"Politik zerstört Aufstiegswillen"
Armutsforscher kritisieren Äußerungen von SPD-Chef Kurt Beck über
die Unterschicht als Ablenkungsmanöver
Armutsforscher haben Kurt Beck vorgeworfen, Benachteiligte zu
verhöhnen.
Der SPD-Vorsitzende hatte gesagt, eine größer werdende Unterschicht
finde sich lethargisch mit ihrer Situation ab. Experten entgegnen,
die Politik der Bundesregierung lasse ihr kaum Chancen.
Frankfurt a. M. . "Wenn nichts mehr geht, wird den Opfern die
Schuld an ihrer Misere zugeschoben, und die Politik appelliert an die
Selbstverantwortung." Christoph Butterwegge, Politikprofessor an
der Universität Köln, überrascht die Klage des SPD-Vorsitzenden Kurt
Beck über eine wachsende Resignation "der Unterschicht" nicht: "Das ist
ein jahrhundertealtes Spiel der Politik."
"Arme werden arm gehalten"
Für Butterwegge allerdings ein verlogenes Spiel: Die Ideologie des
Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied verschleiere, dass "Politik und
Wirtschaft die objektiven Strukturen geschaffen haben, die Arme arm
halten und ihnen keine Chance lassen, rauszukommen".
Hartz IV ist dafür aus Sicht des Politikprofessors, der sich mit
Kinderarbeit und dem Umbau des Sozialstaats beschäftigt, der beste
Beweis. Das Versprechen vom Fordern und Fördern sei nicht
eingelöst, sagt er. "Weiterbildung gibt es nur für die mit den besten Chancen,
schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose kommen nicht in den
Genuss."
Einen Beweis liefere auch die Pisa-Studie: In Haupt- und
Sonderschulen landeten vornehmlich Kinder aus benachteiligten Familien. Kein Geld
für Nachhilfe, keine Zuschüsse zu Lehrmitteln für Hartz-IV-Empfänger:
"Ohne Aussicht auf Ausbildung und Job wird in so einer Schule jeder
Aufstiegswille schnell zerstört."
Der Appell zur Selbstverantwortung lenke nur davon ab, "dass sich
die Gesellschaft durch neoliberale Wirtschaftsstrukturen und
Globalisierung verändert hat". Strukturen, sagt Butterwegge, die wie nie zuvor in
Gewinner und Verlierer spalteten. Und: Strukturen, die allein
Politik
und Wirtschaft zu verantworten hätten.
Massenarbeitslosigkeit und die steigende Zahl prekär Beschäftigter,
deren Lohn nicht zum Leben reicht -- das sind auch aus Sicht von
Karl August Chassé, Professor für Kinder- und Jugendarbeit an der
Fachhochschule Jena, die Ursachen für die "neue Armut". Mit eigener
Motivation könne ihr niemand entrinnen. Zumal immer mehr um Arbeit
und Auskommen konkurrierten: Armutsforscher rechnen, dass allein von
aktuell 11,65 Millionen Jugendlichen bis 15 Jahren in Deutschland 2,5
Millionen arm sind. Chassé widerspricht auch Becks Warnung vor dem
"Unterschichten-Problem": Leuten, die sich einrichteten mit knappen
Mitteln und seichtem Unterschichten-TV und nicht mehr danach
strebten, dass es ihre Kinder besser haben sollten. Chassé sagt: "Studien
belegen, dass sich gerade arme Eltern alles absparen, um ihre Kinder
möglichst wenig von ihrer Armut spüren zu lassen."
Etikettenschwindel beklagt Becks Ankündigung, die SPD wolle der Resignation mit einem
"vorbeugenden Sozialstaat" begegnen, der schon im Kindergarten Sprachfähigkeit
und Leistungswillen trainiert und Chancengleichheit in der Bildung
bietet, nennen die Armutsforscher Etikettenschwindel: "Es wird suggeriert,
dass mit besserer Bildung alle Probleme zu lösen sind", sagt
Butterwegge.
Armut werde auf Bildungsarmut reduziert. "Aber dann konkurrieren
die Menschen eben auf höherem Bildungsniveau um Arbeit, die es nicht
gibt."
