Prekäre Jobs weltweit im Trend

 

 

    UN beklagen zunehmende Unsicherheiten / Licht und Schatten auf

    deutschem Arbeitsmarkt

 

 

        Von Eva Roth

 

 

        Die Vereinten Nationen (UN) schlagen Alarm: Während die

        Weltwirtschaft wächst, nimmt die Job-Sicherheit ab. Innerhalb

        eines Jahrzehnts sei die globale Arbeitslosenquote von sechs auf

        6,3 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sei die Weltwirtschaft um

        3,8 Prozent pro Jahr gewachsen, heißt es in dem

        Weltsozialbericht der UN.

 

 

        Für die Menschen sei es schwieriger geworden, "anständige

        Arbeit" zu finden. Denn angesichts der Globalisierung hätten

        viele Regierungen die Arbeitsmärkte flexibilisiert, damit die

        Firmen wettbewerbsfähig bleiben oder werden. Für einen Großteil

        der Beschäftigten bedeute dies mehr soziale Unsicherheit. So sei

        weltweit ein Trend zu prekären Jobs, etwa befristeten Stellen,

        zu beobachten. Tarifverträge verlören an Bedeutung, stattdessen

        müssten die Menschen öfter ihre Arbeitsbedingungen individuell

        aushandeln. Dies führe zu einer Machtverschiebung zugunsten der

        Arbeitgeber.

 

 

        Auch die Kluft zwischen den Einkommen wachse: In vielen

        Industrie- und Entwicklungsländern steige der Anteil der

        Kapitaleinkünfte am Volkseinkommen, während der Lohn-Anteil

        sinke. Regierungen würden Unternehmen steuerlich eher entlasten

        und Arbeitsmarkthilfen kürzen.

 

 

        Was tun? Es reicht nicht, wenn Regierungen versuchen, die

        Wirtschaft anzukurbeln oder jede Art von Beschäftigung zu

        fördern, meint die UN-Abteilung für wirtschaftliche und soziale

        Fragen. Das Ziel müsse vielmehr "anständige Arbeit für alle"

        sein -- also Jobs, die zum Wohlergehen der Beschäftigten und der

        Gesellschaft insgesamt beitrügen.

 

 

        Auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt es Licht und Schatten.

        Insgesamt ist die Entwicklung erfreulich: Die Zahl der

        Arbeitslosen ist im November auf 3,38 Millionen gesunken -- das

        ist der niedrigste Stand seit 14 Jahren. Hauptgrund ist die gute

        Konjunktur -- darüber sind sich Fachleute einig. Der neue

        Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) meint, auch die Reformagenda

        habe dazu beigetragen: "Wir waren erfolgreich."

 

 

        Die Zahl der Erwerbstätigen hat mit 40,26 Millionen Menschen

        sogar einen neuen Rekordwert erreicht. Es gibt heute auch viel

        mehr sozialversicherungspflichtig Beschäftigte als früher,

        nämlich 27,5 Millionen und damit fast 600 000 mehr als vor einem

        Jahr. Dagegen gibt es weniger Ein-Euro-Jobs. So weit die guten

        Nachrichten.

 

 

        Allerdings stellen viele Unternehmen neues Personal nur

        befristet ein, oder sie heuern Leiharbeiter an, die sich oft mit

        niedrigen Löhnen begnügen müssen und deren Verträge häufig nur

        über einige Monate laufen. Eine DGB-Umfrage unter Beschäftigten

        zeigt, dass solche unsicheren Arbeitsplätze im Trend liegen: 53

        Prozent der jungen Beschäftigten gaben an, schon mal einen

        befristen Vertrag unterschrieben zu haben. Bei den über

        30-Jährigen waren es nur 33 Prozent.

 

 

        Insgesamt fällt heute etwa jeder dritte Arbeitnehmer unter die

        Rubrik "atypische Beschäftigte": Sie haben einen befristeten

        Vertrag, sind Teilzeit-Kräfte, 400-Euro-Jobber oder

        Leiharbeiter. "Kurzfristig haben solche Jobs für Arbeitgeber

        Kostenvorteile", meint Hartmut Seifert, Arbeitsmarktexperte der

        gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung. Langfristig könne

        diese Personalpolitik aber zu einem "dicken Problem" werden.

 

 

        Seifert hat in einer Studie herausgefunden, dass diese atypisch

        Beschäftigten nicht nur relativ niedrige Löhne haben und ihre

        Jobs unsicher sind. Die Leute nehmen auch deutlich seltener an

        betrieblicher Weiterbildung teil. "Wenn die Arbeitgeber ihre

        Weiterbildungsstrategie nicht ändern, produzieren sie einen

        Mangel an qualifizierten Arbeitskräften", meint Seifert. Er

        erwartet, dass der Anteil prekärer Jobs weiter wachsen wird.

 

 

        Betriebe würden insgesamt viel zu wenig in Qualifizierung

        investieren. Der Anteil der Unternehmen, die Weiterbildung

        anbieten, sinke sogar, das zeige eine Studie der Europäischen

        Union. Skandinavische Länder würden dagegen massiv in

        Ausbildung, lebenslanges Lernen und Forschung investieren. Für

        ein Hochlohnland sei dies ein absolutes Muss.

 

 

          ROTH

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 279)

Datum: Freitag, den 30. November 2007

Seite: 17