Merkels Mär vom Aufschwung

Forschungsinstitut IMK ermittelt kaum Vorteile für die meisten Bundesbürger

Von Michael Bergius

Berlin. Bei der großen Mehrheit der Bundesbürger ist der jüngste wirtschaftliche Aufschwung nicht angekommen. Zu dieser Einschätzung gelangt das gewerkschaftsnahe Konjunkturforschungsinstitut IMK – und widerspricht damit wiederholten Erfolgsmeldungen der Bundesregierung. Für die Mehrzahl der Bundesbürger müsse der Begriff Aufschwung neu definiert werden, sagte IMK-Direktor Gustav Horn in Berlin: „Wachstum ohne Einkommenszuwachs“.

Das IMK hat die jüngste ökonomische Auftriebsphase ( zwischen Herbst 2004 und Herbst 2007) mit dem vorherigen Aufschwung 1998 bis 2001 verglichen. Das Fazit: Haushalte, deren wesentliche Quelle das Arbeitseinkommen ist, hätten zuletzt „insgesamt nicht von der Aufwärtsdynamik profitiert“. Ihr verfügbares Einkommen habe preisbereinigt stagniert, während die Privathaushalte in der Boomphase der späten 90er Jahre immerhin noch ein Einkommensplus von rund sieben Prozent verzeichnet hätten.

Gewinne steigen

Als „außerordentlich gut“ bewertet die Studie dagegen die Entwicklung der „real verteilten Gewinne“ und Vermögenseinkommen. Unternehmenserlöse hätten in den vergangenen elf Aufschwung-Quartalen um 25 Prozent zugelegt und seien damit „geradezu explodiert“. Aber, so der zarte Hinweis der Forscher, bei jenen glücklichen „Vermögensbesitzern handelt es sich um eine relativ kleine Gruppe in der Gesellschaft“. Zwei Drittel der Erwachsenen habe kein oder nur geringes Vermögen, während das reichste Zehntel der Bevölkerung knapp 60 Prozent besitze.

Die Erkenntnisse des IMK stehen im krassen Gegensatz zur Sichtweise von Kanzlerin und Wirtschaftsminister. Angela Merkel (CDU) und Michael Glos (CSU) haben jüngst immer wieder verkündet, der Aufschwung komme „bei den Menschen an“. Der aktuelle Jahresbericht des Wirtschaftsministers wagt überdies die Prognose, dass 2008 die Konsumzurückhaltung nachlassen werde, weil die privaten Haushalte finanziell besser ausgestattet seien als in den Vorjahren.

Horns Institut warnt davor, sich einer „trügerischen Hoffnung“ hinzugeben. Der gesamtwirtschaftliche Lohnanstieg werde 2008 „bei weitem nicht so hoch“ ausfallen, als dass der private Konsum „zum rasanten Zugpferd der Konjunktur“ werden könnte. Schließlich hätten zahlreiche „atypische“ Arbeitsverhältnisse eine hohe Job-Dynamik nur vorgetäuscht und die Löhne in Deutschland gedrückt. Daneben würden Beschäftigte immer mehr gezwungen, einen Teil ihres Nettoeinkommens zu sparen, um das sinkende Rentenniveau auszugleichen. „Woher soll der prognostizierte starke Anstieg des privaten Verbrauchs kommen?“, fragt die IMK-Studie. Horns Antwort: Eine stärkere Lohnentwicklung – so um die 3,5 Prozent – „würde Konsum- und Wirtschaftsentwicklung voranbringen“.

 

RBÖRNECKE



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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 55)
Datum: Mittwoch, den 05. März 2008
Seite: 19

 

Reallöhne steigen nicht

Die Bundesbürger haben 2007 das vierte Jahr in Folge unter dem Strich Lohneinbußen hinnehmen müssen. Zwar stiegen die Bruttolöhne und -gehälter nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 1,4 Prozent auf 27 083 Euro. Die Lebenshaltungskosten erhöhten sich aber mit einem Plus von 2,2 Prozent deutlich stärker. Fr 6.3.08