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26.
November 2008, 08:45 Uhr
WELTWEITER VERGLEICH
Lohngefälle in Deutschland wächst im Rekordtempo
In Deutschland wächst die Kluft zwischen Reichen und
Geringverdienern - so schnell wie in keinem anderen westlichen Staat, das
rechnet die Internationale Arbeitsorganisation in ihrem globalen Lohnreport
vor. Wegen der Finanzkrise müssen sich die Arbeitnehmer nun auch noch auf
Einkommensverluste einstellen.
Gern/Berlin - Der Abstand zwischen hohen und niedrigen
Löhnen ist in Deutschland laut einer Studie jüngst besonders stark gewachsen.
Im Vergleich der Industriestaaten sei die Schere nur in Polen noch deutlicher auseinandergegangen, errechnete die Internationale
Arbeitsorganisation (ILO) in ihrem am Dienstagabend vorgelegten Globalen Lohnreport
2008/2009. Hierzulande stiegen die Reallöhne demnach in den vergangenen
Jahren relativ langsam.
AP
Metallarbeiter: ILO warnt vor sozialen Spannungen
Laut ILO lag die Lohnungleichheit auch in den USA, Kanada
oder Australien zwischen 2004 und 2006 höher als noch Mitte der neunziger
Jahre. Im Vergleich aller Länder habe sich die Kluft zwischen Spitzen- und
Niedriglöhnen allerdings mit Abstand am stärksten in Argentinien vergrößert.
Eine ähnlich deutliche Entwicklung sei in China oder Thailand zu beobachten,
erklärte die Uno-Arbeitsorganisation.
Andere Länder wie Österreich oder Frankreich schafften es
dagegen der Studie zufolge, die Lohnungleichheit zu verringern. Auch Brasilien
oder Indonesien gelang dies - wobei aber die Kluft zum Beispiel in Indonesien
demnach immer noch viermal so groß ist wie in Deutschland. Während die Löhne
der am besten verdienenden zehn Prozent dort im Schnitt 13,4-mal so hoch
ausfallen wie diejenigen der zehn Prozent am unteren Ende der Lohnskala, liegt
dieser Quotient hierzulande mit 3,26 noch deutlich niedriger.
Löhne stiegen
langsamer als die Wirtschaftsleistung
Die Reallöhne stiegen in Deutschland in den vergangenen
Jahren nur sehr wenig. So gab es für die Beschäftigten hierzulande zwischen
2001 und 2007 im Schnitt ein jährliches Lohnplus von 0,51 Prozent. In
Frankreich lag das Plus ähnlich niedrig. Dagegen verbuchten einige
Schwellenländer rapide Zuwächse. In China stiegen die Löhne im Schnitt um knapp
13 Prozent, in Russland sogar um etwa 14 Prozent pro Jahr.
Für das kommende Jahr prognostiziert der Bericht
"schmerzhafte Einschnitte" bei den Reallöhnen. Weltweit sei für 2008
ein Zuwachs von 1,7 und für 2009 von maximal 1,1 Prozent zu erwarten. In den
Industrieländern sei nach einem für 2008 erwarteten durchschnittlichen Lohnplus
von noch 0,8 Prozent im kommenden Jahr mit einem Rückgang um 0,5 Prozent zu
rechnen. Die ILO warnte in diesem Fall vor zunehmenden sozialen Spannungen.
Der Rückgang der Reallöhne folge auf ein Jahrzehnt, in dem
die Einkommen nicht mit der Wirtschaft Schritt gehalten hätten, erklärte die
ILO: Zwischen 1995 und 2007 seien die durchschnittlichen Löhne für jedes
Prozent Wachstum der Weltwirtschaft nur um ein dreiviertel Prozent mitgewachsen - aber für jedes Prozent Schrumpfen der
Weltwirtschaft gleich um gut anderthalb Prozent gesunken.
