Mit Billig-Jobs in die Armut

Zahl der prekär Beschäftigten steigt stark

Von Eva Roth

Frankfurt. In Deutschland gibt es immer mehr Leiharbeiter, befristet Beschäftigte und Minijobber. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts vom Mittwoch stieg in den vergangenen zehn Jahren die Zahl dieser sogenannten atypisch Beschäftigten von 5,3 auf 7,7 Millionen - das sind mittlerweile 22 Prozent aller Erwerbstätigen.

Ihr Armutsrisiko sei besonders hoch: Rund 14 Prozent der atypisch Beschäftigten seien armutsgefährdet. Bei regulär Beschäftigten, die mehr als halbtags arbeiten, beträgt der Anteil dagegen nur 3,2 Prozent. Das Armutsrisiko sei in den vergangenen zehn Jahren bei diesen Arbeitnehmern nicht gestiegen. Bei prekär Beschäftigten ist es dagegen in die Höhe geschnellt.

Die IG Metall warnte vor einem erneuten drastischen Anstieg der Leiharbeit nach der Krise: Mittelfristig drohe ihre Zahl auf 2,5 Millionen Menschen zu steigen, sagte der Vizevorsitzende der Gewerkschaft, Detlef Wetzel, am Mittwoch in Frankfurt. Dies wären fünfmal so viele Zeitarbeiter wie heute.

"Wenn die Politik nicht handelt, ist sie dafür verantwortlich, dass weitere zwei Millionen Menschen eine Perspektive auf eine gesicherte Zukunft verwehrt wird", so Wetzel. Er forderte die Politik auf, die Zeitarbeit wieder strenger zu regeln. So sollen Leihkräfte nur für eine bestimmte Zeit in einem Betrieb arbeiten dürfen. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass sie besser bezahlte und abgesicherte Festangestellte ersetzen. Gewerkschaftsvize Wetzel nannte es "unerträglich", dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu diesem Thema schweige.

Gleichzeitig stellte Wetzel die bisherige Strategie der Gewerkschaften in Frage: Die Tarifverträge für Zeitarbeiter gehörten auf den Prüfstand. Denn damit sei es nicht gelungen, die Branche sinnvoll zu regulieren. Seiten 12/13

 

Das Armutsrisiko steigt - aber nicht für alle

Die Zahl der prekär Beschäftigten nimmt mit rasanter Geschwindigkeit zu / Kündigungsschutz wird ausgehöhlt

Von Eva Roth

Frankfurt. Die gute Nachricht lautet: Die Zahl der Erwerbstätigen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Zwischen 1998 und 2008 verzeichnete das Statistische Bundesamt einen Zuwachs von rund zwei Millionen abhängig Beschäftigen und Selbstständigen.

Die schlechte Nachricht: Verantwortlich für das Plus ist fast ausschließlich die Verbreitung von sogenannten atypischen Beschäftigungsformen, dazu gehören Leiharbeiter, befristet Beschäftigte, Minijobber und Arbeitnehmer mit einer kleinen Teilzeitstelle mit 20 Wochenstunden oder weniger. Die Zahl der "Normalarbeitnehmer" ist dagegen gesunken. Zu dieser Gruppe zählt das Statistische Bundesamt Vollzeitkräfte und Teilzeitbeschäftigte, die länger als halbtags arbeiten. Ihr Anteil an den Erwerbstätigen sank von 72,6 auf 66 Prozent.

Minimale Rentenansprüche

Warum das ein Problem ist? Weil atypische Jobs oft unsicher sind: Viele Leiharbeiter sind so kurz beschäftigt, dass sie nicht unter den Kündigungsschutz fallen, Befristete können sowieso nach Ablauf des Vertrags nach Hause geschickt werden, und Minijobber haben nur minimale Rentenansprüche.

Außerdem verdienen diese Menschen sehr wenig: Ein regulär Beschäftigter erhielt 2006 rund 18 Euro pro Stunde, ein Zeitarbeiter dagegen nur 9,70 Euro. Neuere Zahlen lägen nicht vor, so Martin Beck vom Statistischen Bundesamt. Der Fachmann für Verdienste geht aber davon aus, dass sich bei den Lohnabständen seither nichts Wesentliches geändert hat. Fast die Hälfte der atypisch Beschäftigten erhielt nur einen Niedriglohn, also weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens. 2006 lag die Niedriglohnschwelle bei 9,85 Euro. Bezogen auf alle Berufstätige seien 20 Prozent aller Beschäftigten Geringverdiener.

