Mit der Seilbahn in den Slum
Medellín war mal
eine mordsgefährliche Stadt. Das hat sich geändert,
seit sich die
Kommune um Arme kümmert
Von Wolfgang
Kunath
Diesen Job
nimmt man aus Eitelkeit an", sagt Jorge Melguizo
mit
fröhlicher
Selbstironie, "und dann macht man ihn aus Masochismus
weiter." Melguizo hat eine interessante, gut bezahlte Stelle im
spanischen
Exil aufgegeben und ist nach Kolumbien zurückgekehrt,
um in seiner
Heimatstadt Medellín Kulturreferent zu werden. "Wir
haben uns ja
alle nie vorgestellt, eines Tages Politiker zu
werden",
sagt er über sich und seine Kollegen, die nun im
modernen
Rathaus-Klotz von Medellín den Ton angeben, "wir waren
doch eigentlich
immer auf die andere Seite gebucht." Und nun
machen sie,
die zur neuen, unkonventionellen Führung der Stadt
gehören, die
Erfahrung, wie aufreibend, aber vor allem wie
faszinierend
es ist, einer Zwei-Millionen-Metropole einen neuen
Kurs, eine
neue Hoffnung zu geben.
Der
Mathematikprofessor Sergio Fajardo hatte, bevor er
als
Bürgermeister
von Medellín vereidigt wurde, noch nie den Fuß in
ein
öffentliches Verwaltungsgebäude gesetzt, erzählt Melguizo
grinsend, und
Krawatten trug er nur, wenn es gar nicht anders
ging. 2003
gewann Fajardo die Wahl gegen den Amtsinhaber Luis
Pérez, den man
Ludwig XV. nannte, weil 15 Prozent der unter ihm
übliche Korruptionsaufschlag war. Die Leute hatten
Mauschelei
und Gewalt auf
den Straßen gründlich satt und votierten für die
Nicht-Politiker, für Intellektuelle und Parteilose, Pragmatiker
und
Idealisten, Engagierte aus dem sozialen Bereich, Kandidaten,
die nicht mehr über links und rechts streiten,
sondern
Ergebnisse
sehen mochten. Unter Fajardo gelang die epochale
Wende, die die
einst gewalttätigste Stadt der Welt zu einem
Musterbeispiel
politischer Führung, sozialen Fortschritts und
friedlicher
Entwicklung gemacht hat. Fajardo trat 2007 ab,
Nachfolger
wurde aber einer seiner engsten Mitarbeiter, Alonso
Salazar Jaramillo.
Am Hang wächst
das Elend
Von der
Fußgängerbrücke, die die nagelneue San-Javier-Bibliothek
mit dem
Bahnhof der auf Stelzen geführten U-Bahn verbindet,
sieht man
hinunter auf eine vielbefahrene Straße, neben der ein
schmutziger
Bach verläuft, ein Autohof mit vernachlässigten
Gebäuden
steht. Stadtplaner Carlos Mario Jiménez zeigt, was da
unten
demnächst geschehen wird: Grünflächen, Sportplätze, der
Bach bekommt
einen Saum. Das ist nur ein kleiner Teil dessen,
was Jiménez als "integriertes urbanes Projekt"
bezeichnet. Und
was das
bedeutet, erkennt man, wenn man den Kopf hebt und auf
das Panorama
schaut, das sich hinter der U-Bahn-Station ausbreitet.
Wie ein steil
ansteigendes, ziegelrotes Amphitheater überzieht
der Stadtteil Comuna 13 den Berg -- ein endloser Wirrwarr von
Häusern und
Häuschen, von Straßen und Gässchen, ohne Platz und
ohne Plätze,
in dem 138 000 Menschen wohnen. In diesem Viertel,
das umso
elender wird, je weiter es sich den Hang hinaufzieht,
herrschte 2002
Krieg. Damals rückte die linke Guerilla in die
Stadt ein, die
rechten Paramilitärs versuchten sich zu
behaupten, die
Armee bekämpfte beide, und die Bevölkerung stand
zwischen allen
Fronten.
Das
spektakulärste der 35 Projekte, die die Stadt in der Phase,
als die Gewalt
abklang, hier in Angriff nahm, beginnt im
Metro-Bahnhof:
Dort fährt die Seilbahn ab, die auch die ärmsten
und höchsten
Flecken der Comuna 13 erschließt. "Dass eine
Seilbahn als
Massentransportsystem betrieben wird, ist
einzigartig
auf der Welt", sagt Jiménez. Zwei solcher
"Metrocables" sind in Medellín in Betrieb, vier weitere
Linien
sollen folgen.