Arbeitskosten in
Deutschland gesunken
Nicht nur die Reallöhne nahmen hierzulande jüngst nur wenig
zu: Laut einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung
(IMK) der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung gilt
dies auch für die Arbeitskosten. Diese seien 2007 um 1,2 Prozent und damit
erneut weitaus langsamer gestiegen als im Durchschnitt von EU und Eurozone. Damit
hat Exportweltmeister Deutschland seine Wettbewerbskosten bei den Lohnkosten im
europäischen Vergleich weiter verbessert.
Mit im Schnitt 28 Euro pro geleisteter
Arbeitsstunde in der Privatwirtschaft liege Deutschland im EU-Vergleich auf
Rang acht. In Dänemark, Schweden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, den
Niederlanden und in Finnland lagen die Lohnkosten mit 28,10 Euro und 34,30 Euro
je Arbeitsstunde höher als in Deutschland. Geringfügig niedriger als in der
Bundesrepublik waren die Kosten in Österreich (27,50 Euro) und in
Großbritannien (26,70 Euro). Im Euro-Raum waren es im Schnitt 26 Euro.
Zwar helfe das geringe Wachstum der Arbeitskosten den
deutschen Exporten, doch als "Kehrseite der Medaille" schwächelten im Inland Einkommensentwicklung und Nachfrage,
heißt es in der IMK-Studie. In Zeiten von Finanzkrise und Rezession fehle es so
an binnenwirtschaftlicher Stabilität. IMK-Direktor Adolf Horn kritisierte, die
Lohnzurückhaltung habe sich daher nicht ausgezahlt. Sie wirke nun "krisenverschärfend". Länder, in denen die
Arbeitskosten bei vergleichbarem Ausgangsniveau stärker zugelegt hätten als in
Deutschland, stünden heute wirtschaftlich besser da.
kaz/AFP/dpa
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24.
November 2008, 14:06 Uhr
STUDIE
Arme und Reiche bleiben unter sich
Alarmierende Forschungsergebnisse: In deutschen Großstädten
leben arme und wohlhabende Menschen nach einer Studie der Universität Köln
zunehmend getrennt voneinander. Die Wissenschaftler sind besorgt.
Köln - Soziale Schichten bleiben immer mehr unter sich: Das
zeige ein Vergleich statistischer Daten aus den Jahren 1990 und 2005, sagte der
Leiter der Untersuchung, Jürgen Friedrichs, am heutigen Montag. "Das ist
eine unselige Entwicklung", sagte er. "Der Effekt von sichtbarer
Armut in einem bestimmten Gebiet verstärkt sich."
US-Studien hätten ergeben, dass dadurch negative
Rollenvorbilder bestätigt würden. Schüler sähen viele Gleichaltrige, die die
Schule schwänzten, oder beobachteten öfter Kriminalität und Drogenhandel.
"Es geht auch bei uns in eine US-Richtung", sagte
Friedrichs. Die Entwicklung gelte auch für reiche Städte wie München und
Hamburg. "Die Wirtschaftskraft einer Stadt führt nicht automatisch zu
geringeren Anteilen von Armen und einer geringeren räumlichen
Absonderung."
Dagegen hat die Trennung zwischen Deutschen und Ausländern
den Angaben zufolge abgenommen. Weniger Deutsche als früher zögen aus Vierteln
mit relativ hohem Ausländeranteil weg. Möglicherweise fänden es heute mehr
Deutsche als früher attraktiv, mit Einwanderern zusammenzuleben, sagte Friedrichs.