Die Politik müsse sich stattdessen um eine "Verteilgerechtigkeit
des Geldes" bemühen, sagt Butterwegge. Er sieht die Bundesregierung
aber auf dem genau entgegengesetzten Weg. "Vorsorgender Sozialstaat" sei nur
eine schön klingende Legitimation für die weitere "Demontage des
nachsorgenden Sozialstaats", die mit Agenda 2010,
Gesundheitsreform, Hartz IV und Druck auf Empfänger von Arbeitslosengeld II im Gange
sei:
"Leistungskürzungen ändern nichts daran, dass Arbeit fehlt." AnitaStrecker
MGESVOLO
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 236)
Datum: Mittwoch, den 11. Oktober 2006
Seite: 4
Gewerkschafter alarmiert
DGB-Vize Buntenbach nennt Becks Thesen "zynisch"
In den Gewerkschaften wird mit Misstrauen verfolgt, welchen
Stellenwert die Thesen des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck zum
"Unterschichten-Problem" in der programmatischen Arbeit der SPD haben. Beck selbst fühlt
sich missverstanden.
Berlin . Nicht überall ist das jüngste Stichwort des SPD-Chefs zur
Programm-Debatte seiner Partei beifällig aufgenommen worden. Was
Beck in einem Interview zum "Unterschichten-Problem" gesagt habe, laufe auf
"blanken Zynismus" hinaus, wetterte die stellvertretende
DGB-Vorsitzende Annelie Buntenbach im Berliner Tagesspiegel. Becks Klage über
mangelnden Aufstiegswillen am unteren Ende der Gesellschaft sei eine
Neuauflage von Gerhard Schröders unseliger Faulenzer-Debatte.
Aus Sicht der Vordenker in Becks Partei-Zentrale beruhen solche und
ähnliche Anwürfe aus den Gewerkschaften auf einem -- zum Teil
absichtsvollen -- Missverständnis. An Becks Ideen werde ein
"resignativer Zug" ausgemacht, der ihm fern liege. "Als ob er sich von den
benachteiligten Gruppen abwende -- darum geht es gar nicht", sagt
etwa Benjamin Mikfeld, einst Juso-Vorsitzender und heute Leiter des
Referats Grundsatzfragen im Willy-Brandt-Haus.
Beck, der zuvor in einem Grundsatz-Artikel seiner Partei mehr
Aufmerksamkeit für Leistungsträger gefordert hatte, schlage
vielmehr einen Bogen "von einem positiven Leistungsbegriff zur
Gerechtigkeitsfrage". Dass man beides verknüpfen müsse, sei in der
Programmdebatte unstrittig. "Leistung gegen Teilhabe"
kristallisiere sich als deren Kerngedanke heraus.
Ähnlich sieht es der Bundestagsabgeordnete Niels Annen. "Das
Stichwort (Unterschichten-Problem) ist richtig." Es gebe
"Sozialhilfe-Karrieren über zwei, drei Generationen", die jede Aufstiegshoffnung begraben
hätten. Außerdem könnten sich die Sozialdemokraten nicht von der
Mitverantwortung freisprechen, dass die Schere zwischen Arm und
Reich sich immer weiter öffne.
Becks Gedanken schließen an die Ergebnisse einer Studie an, die
Infratest im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung für den
Parteivorstand
erstellt hat. Danach ist "Verunsicherung eine dominante
gesellschaftliche Grundstimmung". 63 Prozent der Bürger empfinden
Angst vor Veränderungen, fast die Hälfte fürchtet, den Lebensstandard
nicht halten zu können. Für 61 Prozent "gibt es keine Mitte mehr, nur
noch ein Oben und Unten". Oberster Wert für die meisten ist die soziale
Gerechtigkeit. So konstatieren die Autoren neue "Wertesynthesen,
bei denen zusammenkommt, was früher unvereinbar schien, zum Beispiel
Verteilungsgerechtigkeit und Leistungsdenken".
In den Gewerkschaften sind viele misstrauisch. Der SPD-Chef setze
sich mit seinen Formulierungen dem Verdacht aus, einen Bodensatz
Deklassierter nur mehr "von draußen zu betrachten", heißt es im
DGB-Vorstand. "Der Eindruck einer paternalistischen Haltung bleibt."
In der Programmarbeit der SPD will die Programm-Kommission Anfang
Dezember über die Rohentwürfe der einzelnen Kapitel beraten. Knut
Pries
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