Damit löst eine Stadt, die in einem langgezogenen
Tal liegt und
immer höher die Hänge emporklettert, auf
originelle Art
eines ihrer Transportprobleme. Das Beispiel macht
Schule. Auch
in Caracas und Rio de Janeiro sollen demnächst
Seilbahnen
fürs Volk fahren.
Viertel wie Comuna 13 sind schnell, ungeplant und unkontrolliert
gewachsen,
Folge der Gewalt in einem Land, das fast vier
Millionen
Inlandsflüchtlinge zählt. Die Infrastruktur muss also
nachträglich
eingezogen werden. "Stellen Sie sich vor, was es
kosten würden,
hier richtige Straßen hochzulegen", sagt Jiménez,
während die
silbergraue Kabine für zehn Passagiere in 30 Metern
Höhe über die Comuna 13 hinwegschwebt. Aus der Luft zeigt der
Stadtplaner,
was bereits gebaut und angelegt ist: Schulen, Wege,
Treppchen,
Brücken, kleine, terrassierte Parks.
1991, als noch
die Drogen-Kartelle die Stadt in der Hand hatten,
als die Guerilla stärker und Paramilitärs noch nicht
demobilisiert
waren, wurden in Medellín 381 Menschen pro 100 000
Einwohner
ermordet. Im vergangenen Jahr waren es 26, eine Folge
auch der neuen
Politik, die auf sozialen Ausgleich setzt. "Als
ich jung war,
sah man jeden Tag Tote auf der Straße", sagt der
Journalist
Mauricio Mosquera, "und heutzutage ist es
möglich,
dass zu einem
Konzert von Juanes" (ein populärer Sänger, d.
Red)
"140 000
Leute auf der Straße sind, und nichts passiert, außer
dass ein paar
Leute in Ohnmacht fallen."
Es ist die
Wiedergewinnung des öffentlichen Raumes oder, noch
umfassender,
des Öffentlichen, die aus der Mord-Metropole
Medellín ein
bemerkenswert erfolgreiches soziales Labor gemacht
hat. "Wir
müssen wieder zusammenkommen, wir müssen die Mauern
abreißen, die
uns getrennt haben, wir müssen uns wieder
versöhnen", sagte Fajardo. Und wie macht
man das? Indem man zum
Beispiel neue,
gute Schulen baut, zehn an der Zahl bisher, und
vorhandene
repariert und erweitert. Indem man in die
Armenviertel
Bibliotheken baut, die auch Begegnungszentren für
die Bürger
sind. Und indem man die Armen nicht nur mit ärmlicher
Architektur
abspeist: Die España-Bibliothek steht schön, fremd
und ziegelrot
wie ein Raumschiff aus einer anderen Galaxie
mitten in
ihrer unverputzt bescheidenen Umgebung. Von besonderer
Symbolik ist,
dass Kolumbiens Star-Architekt Rogelio Salmona in
Moravia, einem
auf einer Müllkippe entstanden Armenviertel, ein
Kulturzentrum
gebaut hat.
Dicke Luft im
Tal
"In den
vergangenen vier Jahren ist in Medellín mehr geschehen
als in den 40
Jahren vorher", sagt der Journalist Mosquera. 60
Prozent ihres
Haushalts wendet die Stadt für Soziales auf, davon
entfallen zwei
Drittel auf Bildung. "Wir geben fünf Prozent für
Kultur
aus", sagt Melguizo stolz, "auf nationaler
Ebene sind es
0,34
Prozent." Das wiederbelebte Stadtzentrum mit Museen,
Theatern und
Ausstellungshallen ist verbunden mit dem "neuen
Norden",
einem Ensemble aus dem aufgewerteten Botanischen
Garten, einem
renovierten Vergnügungspark und einem populären
Naturwissenschafts-Museum.
Und wie wird
der Umschwung finanziert? Vor allem mit dem Geld
der
städtischen Betriebe, die in Medellín, entgegen dem
neoliberalen
Trend der 90er Jahre, nie privatisiert wurden und,
anders als
prophezeit, mit Wasser, Strom und Telefon ordentlich
Gewinn machen.
Die
Sympathisanten der Stadtregierung verhehlen nicht, dass noch
viel zu tun
ist. Die Luft ist miserabel im Tal von Medellín, ein
modernes
Verkehrskonzept steht noch aus, und Rubén Fernández,
Chef einer
Friedens- und Umwelt-Initiative, kreidet der Kommune
an, dass sie sich
um die politischen Landflüchtlinge längst
nicht so gut
kümmert wie um die demobilisierten Paramilitärs:
"Für die
Täter gibt es Geld und Aufmerksamkeit, aber nicht für
die
Opfer."
GHARTZ
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 105)
Datum: Dienstag, den 06. Mai 2008
Seite: 14