"Wir denken auch, dass Ausländer inzwischen mehr Möglichkeiten haben, sich
auch anderswo anzusiedeln."
jdl/dpa
»Möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Geld« 26.11.2008
/ Inland / Seite 5Inhalt, jw
DGB-Studie weist dramatischen Abwärtstrend bei Arbeits- und
Lohnbedingungen junger Beschäftigter nach
Von Ralf Wurzbacher
Unter jungen Menschen geht der Trend verstärkt in Richtung
prekäre Beschäftigung. Diejenigen, die nach Schule, Ausbildung oder
abgeschlossenem Studium heutzutage überhaupt noch einen Job finden, müssen für
ihr »Glück« immer häufiger mit schlechten Arbeits- und Einkommensbedingungen
bezahlen. So lautet eines der zentralen Ergebnisse der Studie »Arbeitsqualität
aus Sicht von jungen Beschäftigten«, die der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB)
am Dienstag in Berlin vorgestellte. Im Rahmen der Sonderauswertung des bereits
im Juni präsentierten »DGB-Index Gute Arbeit 2008« wurden über 1000
Vollzeitbeschäftigte im Alter bis 30 Jahre über ihren Arbeitsalltag befragt.
Vor Pressevertretern forderte DGB-Bundesjugendsekretär René
Rudolf gestern die Unternehmen auf, jungen Mitarbeitern »ein Perspektive zu
geben, statt ihnen möglichst viel Arbeitskraft für möglichst wenig Geld«
abzuverlangen. Jobs für Jugendliche müßten sicherer
werden – durch »unbefristete Arbeitsverträge, faire Bezahlung und gute
Qualifizierungs- und Entwicklungsperspektiven«, mahnte der Gewerkschafter. Die
Realität sieht derweil ganz anders aus: Wie die Erhebung ergeben hat, nehmen
die Klagen über mangelnde Einfluß- und
Lernmöglichkeiten und hohen Arbeitsdruck zu. Insbesondere die von jungen
Menschen als besonders wichtig eingestuften Aspekte »berufliche Sicherheit und
faires Einkommen«, beurteilten die Befragten am negativsten.
Vor allem in punkto Entlohnung fühlt sich eine Mehrheit über
den Tisch gezogen. Nur 39 Prozent der Befragten gaben an, von ihren Bezügenw ausreichend oder gut leben zu können. 62 Prozent
müssen mit einem Bruttoentgelt von 2000 Euro oder weniger auskommen. Im Vorjahr
waren es noch 51 Prozent. Analog dazu sank auch der Anteil der unter
30jährigen, die mehr als 2000 Euro verdienen, um elf Prozent im Vergleich zur
Vorgängeruntersuchung. Laut DGB-Vize Ingrid Sehrbrock
sei diese »dramatische Verschiebung« nicht mit der aktuellen wirtschaftlichen
Talfahrt zu erklären, da die entsprechende Befragung bereits im Frühjahr
erfolgte. »Diese Entwicklung hat sich sogar in einer guten Konjunkturlage
vollzogen«, betonte Sehrbrock und monierte eine
wachsende Diskrepanz zwischen den Ansprüchen an Beschäftigte und der
Honorierung ihrer Arbeitsleistung.
Fast zwei Drittel der Befragten gelten aus DGB-Sicht als prekär beschäftigt: Sie arbeiten zu Niedriglöhnen unter 1500 Euro, sind befristet, als Leiharbeiter oder Minijobber tätig. Die Quote der Zeitarbeiter ist mit fünf Prozent unter jungen Beschäftigten doppelt so hoch wie im Schnitt aller Erwerbstätigen. Sieben Prozent, das sind drei Prozent mehr als im Vorjahr, schuften sogar für einen Vollzeitbruttolohn von nur bis zu 800 Euro. Lediglich neun Prozent empfinden ihre Arbeitsbedingungen insgesamt als gut. Dagegen stufen 29 Prozent diese als schlecht ein; sie halten ihre Arbeitsbedingungen für belastend oder stark belastend und ihr Einkommen für unangemessen. 67 Prozent gaben an, bisweilen Angst um ihre berufliche Zukunft zu haben, und gerade noch jeder 20 Befragte glaubt, das künftige Renteneinkommen aus gesetzlicher und betrieblicher Vorsorge genüge für ein sorgenfreies Leben im Alter.