Polizei: Unser Land gerät
aus den Fugen
Berlin (ack/gök/los)
Die spektakulären Kriminalfälle der vergangenen
Monate stehen nach Ansicht der Polizeigewerkschaft für eine
dramatisch
um sich greifende Verwahrlosung: Ob Kevin, Stephanie,
Carolina oder die
Gewaltausbrüche an der Rütli-Schule in Berlin - alles dies
sei nur die
Spitze des Eisbergs, stellt die Gewerkschaft der Polizei
(GdP) fest. Ihr
Vorsitzender Konrad Freiberg warnte gestern vor einem
kompletten
Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Freiberg: "Wir
haben in den letzten
Jahren immer mehr Gewalt im Bereich der Kriminalität in den
Familien
feststellen können." Das bestätigte die Leiterin des
Internationalen
Frauenhauses in Düsseldorf, Silvia Röck:
Die häusliche Gewalt gegen
Frauen und Kinder werde brutaler.
Frauen würden häufiger mit Stangen und
anderen Gegenständen geschlagen.
Immer häufiger würden Polizeibeamte zu Familien gerufen, um
Streit zu
schlichten, so Freiberg. "Das ist beunruhigend, weil
das ein Indiz für
eine Fehlentwicklung in unserer Gesellschaft ist." Die
Gewaltbereitschaft habe zugenommen. "Unsere
Gesellschaft gerät immer
mehr aus den Fugen. Die Kluft zwischen arm und reich wird
immer größer."
Freibergs Rede war eine Art Anklage gegen die soziale Lage
in
Deutschland. Er rief die Politik auf, entschiedener gegen
eine Spaltung
der Gesellschaft vorzugehen. "Die gesellschaftlichen
Eliten versagen
zunehmend". Das gebe auch rechtsextremen Kräften
Auftrieb.
Zuvor hatte die Kanzlerin betont, dass Polizisten nicht die
Ausputzer
gesellschaftlicher Probleme seien. Sie könnten nicht all das
beseitigen,
"was am anderen Ende der Gesellschaft an nicht gelösten
Problemen
existiert". Nötig sei eine starke Zivilgesellschaft,
und die könne
"nicht von oben verordnet werden".
Merkel sagte, die Zahl rechtsextremer Straftaten sei von
12000 im Jahr
2004 auf 15300 in 2005 angestiegen ist. "Es kann nicht
allein Aufgabe
der Polizei sein, sich mit solchen Straftaten auseinander zu
setzen. Wir
können es nicht dulden, dass Raum für rechtsextreme Gewalt
in diesem
Lande ist." SPD-Chef Kurt Beck, rief dazu auf,
"gemeinsam dafür zu
sorgen, dass unsere Gesellschaft nicht auseinander
driftet". Beck hatte
die Unterschicht-Debatte angestoßen.
Auch Soziologen sind überzeugt, dass die Gesellschaft
stärker
auseinander fällt. Das derzeitige Gesellschaftsmodell sei
für viele
Menschen schon deshalb kein Erfolgsmodell, weil sie selbst
arbeitslos
und weitgehend ohne Perspektive seien, so Thomas Schweer, Soziologe am
Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung.
Soziale
Verwahrlosung, Kriminalität und Gewalt würden künftig eher
zunehmen.
LEITARTIKEL SEITE A 2
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Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.264
Datum: Dienstag, den 14. November 2006
Seite: Nr.1