dem nicht energisch
entgegensteuert. Während die das Krisendebakel wesentlich
mit
verursachenden Spekulanten mittels eines »Rettungsschirms«
aufgefangen
werden, müssen die Mittelschicht, Arbeitslose und Arme jene
Suppe, die
Banker und Börsianer der gesamten Bevölkerung eingebrockt
haben,
vermutlich einmal mehr auslöffeln. Wenn die privaten Banken
den für sie
bürgenden Staat zur Kasse bitten, wird für die sozial
Benachteiligten
und die wirklich Bedürftigen kaum noch Geld übrigbleiben. Zusammen mit
der im Grundgesetz verankerten »Schuldenbremse« führen
Bürgschaften und
Kredite in Milliardenhöhe zu überstrapazierten Haushalten,
wodurch sich
»Sparmaßnahmen« natürlich eher als sonst legitimieren
lassen. Die neue
Bundesregierung wird vermutlich eine »Agenda 2020« auflegen
und massive
Kürzungen im Sozialbereich vornehmen.
/Prof. Dr. Christoph Butterwegge
lehrt Politikwissenschaft an der
Universität zu Köln. Soeben ist sein Buch »Armut in einem
reichen Land.
Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird« erschienen
(Campus
Verlag; 378 Seiten, 24,90 Euro)/