Not wird ignoriert jw,28.8.07

Von Rainer Balcerowiak

 

Der Deutsche Kinderschutzbund hat einen deutlichen und vor allem schnellen Ausbau der Finanzhilfen für Mädchen und Jungen aus armen Familien gefordert. Für Geringverdiener müsse der Zuschlag zum Kindergeld mindestens 175 statt bisher 140 Euro betragen, erklärte der Präsident der Organisation, Heinz Hilgers, am Montag in Berlin. Ab dem dritten Kind sollten 225 Euro Zuschlag gewährt werden. Außerdem müßten die Hartz-IV-Gesetze sofort reformiert werden, um einen weiteren Anstieg der Kinderarmut zu stopppen. Für Bekleidung und Schulbedarf forderte der Verband, daß »unverzüglich« wieder einmalige Beihilfen bezahlt werden. Außerdem sollten arme Kinder ganztägige Bildungseinrichtungen kostenlos besuchen dürfen.

Es sei ein Skandal, daß schon für 2006 Hilfe versprochen wurde, sie aber wahrscheinlich noch nicht einmal 2008 verwirklicht werde. »Bei Kindern ist es ja so, daß jedes Jahr, das verlorengeht an guter Förderung, nie mehr einzuholen ist«, sagte Hilgers im Inforadio des rbb. Deutschland sei dabei, »Millionen Kinder zu künftigen Leistungsempfängern zu erziehen, anstatt sie in der Gesellschaft mitzunehmen«.

Trotz der guten Konjunktur sei die Zahl der Betroffenen binnen eines Jahres bis März 2007 noch einmal um 100.000 gewachsen, erklärte Hilgers. Er bezog sich dabei auf eine Studie der Bundesagentur für Arbeit, laut der über 1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren in Familien leben, die vom Arbeitslosengeld II abhängen. Die auf Hartz IV-Leistungen bezogene Armutsdefinition greife ohnehin zu kurz, so Hilgers, der darauf verwies, daß für rund fünf Millionen Menschen bis zum vollendeten 18.Lebensjahr weniger als 250 Euro pro Monat für den Lebensunterhalt zur Verfügung stünden.

Die Regierungsparteien bestätigten am Montag, daß sie armen Familien in absehbarer Zeit wenig zu bieten haben. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Christel Humme sagte in einem Interview des Vorwärts: »In einem wohlhabenden Land wie Deutschland dürfen wir kein Kind zurücklassen«. Aber selbst nach der geplanten Weiterentwicklung des Kinderzuschlags würden nur 400000 Minderjährige erreicht werden, also nicht einmal zehn Prozent der Betroffenen. Für die angesichts der offensichtlichen Fehl- und Mangelernährung vieler Schüler von zahlreichen Sozialverbänden erhobene Forderung nach einer kostenlosen Schulspeisung erklärte sie sich schlicht für unzuständig. Zwar dürfe es nicht sein, »daß manche Kinder nicht am gemeinsamen Essen teilnehmen, weil ihren Eltern das Geld fehlt«, beklagte die SPD-Politikerin. Das sei nach der Föderalismusreform allerdings Sache der Länder und Kommunen.

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach von 500000 Kindern, die ab Januar 2008 von der Ausweitung des Kinderzuschlags für Familien mit geringem Einkommen profitieren könnten. Was mit den anderen 4,5 Millionen Betroffenen passieren soll, sagte sie allerdings nicht.

Die kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, Diana Golze, bezeichnete die Reaktionen der Bundesregierung auf die alarmierenden Zahlen zur Kinderarmut am Montag als »Ankündigungsmogelpackung«. Nötig sei die rasche Einführung einer armutsfesten Kindergrundsicherung. Die bisherigen Sozialsysteme müßten grundlegend hinterfragt werden, so Golze.