Kinderarmut wächst weiter
Forum fordert staatliche Hilfen
Berlin · Die Kritik kam von allen Seiten und hatte einen
Ausgangspunkt wie auch ein Ziel: In diesem Jahr zählt man gut 2,5 Millionen
Kinder in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze. 2,5 Millionen zu viel. Beim
Forum „Ausgeschlossen / Deutschland für Kinder“ von Unicef, Kinderschutzbund
und Bündnis für Kinder in der Berliner Akademie der Künste am Dienstag nahm
Unicef-Chefin Heide Simonis denn auch kein Blatt vor den Mund: Man werde „an
ein Tabu rangehen müssen“, meinte sie. „Der Staat muss sich in der Familie
engagieren.“ So etwas sei nicht Kontrolle oder Drangsalieren, sondern Hilfe.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), herbeigeeilt von der
Regierungspressekonferenz, stimmte mit ihr überein.
Man könne das Problem der Kinderarmut nicht einzeln
betrachten, so Merkel auf die Frage, ob sie das zur „Chefsache“ machen wolle:
„Das ist Sache aller meiner Kabinettskollegen“ – ebenso des Ressorts Familie
wie des Ressorts Arbeit. Nach Ansicht der Bundeskanzlerin zeige die gestiegene
Kinderarmut – seit 2004 hat sie sich vor allem mit der Einführung von Hartz IV
verdoppelt – das Auseinanderdriften der sozialen Gruppen in einem generell als
reich wahrgenommenen Land an. Die Tendenz, „manchmal in der Gesellschaft
wegzugucken“, könne so nicht mehr gelten. Auch nicht für die Union.
„Die Wahlfreiheit für Frauen, so wie das die Union meinte,
gibt es nicht“, postulierte Merkel. Arbeit und Familie seien noch immer nicht
miteinander vereinbar. Schließlich müsse sich auch die Rolle der Väter in der
Familie verändern. Konkret sagte die Kanzlerin, Familienministerin Ursula von
der Leyen (CDU) sei damit beauftragt, alle Instrumente der Familienförderung zu
prüfen und ein einheitliches ineinander greifendes System aufzubauen.
Dagegen stand allerdings die Kritik des Forums,
beispielsweise von Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers, für 2006 seien
entsprechende Gesetze zur Behebung der Kinderarmut angekündigt, aber noch nicht
angegangen worden. Ex-Bundespräsident Roman Herzog (CSU), Vorstandschef des
Bündnisses für Kinder, appellierte nochmals an den Gesetzgeber, im Grundgesetz
den Schutz der Familie durch „die Rechte des Kindes gegen die Familie“, also
seine Individualrechte, zu modifizieren.
Merkel lenkte insoweit auf Herzogs Anliegen ein, als sie
erklärte: „Das Schutzbedürfnis der Kinder kann nicht alleine an die Eltern
delegiert werden. Das geht die ganze Gesellschaft an.“ Als besonders der Hilfe
bedürftig deuteten Kanzlerin wie Forum die Alleinerziehenden aus: Von ihnen
gelten etwa 40 Prozent als „relativ arm“. rut
RVOLO
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 201)
Datum: Mittwoch, den 30. August 2006
Seite: 4
Aktionsplan gegen Kinderarmut gefordert
14.05 bis 14.30 Uhr, UKW 96,7
Frankfurt a. M. · Die Bundesregierung soll mehr gegen
Kinderarmut tun – das fordern das Kinderhilfswerk Unicef, der Deutsche
Kinderschutzbund und das Bündnis für Kinder, wie die Nachrichtenagentur epd
meldet. Nach offiziellen Angaben stieg die Zahl der armen Kinder in Deutschland
in vergangenen zehn Jahren schneller als die Armutsrate bei den Erwachsenen.
Demnach leben zurzeit in Deutschland rund 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche
in Familien, die auf Sozialhilfe angewiesen sind oder deren Einkommen die
Sozialhilfe nicht übersteigt. Immer mehr Kinder müssten auf Taschengeld, Freizeit-
und Sportangebote verzichten.
Die drei Organisationen bemängeln: Arme Kinder ernährten
sich oft schlecht, hätten Gesundheitsprobleme und Nachteile bei der Ausbildung.
Um zunächst den ärmsten Familien zu helfen, fordern sie nun kostenlose
Kindergartenplätze und mehr Ganztagsschulen. Kinder aus Einwandererfamilien
bräuchten gezielt Förderung und Unterstützung.
Stephan Hübner
CBIRZER
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 201)
Datum: Mittwoch, den 30. August 2006
Seite: 14