Neue Armut

Von Uli Schreiterer

Die neue Armut macht vor Amerika nicht Halt. Auch hier registriert man besorgt eine Zunahme „prekärer“ Lebenslagen: Instabile Beschäftigungsverhältnisse, Überschuldung und explodierende Krankheitskosten treiben Millionen Amerikaner an den Bettelstab. Noch übertönen allerdings Debatten um die „alte“ Armut die leise Besorgnis um die neue. Armut ist hierzulande immer auch eine Frage der ethnischen Herkunft und der Hautfarbe. Was kann man tun, um dem Teufelskreis von materiellem Elend, sozialer Verwahrlosung, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit zu entkommen? Da die Träume von Chancengleichheit dank wohlfahrtsstaatlicher Hilfen und gezielter Förderung ethnischer Minoritäten in Schulen, Hochschulen und Unternehmen schon lange zerstoben sind, streitet man sich heute mehr denn je über diese Fragen.

Dabei dreht sich die Debatte selbst im Kreis. Müssen zuerst die Verhältnisse besser werden, damit sich die Menschen anders verhalten können, oder wird andersherum ein Schuh daraus? Fördern oder Fordern, Bestrafen oder Belohnen – jedes Rezept wurde schon einmal versucht. Das gilt auch für den jüngsten Schrei in der Sozialpolitik New Yorks. Längst weiß man, dass der Weg aus dem Ghetto über die Schule und stabile Familienverhältnisse führt. Wer eine abgeschlossene Schulbildung besitzt, hat bessere Berufs- und Lebenschancen als Schulabbrecher. Kinder aus der armen (schwarzen) Unterklasse scheitern besonders häufig in der Schule oder kommen gar nicht erst hin. Schulabbruch und -versagen gehören zur bedrückenden Normalität. Öffentliche Schulen mühen sich redlich, oft mit dem Mut der Verzweiflung, das zu ändern.

Wo ich wohne, im überwiegend „schwarzen“ New Haven, ermahnen sie ihre Schüler mit riesigen Postern an den Flurwänden, einander Respekt und Verantwortung zu zeigen und den Unterricht nicht zu schwänzen: Wer nicht mindestens 160 Tage im Jahr zur Schule kommt, erhält kein Zeugnis. Die ständige Wiederholung der klaren Ansage zeigt nur, wie groß das Problem ist.

New York geht jetzt andere Wege und probiert mit materiellen Anreizen zu bewirken, was Appelle und Drohungen nicht schaffen: arme Kids in der Schule zu halten. Unter der Bedingung, dass sie nicht hinschmeißen, sollen sie für den Unterrichtsbesuch Geld bekommen: „Stay on track“ lautet die simple Botschaft, gutes Betragen zahlt sich aus. Nach dem Vorbild erfolgreicher Bildungskampagnen in Entwicklungsländern soll individueller Verhaltenswandel den Durchbruch in der Armutsbekämpfung schaffen. Republikaner reagieren irritiert. Vielleicht sei das ja der Ausweg. Aber warum soll man arme Familien für etwas bezahlen, was andere selbstverständlich umsonst tun? Setzt das nicht völlig falsche Anreize? Der alte Glaubenskampf um die Armut geht in die nächste Runde.

 

SCHREITERER

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 277)

Datum: Dienstag, den 28. November 2006

Seite: 35