Die Statistiker haben sich auch angeschaut, wer von Armut bedroht ist. Hier konnten sie auf aktuellere Daten zurückgreifen. Demnach waren im vorigen Jahr 3,2 Prozent der Normal-Arbeitnehmer armutsgefährdet. Bei den atypisch Beschäftigten waren es dagegen mehr als 14 Prozent. Bei Minijobbern ist dabei die Gefahr am größten, in die Armut zu rutschen.

Das Bemerkenswerte: Vollzeitkräfte haben heute praktisch genau das gleiche Armutsrisiko wie vor zehn Jahren. Bei prekär Beschäftigten ist das Risiko dagegen deutlich gestiegen - und zwar um 46 Prozent.

Ein Grund dafür sei die Zunahme der Minijobs, erläutert Peter Weigl, Vizepräsident des Statistischen Bundesamts. Denn ihre Stundenlöhne sind besonders niedrig, und die Leute dürfen nur maximal 400 Euro im Monat verdienen. Hinzu komme, dass die Bruttoverdienste von prekär Beschäftigten langsamer gestiegen seien als von Vollzeitkräften.

Bei der Frage, wer armutsgefährdet ist, wird aber nicht nur der Lohn berücksichtigt. Hier schauen sich die Statistiker das gesamte Nettoeinkommen eines Haushalts an. Dazu zählen auch Sozialleistungen wie Hartz IV und Einkommen aus Vermögen.

Als armutsgefährdet gilt, wer in einem Haushalt lebt, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommen leben muss. Heute gebe es mehr Alleinverdiener als früher, so die Statistikexperten.

Zudem sei die Zahl der Erwerbstätigen, die in einem Ein-Personen-Haushalt leben, leicht gestiegen. Auch da seien Gründe für den Anstieg des Armutsrisikos.

Übrigens sind Männer mit einem prekären Job öfter gefährdet als Frauen. Der Grund ist einfach: Frauen sind öfter Zuverdienerinnen, die einen Partner haben, der eine ganz normale Vollzeitstelle hat. Kommentar

 

Kommentar

Politik wirkt

Von Eva Roth

Da sage nochmal jemand, die nationale Politik könne eh nichts ausrichten im Zeitalter der Globalisierung. Kompletter Unsinn. Die Politik hat in den vergangenen Jahren den Arbeitsmarkt liberalisiert, die rot-grüne Regierung war dabei sehr eifrig, aber auch die schwarz-gelben Vorgänger-Koalitionen ließen sich nicht lumpen. Es galt, den angeblich verkrusteten Arbeitsmarkt umzumodeln. Das ist gelungen. Der Beschäftigungszuwachs in den letzten Jahren fand ausschließlich bei prekären Jobs statt. Die Einkommen sind nur mäßig gestiegen und in den letzten Jahren real sogar gesunken.

Auch das war kein Unfall. Erklärtes Ziel der Politik war es, mehr Beschäftigung im Niedriglohnbereich zu ermöglichen. Die haben wir jetzt. Die Politik hat ihre Ziele erreicht - leider.

Die Zunahme der atypischen Jobs hat dazu geführt, dass mehr Menschen armutsgefährdet sind, obwohl sie nicht faul zu Hause rumsitzen. Das Armutsrisiko ist ausschließlich bei den atypisch Beschäftigten gestiegen. Glaubt irgendjemand trotzdem noch den CDU-Slogan "Sozial ist, was Arbeit schafft"? Dass immer mehr Menschen trotz Job nahe an der Armutsgrenze leben, hat mit sozialer Politik nichts zu tun. Für den Sozialstaat insgesamt ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ein Problem: Mehr Minijobs bedeutet weniger Beitragseinnahmen.

Für Arbeitgeber hat die Zunahme der prekären Jobs dagegen klare Vorteile: Leiharbeiter sind billiger als Festangestellte. Und in der Krise konnten sich Unternehmen von Zehntausenden Zeitarbeitern und befristet Beschäftigten trennen, ohne Sozialplan, ohne einen Cent Abfindung zahlen zu müssen.

Wenn die Politik nicht umsteuert, werden nach der Krise zunächst und vor allem wieder Menschen als Leiharbeiter angeheuert. Denn die Unternehmen werden mit Sicherheit nicht freiwillig auf die Vorteile der Zeitarbeit verzichten. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft in den Betrieben würde sich weiter verfestigen. Leider ist dieses Szenario eher wahrscheinlich. Denn die CDU macht keinerlei Anstalten, von ihrer Liberalisierungspoltik abzurücken. Und die SPD ist erstens schwach und schlägt zweitens nur zaghaft einen neuen Kurs ein.

Reformen bringen mehr prekäre Jobs

FR 20.8.09