Mehr Staat wagen
Die Welt ist unzufrieden mit dem Kapitalismus. Laut einer
zum 20. Jahrestag des Mauerfalls veröffentlichten BBC-Studie glauben nur 11
Prozent der Befragten in 27 Ländern, dass er gut funktioniert. 23 Prozent sind
für eine ganz neue Wirtschaftsordnung, und eine Mehrheit befürwortet stärkere
Eingriffe des Staates. Seite 6
Die Systemfrage
BBC-Studie: Weltweit viel Kritik am Kapitalismus / Die
Deutschen halten ihn für reparabel
Von Volker Schmidt
Es war nicht alles
schlecht im Kapitalismus - wird es vielleicht in ferner Zukunft einmal heißen.
Heute lassen die Menschen an diesem Wirtschaftssystem kaum ein gutes Haar, wie
eine Umfrage im Auftrag der BBC in 27 Ländern ergeben hat: Nur elf Prozent der
Befragten sind der Meinung, dass der Kapitalismus so funktioniert, wie er ist.
Immerhin hält mehr als die Hälfte (51 Prozent) den Patienten
für heilbar: Die Probleme des Kapitalismus könnten durch Regulierung und
Reformen gelöst werden. Aber 23 Prozent beurteilen den Kapitalismus auch als
grundfalsch und glauben, ein anderes System sei nötig. 15 Prozent hatten keine
Meinung, gaben keine Antwort oder sagten: "Kommt drauf an."
Das größte Vertrauen in die ungezügelte Wirtschaft fanden
die Meinungsforscher ausgerechnet in einem Land, in dem die Krise viele
Menschen um Jobs und Häuschen gebracht hat: In den USA sagen 25 Prozent, der
Kapitalismus sei voll in Ordnung. Außer in Pakistan (21 Prozent) liegt die
Zustimmung sonst überall bei weniger als 20 Prozent.
Deutsche wählen Mittelweg
Die Deutschen sind das Volk, das mit der größten Mehrheit
den Mittelweg wählt: 75 Prozent hoffen auf Reform und Regulierung, nur acht
Prozent sind für einen Systemwechsel. Immerhin 16 Prozent glauben, zusätzliche
Regulierung würde schaden.
Die weltweite Studie lege den Schluss nahe, "dass das
Vertrauen in die freien Märkte in den vergangenen zwölf Monaten der
Wirtschafts- und Finanzkrise einen schweren Schlag erlitten hat", schreibt
BBC-Korrespondent James Robbins. Der Chef des mit der Studie beauftragten
Meinungsforschungsunternehmens Globescan, Doug
Miller, sagte: "Offenbar war der Fall der Berliner Mauer 1989 doch nicht
der Kantersieg der kapitalistischen freien Marktwirtschaft, der er damals zu
sein schien."
Glaubt man der Studie, bricht die Weltrevolution demnächst
in Frankreich aus: Mit 43 Prozent wünschten sich dort die meisten Menschen
einen Systemwechsel, gefolgt von Mexiko (38 Prozent), Brasilien (35 Prozent)
und der Ukraine. Die Kritik an der Marktwirtschaft ist zwar in den 27 Ländern
der Studie unterschiedlich stark ausgeprägt. Fast überall aber fanden die
Forscher eine Mehrheit für ein stärkeres Eingreifen von Regierungen.
"Einige Elemente des Sozialismus, etwa die gleiche
Verteilung des Wohlstands durch die Regierung, sprechen viele Leute auf der
Welt weiter an", sagte Steven Kull von der
Universität von Maryland, die an der Studie beteiligt war. Im Schnitt sind 67
Prozent der Meinung, der Staat solle eine aktivere Rolle dabei spielen, den
Wohlstand gleichmäßiger zu verteilen. 12 Prozent sind mit den
Umverteilungsbemühungen ihrer Regierungen zufrieden, 16 Prozent wollen dem
Staat eine kleinere Rolle zubilligen.
In 22 der 27 Länder spricht sich eine Mehrheit für mehr
Staat aus. Latein- und Südamerikaner vertrauen von oben gesteuerter
Umverteilung am meisten: Rund neun von zehn Befragten sind für eine größere
Rolle der Regierung. In Deutschland wünschen sich 74 Prozent mehr staatliche
Umverteilung; in der Türkei sind es nur 9 Prozent. Gegen eine größere Rolle der
Regierungen in diesem Bereich sind auch Inder und Pakistaner (60 und 66
Prozent), Polen (61) und US-Bürger (59 Prozent).
Mehr staatliche Regulierung der Wirtschaft würden weltweit
56 Prozent begrüßen, weniger fänden 22 Prozent besser. Ausgerechnet in
Brasilien, wo die Arbeiterpartei regiert, fordern 87 Prozent mehr Regulierung,
gefolgt von so unterschiedlichen Ländern wie Chile, Frankreich, Spanien und
China. In Deutschland sind 45 Prozent für mehr Regulierung, 28 Prozent für
weniger, 24 Prozent sind zufrieden, wie es ist.
Keine absolute Mehrheit bekommt die Verstaatlichung der
Industrie, aber immerhin 48 Prozent finden, der Staat solle die Betriebe
wichtiger Branchen besitzen oder direkt kontrollieren. In den USA sind 52, in
Deutschland 50 und in der Türkei sogar 72 Prozent gegen staatliche Firmen.
Und wie war die Sowjetunion?
Die Meinungsforscher wollten auch wissen, ob der Zerfall der
Sowjetunion im Rückblick "eher eine gute Sache" oder "eher eine
schlechte Sache" gewesen sei. 54 Prozent in allen Ländern finden: klasse
Sache. Dagegen halten im Schnitt 22 Prozent den Untergang der kommunistischen
Supermacht für eher schlecht, 24 Prozent gaben keine Antwort.
Die Westeuropäer sind sich einig darin, das Ende des
Eisernen Vorhangs zu feiern, allen voran die Deutschen (79 Prozent). Noch
begeisterter sind nur die US-Amerikaner (81), die Japaner (80) und die Polen
(80 Prozent). Auch die Tschechen vermissen den roten Bruder nicht (63 Prozent).
Außerhalb der westlichen Welt ergibt sich ein anderes Bild: Sieben von zehn Ägyptern (69 Prozent) fehlt die Sowjetunion. In vielen Ländern, wie Nigeria, Pakistan, Indien oder Indonesien halten sich Zustimmung und Ablehnung fast die Waage; große Teile schlagen sich nicht auf eine der beiden Seiten. In den ehemaligen Sowjetstaaten Russland und Ukraine wären 61 und 54 Prozent lieber sozialistische Sowjetrepubliken geblieben.
Fr 10.11.09