Krank ohne Krankenkasse

Hunderttausende Menschen haben keine Krankenversicherung. Nicht nur illegal in Deutschland lebende Ausländer, sondern auch immer mehr Freiberufler fallen durch das soziale Netz. Die Malteser helfen ihnen im Krankheitsfall in einer Ambulanz.

VON JÜRGEN STOCK


Köln/Alpen Werner Förster kann seinen Fuß nicht mehr bewegen. „Vor vier Tagen bin ich die Treppe heruntergefallen“, sagt der 45-Jährige. „Seitdem tut’s weh.“ Der gebürtige Düsseldorfer, der jetzt im rheinischen Bergheim wohnt, kann sich nur noch auf Krücken vorwärts bewegen. Trotzdem sitzt er erst jetzt im Wartezimmer eines Arztes. Denn Werner Förster ist nicht krankenversichert.


Nun wartet er im Ursulaheim der Malteser in Köln darauf, bis Herbert Breker (67) ihn ins Behandlungszimmer bittet. Internist Breker arbeitet ehrenamtlich für den in Alpen am Niederrhein beheimateten Hilfsdienst „Malteser Migration“. Die Malteser-Abteilung, an deren Spitze die Alpenerin Angelika Haentjes-Börgers steht, bietet Hilfesuchenden ohne Krankenversicherung einmal pro Woche auf dem Gelände des Kölner St.-Hildegardis-Krankenhauses eine unentgeltliche Sprechstunde. 2001 hatte in Berlin die erste Beratungsstelle dieser Art aufgemacht. Sie sollte den zahlreichen illegal in der Hauptstadt lebenden Flüchtlingen eine medizinische Notfallversorgung bieten. „Aber inzwischen sind 30 Prozent unserer Patienten Deutsche“, sagt Haentjes-Börgers. Mehr als 300000 Menschen in Deutschland, schätzt sie, haben keine Krankenversicherung.


Es sind Menschen wie Werner Förster. Noch vor ein paar Jahren hätte sich der Computerspezialist nicht träumen lassen, dass er einmal in einem Wartezimmer für Bedürftige sitzen würde. „Bei einem Computerfachhändler habe ich angefangen und mich dann hochgearbeitet“, erinnert sich der 45-Jährige. „Ich habe damals richtig gut verdient.“ Er heiratete, das Ehepaar legte sich ein Häuschen zu. Doch dann kam’s für Förster knüppeldick: Nach einem zweijährigen Projekt in Süddeutschland wurde der Techniker arbeitslos. Zudem ging Försters Ehe in die Brüche. Förster machte sich selbstständig. Doch das Geschäft lief schlecht. Schließlich konnte der Bergheimer die Beiträge zu seiner Krankenversicherung nicht mehr bezahlen. Sie kündigte ihm.


Seitdem sind die Türen zum gesetzlichen Krankenversicherungssystem ein für allemal für ihn zugeschlagen. Denn wer zweimal seine Monatsbeiträge schuldig bleibt und deshalb keinen Versicherungsschutz mehr hat, darf laut Gesetz nicht mehr aufgenommen werden. Er ist aus dem sozialen Netz gefallen. „Auch die privaten Versicherungen machen um mich einen Bogen, wenn sie meine Schufa-Auskunft sehen“, sagt Förster.


Dabei wäre er durchaus bereit, in eine Versicherung einzuzahlen. Schließlich zählt er nicht zu den Ärmsten der Armen. Noch kann er von seinem Einkommen die Raten fürs Haus abbezahlen. „Ich liege mit dem Geld, das ich verdiene, knapp über Hartz IV“, sagt Förster. Ihn verbittert, dass einer wie er, der für sich selbst sorgt, im Notfall auf Einrichtungen wie die Ambulanz der Malteser angewiesen ist, während Arbeitslose den vollen Versicherungsschutz der Kassen genießen.


Manch andere erwischt das Unglück einfach nur zum falschen Zeitpunkt. Dem Kölner Michael D. (25) zum Beispiel wurde zum Verhängnis, dass er aus Stolz keine HartzIV-Leistungen beantragte. „Ich wollte dem Staat nicht auf der Tasche liegen“, sagt der Schulabbrecher. Als ihn ein Kontrahent bei einem Streit mit einem Schwert schwer an der Hand verletzte, sorgten die Malteser dafür, dass seine Wunde versorgt wurde. „Die haben sich sogar darum gekümmert, dass ich eine Bewegungstherapie bekam“, lobt Michael D. In der Regel übernehmen die Malteser die Kosten für solche zusätzlichen Behandlungen.


„Viele Patienten verschleppen ihre Krankheiten oder Verletzungen, ehe sie zu uns kommen“, sagt Internist Herbert Breker. Gerade hat er eine junge Frau ins Krankenhaus überwiesen. „Ihr Gips war seit drei Monaten nicht mehr gewechselt worden, das hat man schon gerochen“, berichtet Breker. Manchmal können er und seine beiden ehrenamtlich arbeitenden Kolleginnen auch nicht mehr helfen. „Bei einem Patienten vom Niederrhein, der mit akuten Atembeschwerden zu uns kam, stellten wir einen Tumor im Endstadium fest. So etwas hatten selbst die Kollegen im Krankenhaus lange nicht mehr gesehen. Eine Woche später war der Mann tot.“


Werner Förster hingegen kam gerade noch rechtzeitig. „Mein Wadenbein ist angebrochen“, sagt er, als er aus dem Röntgenzimmer kommt. Er ist dankbar, dass die Malteser ihm helfen konnten. Trotzdem wirkt er bedrückt. „Zwei bis vier Wochen lang kann ich nicht mehr arbeiten“, berichtet er. „Wie soll ich in der Zeit mein Geld verdienen?“

 

- /JÜRGEN STOCK


Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.24
Datum: Montag, den 29. Januar 2007
Seite: Nr.3