Machtkampf in Frankreich
Generalstreik gegen neues Arbeitsrecht
droht
Nach den Massendemonstrationen am
Wochenende in Frankreich haben die Gewerkschaften der Regierung ein Ultimatum
gestellt.
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Paris · Die Studenten-,
Schüler- und Arbeitnehmerorganisationen wollen am heutigen Montagabend über die
Ausrufung eines Generalstreiks entscheiden, falls Premierminister Dominique de Villepin die umstrittene Arbeitsrechtsreform (CPE) seiner
Regierung nicht zurückzieht. Insbesondere gegen die geplante zweijährige
Probezeit für Arbeitnehmer unter 26 Jahren demonstrierten am Samstag nach
Gewerkschaftsangaben landesweit rund 1,5 Millionen Menschen.
Die Demonstrationen waren der Höhepunkt einer seit zwei Monaten laufenden
Protestwelle vor allem an den französischen Hochschulen. Im Anschluss an die
friedlichen Kundgebungen gab es am Wochenende etliche schwere Ausschreitungen.
An vielen Hochschulen führten die Spannungen zwischen streikenden Studenten und
Kommilitonen, die lieber studieren und ihre anstehenden Examen absolvieren
wollen, zu massiven Schlägereien. 52 Menschen wurden verletzt, allein in Paris
gab es fast 200 Festnahmen.
Regierungssprecher Jean-François Copé sagte am
Sonntag, es werde keinen Rückzug des CPE geben, aber die Regierung sei offen
"für Verbesserungen". Doch damit geben sich Gewerkschaften und
Oppositionsparteien nicht zufrieden. Sie drohen ultimativ mit einem
Generalstreik. "Wenn Villepin sich nicht bewegt,
müssen mehrere Gewerkschaften zum übergreifenden Streiktag aufrufen",
sagte der Generalsekretär der Force Ouvrière,
Jean-Claude Mailly, am Sonntag.
Nur ein Drittel der Franzosen stützt den
Regierungschef
Der Regierungschef verhalte sich, "wie ein Brandstifter, der das Tal in
Flammen setzt und dann auf den Gipfel steigt und keine Hand rührt". Der
Chef der kommunistischen CGT, Bernard Thibault,
sagte: "Es geht um Rückzug und keinesfalls um Diskussionen mit dem Ziel,
eine schlechte Idee umzusetzen."
Politiker der Opposition, die an den Demonstrationen teilnahmen, forderten
Staatspräsident Jacques Chirac auf, den Regierungschef "zur Vernunft zu
bringen". Chirac und Villepin trügen zusammen
"die volle Verantwortung für die sozialen Spannungen im Land",
erklärten Verbände und Gewerkschafter auf den Demonstrationen.
Im Streit um die Arbeitsmarktpolitik schätzt nur ein Drittel der Bevölkerung
das Vorgehen des Regierungschefs positiv ein. Laut jüngsten Umfragen fordern
mehr als zwei Drittel der Franzosen in Übereinstimmung mit den Gewerkschaften
die Rücknahme des umstrittenen Arbeitsrechtsreformen,
insbesondere die Verschlechterung für junge Leute. Hans-Helmut Kohl
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 19.03.2006 um 18:04:11 Uhr
Erscheinungsdatum 20.03.2006
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Protest-Frühling in Paris
Generationenübergreifend organisiert
sich in Frankreich der Widerstand gegen die Pläne des Regierungschefs
VON HANS-HELMUT KOHL (PARIS)
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Verflixt lang ist er,
der Winter in diesem Jahr, nicht nur in Frankreich. Und deshalb wollen sie ihn
mit Macht vertreiben, die vielleicht 350 000 Menschen an diesem
Samstagnachmittag in Paris, die vom Platz Denfert-Rochereau
im Süden der Kapitale losziehen. Dabei geht es ihnen nicht um die immer noch
frischen Außentemperaturen, sondern um die Kälte einer Gesellschaft, die ihrer
Jugend keine Zukunft mehr bietet.
"Vive le printemps!"
