Massenproteste in Frankreich
Hunderttausende demonstrieren gegen Arbeitsrechtsreform /
Premier de
Villepin bietet Gewerkschaften
Dialog an
Auf 160 Kundgebungen haben am Dienstag in Frankreich
Hunderttausende gegen
den Abbau des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger
demonstriert. Den
umstrittenen "Erstarbeitsvertrag" hatte die
Regierungsmehrheit um Premier
Dominique de Villepin vor wenigen
Tagen beschlossen.
Jung ohne Job (FR-Infografik)
+ Jung ohne Job (FR-Infografik)
Paris · Auf der Grundlage dieses "Contrat
Nouvelle Embauche"
(CPE) können
Arbeitgeber innerhalb von zwei Jahren nach Vertragsabschluss
ohne Angabe von
Gründen das Beschäftigungsverhältnis beenden. Die Studenten-
und
Schülerorganisationen, die seit der Bekanntgabe des Projekts
Mitte Januar
Sturm gegen den CPE laufen, sehen wie die französischen
Gewerkschaften in
dieser Ausgestaltung des Arbeitsvertrages einen
"Generalangriff der
Regierung auf das Arbeitsrecht" im Land. Sie befürchten
durch das neue
Vertragsrecht (der CPE richtet sich an unter 26-Jährige, die
erstmals ein
Beschäftigungsverhältnis eingehen) die ständige Ausgrenzung
der jungen
Generation von Dauerarbeitsverträgen, die ihnen erst die
Möglichkeit geben,
Miet- und Kreditverträge abzuschließen.
Bereits vor einem Monat hatten mehrere hunderttausend
Demonstranten gegen
die damals noch nicht vom Parlament verabschiedeten
Regierungsprojekte
protestiert. Die Mobilisierung Anfang Februar fiel
angesichts der Schul- und
Universitätsferien eher enttäuschend aus, während am
Dienstag die
Demonstrationszüge von großen Schüler- und Studentengruppen
angeführt
wurden.
Für die Regierung des seit neun Monaten amtierenden Premiers
de Villepin,
der den CPE gegen den Rat seiner Fachminister eingeführt
hatte, stellen die
Massendemonstrationen eine schwierige Bewährungsprobe gut
ein Jahr vor den
Präsidentschaftswahlen im Mai 2007 dar. Die
Popularitätswerte de Villepins,
dessen "Kampf für Beschäftigung" in der
Bevölkerung ursprünglich wohlwollend
aufgenommen wurde, sind seit Januar dramatisch abgestürzt.
Kritik an De villepin
Fast zwei
Drittel der Franzosen finden die Proteste gegen die
Arbeitsmarktpolitik der Regierung
"gerechtfertigt", ebenfalls 65 Prozent
kritisieren die Wirtschaftspolitik von Premier de Villepin insgesamt als
"schlecht". Während im Januar noch die Mehrheit
hinter dem Projekt des
"Erstarbeitsvertrags" CPE stand, befürchten nun 62
Prozent, dass dieser
Vertrag die "unsichere" Lebenssituation der jungen
Generation weiter
verstärkt. hhk
Die Gewerkschaften, die bislang bis auf wenige Ausnahmen
darauf
verzichteten, während der Aktionstage ihre Mitglieder zu
Streiks aufzurufen,
werfen de Villepin vor, ohne jede
Abstimmung mit ihnen das Arbeitsrecht in
Frankreich tief greifend zu verändern. Der Vorsitzende der
Arbeitergewerkschaft Force Ouvrière,
Jean Claude Mailly, schloss vor der
Demonstration am Dienstag nicht aus, dass die Gewerkschaften
in Zukunft auch
zu landesweiten Arbeitsniederlegungen aufrufen werden, um
die Regierung zur
Rücknahme des CPE zu zwingen.
In mehreren Großstädten wie Marseille, Rennes, Toulouse und
Nantes war der
öffentliche Nahverkehr beeinträchtigt, und auch einzelne
Flughäfen
verzeichneten Verspätungen und Absagen. Die französische
Staatsbahn SNCF
meldete hingegen "normalen" Betrieb.
Der Premierminister verteidigte sein Vorgehen am
Dienstagnachmittag im
Parlament unter Hinweis auf die seit 20 Jahren existierende
Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich. Mit dem CPE erhielten
Berufsanfänger
Anspruch auf Weiterbildung "vom ersten Tag an" und
"auf die Zahlung von
Arbeitslosengeld", was ihnen bislang durch befristete
Kettenarbeitsverträge
verweigert worden sei. Er kündigte den Gewerkschaften
"einen Dialog ab der
nächsten Woche" an. Hans-Helmut Kohl
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Dokument erstellt am 07.03.2006 um 17:29:10 Uhr
Erscheinungsdatum 08.03.2006