- "Es lebe der Frühling", hat das Pärchen auf den Karton gemalt, der
an einem Besenstiel fröhlich über den Köpfen der Demonstranten auf dem
Boulevard St. Marcel tanzt. "Nieder mit dem CPE!" steht viel
prosaischer auf den Aufklebern, die von den Gewerkschaftsordnern auf beiden
Seiten des Zugs freigiebig ausgeteilt werden und sofort auf Mantel, Hüte,
Rucksäcke und Handtaschen geklebt werden. Die Drei-Buchstaben-Abkürzung für den
"Contrat Premier Embauche",
den "Erstarbeitsvertrag": Sie symbolisieren das Übel, das an diesem
Tag in Paris den Zorn der Abertausende auf sich zieht.
Seit Premierminister Dominique de Villepin Mitte
Januar völlig überraschend und ohne Abstimmung mit Gewerkschaften und
Arbeitgebern diesen neuen Arbeitsvertragstyp präsentierte, ist die Welle der
Proteste ständig angewachsen. "Das war der Tropfen zuviel,", sagt Yves, der sich mit seiner Frau Carole beim Schieben des Kinderwagens abwechselt, in dem Jocelyne sitzt - gerade zwei geworden und damit theoretisch
schon vom CPE betroffen.
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Denn die Villepin-Idee richtet sich an alle unter 26 Jahre, die erstmals
einen Arbeitsvertrag unterschreiben und dafür in Kauf nehmen sollen, dass sie
innerhalb der ersten beiden Jahre jederzeit und ohne Begründung auf die Straße
gesetzt werden können. Gelenkig soll sie schon sein, die junge Generation, sich
fügen in ihr Schicksal, und wenn dies eben vorsieht, dass sie keine sicheren
Arbeitsplätze erhalten, dann ist dies der Preis der Globalisierung.
Die aber spielt nicht mehr mit bei dieser ungerechten Aufteilung der Zukunft.
Waren es im Herbst 2005 zuerst die ausgegrenzten, weil zu 50 Prozent
arbeitslosen Jugendlichen in den Vorstädten der französischen Metropolen, die
mit wochenlangen Gewaltausbrüchen die politische Klasse zutiefst erschreckte,
so sind es diesmal die eigenen Kinder und Enkel, die "Non" sagen.
Studenten, Gymnasiasten und Fachhochschüler, bürgerlich und modisch angesagt
unterwegs, marschieren deshalb an diesem Tag auch neben Elternvertretern und
Rentnergruppen, die ihre Nachkommen unterstützen.
Die graue Dauerwelle neben den hennaroten Dreadlocks:
Generationenübergreifend organisiert sich der Widerstand dank der
Starrsinnigkeit eines Premiers. Für die Gewerkschaften, die aus den
Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre geschwächt hervorgingen, ist der
Protest gegen den CPE ein wahrer Jungbrunnen. Und den Studentenorganisationen,
die bislang nur Bruchteile des akademischen Nachwuchses in ihren Reihen
zählten, treibt er neue Mitglieder in Scharen zu.
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Die ersten Reihen der Pariser
Demonstration sind längst am Platz der Nation, sechs Kilometer vom Startpunkt
entfernt, angekommen, als die letzten gerade loslaufen. Rap und Reggae, Madonna
und Mick Jagger, dazwischen - natürlich - die Internationale und Spottgesänge
auf Staatspräsident und Premierminister stellen die akustische Kulisse. Und
weil es halt immer noch recht kalt ist unter der fahlen Frühlingssonne, wird
von einem Schülerblock die "La-Ola-Welle" vorgeführt:
Gymnastik der Gymnasiasten.
Während nach dem Ende des friedlichen Massenprotestes ein paar Krawallmacher
zuerst an der "Nation" und später im Quartier Latin die direkte
Konfrontation mit den Bereitschaftspolizisten suchen, sitzen die Gewerkschafts-,
Studenten- und Schülerrepräsentanten zusammen und freuen sich über den
landesweiten Erfolg. Ein Ultimatum an die Spitze des Staates wird formuliert:
Bis Montagabend ist entweder das Gesetzesprojekt zurückgezogen, oder "wir
schalten in einen höheren Gang", wie es ein Gewerkschaftssekretär
formuliert.
Und das heißt in Frankreich Generalstreik - eine Drohung, die schon mehr als
einen Premier das Amt kostete.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 19.03.2006 um 17:28:49 Uhr
Erscheinungsdatum 20.03.2006
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